
Wenn gleiche Leistung nicht zu gleichen Chancen führt, stimmt etwas im System nicht. Mirjam Gruber und Giulia Isetti beleuchten, warum strukturelle Ungleichheiten fortbestehen, weshalb Quoten notwendig sind – und warum sie nicht diskriminieren, sondern ausgleichen.
Hast du schon einmal nach einem Unternehmen oder einer politischen Partei gegoogelt und bist auf der Team- oder Kandidierendenseite gelandet – nur um festzustellen, dass dir fast ausschließlich Männer entgegenblicken? Das ist weder Zufall noch subjektive Wahrnehmung: Es ist ein sichtbares Beispiel für das, was als „gläserne Decke“ bekannt ist – diese unsichtbare Barriere, die Frauen davon abhält, Führungspositionen zu erreichen.
Kritiker*innen behaupten gern, es liege daran, dass Frauen schlicht nicht die nötigen Kompetenzen für solche Rollen mitbringen. Aber stimmt das wirklich? Was bedeutet überhaupt „Kompetenz“? Wenn wir von sogenannten Hard Skills oder fachlichen Qualifikationen und Bildung sprechen, sagt die Statistik etwas ganz anderes. Laut dem italienischen Hochschulkonsortium AlmaLaurea, das fast 80 Universitäten untersucht, schneiden Studentinnen in vielen Bereichen besser ab als ihre männlichen Kollegen. Sie lernen fleißiger, erzielen höhere Noten, sammeln häufiger Auslandserfahrung, bleiben seltener sitzen und schreiben sich öfter für ein Studium ein. Auch beim Abschluss sind sie schneller und erfolgreicher als ihre männlichen Kommilitonen. Trotzdem kippt dieses Bild nur wenige Jahre nach dem Studium: Frauen haben seltener unbefristete Verträge, bekommen seltener eine Beförderung und verdienen im Schnitt rund 10 Prozent weniger als Männer. In Südtirol sind es aktuell sogar 17 Prozent.
Und auch wenn wir von Soft Skills sprechen, zeigen Studien, dass Frauen über ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit, emotionale Agilität und Selbstorganisation verfügen, die sie befähigen, zwischen diesen Dynamiken zu navigieren und sich an individuellen Situationen zu orientieren. Frauen wenden häufig einen transformationalen Führungsstil an - das heißt, sie kombinieren traditionell männliche und weibliche Eigenschaften. Dieser Stil gilt als besonders wirksam, wenn es darum geht, Mitarbeitende zu inspirieren und zu motivieren.
Gleichstellung – ein Schritt vor, zwei zurück?
Es scheint also weder an mangelnder Ausbildung noch an fehlenden fachlichen oder sozialen Kompetenzen zu liegen. Was Frauen offenbar fehlt, ist dieser schwer greifbare „X-Faktor“. Doch genau dieser lässt sich kaum benennen, geschweige denn gezielt erwerben. Er setzt sich aus einer Mischung aus Netzwerken, kulturellen Stereotypen und gesellschaftlichen Erwartungen zusammen. Natürlich können Mentoring-Programme und professionelles Netzwerken unterstützend wirken – doch sie stoßen an ihre Grenzen in einem System, in dem diejenigen an der Spitze meist jene fördern, die ihnen selbst ähneln. Oft ist in diesem Zusammenhang vom sogenannten „Old Boys’ Club“ die Rede, wenn in Wirtschaft oder Politik Posten und Aufstiegsmöglichkeiten nach Kriterien wie Vertrautheit, Loyalität oder schlichtweg Vetternwirtschaft vergeben werden. In diesen geschlossenen Zirkeln bleiben Frauen häufig außen vor.
Aber es bewegt sich auch etwas – das zeigt etwa der Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums, der seit 2006 die Entwicklungen zur Gleichstellung in vielen Ländern dokumentiert. Laut aktuellen Prognosen wird es im derzeitigen Tempo jedoch noch über 130 Jahre dauern, bis wir von echter Gleichstellung sprechen können. Damit würde das Ziel der UN-Nachhaltigkeitsagenda (SDGs) für 2030 deutlich verfehlt - und das selbst unter der optimistischen Annahme eines linearen Fortschritts. Die vergangenen Jahre haben das Gegenteil bewiesen. Von Angriffen auf reproduktive Rechte bis hin zur Verbannung von Begriffen wie „Diversität“, „Diskriminierung“ oder „Gender“ – selbst in demokratischen Kontexten ist ein beunruhigender Rückschritt zu beobachten.
Gerade in Krisenzeiten treten bestehende Ungleichheiten besonders deutlich zutage. Schutzmaßnahmen werden vernachlässigt, Gleichstellungspolitik gerät ins Hintertreffen. Während der Covid-19-Pandemie [verloren Frauen weltweit mehr Jobs als Männer](https://www.mckinsey.com/~/media/McKinsey/Industries/Public and Social Sector/Our Insights/Future of Organizations/COVID 19 and gender equality Countering the regressive effects/COVID-19-and-gender-equality-Countering-the-regressive-effects-vF.pdf?utmsource=chatgpt.com) - und das nicht nur, weil sie überproportional in Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistungsberufen tätig sind, sondern auch, weil Frauen den Großteil der Care-Arbeit leisten mussten. Laut UN Women hat die Pandemie Frauenrechte weltweit um etwa 25 Jahre zurückgeworfen. In [Ländern mit verbindlichen Gleichstellungsmaßnahmen](https://eige.europa.eu/sites/default/files/theindexpressreleasefinalde.pdf?utm), wie sie in vielen skandinavischen Staaten existieren, konnten Fortschritte dagegen deutlich besser abgesichert werden.
Diese Entwicklungen zeigen eindeutig: Fortschritt ist keineswegs garantiert – und kann jederzeit ins Stocken geraten oder gar rückgängig gemacht werden. Deshalb reicht es nicht, einfach auf den Lauf der Zeit zu vertrauen. 130 Jahre – das entspricht fünf Generationen. So lange müssten wir also warten, wenn wir darauf hoffen, dass sich Gleichstellung „von allein“ durchsetzt. Angesichts dieser Realität scheint ein gezielter Eingriff in ein derzeit unausgewogenes System der einzig realistische Weg, um Veränderung zu beschleunigen. Und damit sind wir bei einem der umstrittensten Themen in der Gleichstellungsdebatte: den strukturellen Maßnahmen – allen voran den Geschlechterquoten. Dabei handelt es sich um Regelungen, die Unternehmen oder politische Institutionen verpflichten, einen bestimmten Anteil von Personen des jeweils weniger vertretenen Geschlechts einzubeziehen. In den allermeisten Fällen bedeutet das: Frauenquoten. Doch inzwischen wird in manchen Bereichen des öffentlichen Dienstes – etwa im Bildungssektor, wo Frauen in der Mehrheit sind – auch über eine Einführung von „Männerquoten“ diskutiert.
„Von zwei Übeln wähle stets das kleinere“
So schrieb es der deutsche Mönch Thomas von Kempen. Sind Quoten ein ungerechtes Instrument? In gewisser Weise, ja. In einigen Bereichen, etwa in den Natur- und Technikwissenschaften (STEM), gibt es nachweislich weniger Bewerberinnen. Kritiker*innen befürchten, dass Quoten dazu führen könnten, Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts zu bevorzugen – ungeachtet ihrer Leistung. Doch bevor wir das als „ungerecht“ abtun, sollten wir uns fragen: Warum sind eigentlich so wenige Frauen in diesen Fächern vertreten? Liegt es an mangelndem Interesse oder fehlender Begabung? Wohl kaum – denn Mädchen erzielen in Mathematik und Naturwissenschaften genauso gute, wenn nicht bessere Leistungen als Jungen. Das Problem liegt tiefer: Kulturelle Stereotype, fehlende Vorbilder und Auswahlprozesse, die bevorzugen, was den Verantwortlichen vertraut erscheint, führen zu einem kumulativen Effekt. Schon früh erhalten Mädchen – mal subtil, mal ganz direkt – das Signal, dass diese Karrieren „nicht für sie gemacht“ sind.
Und genau an diesem Punkt bricht das Anti-Quoten-Argument zusammen. Denn das aktuelle System ist nicht meritokratisch – es ist lediglich so aufgebaut, dass Männer bessere Startbedingungen haben. Der Satz „Wir sollten die beste Person für den Job einstellen, unabhängig vom Geschlecht“ klingt neutral – doch in einem unausgewogenen System ist damit fast immer ein Mann gemeint. Dieser Effekt verschärft sich für Frauen, die zusätzlich zu Sexismus auch Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft, sozialen Schicht oder einer Behinderung erfahren. Das bedeutet: Auch der Zugang zu „verdienten“ Positionen ist nicht allein vom Geschlecht abhängig – sondern von vielen Faktoren, die ungleich verteilt sind. Ohne gezielte Maßnahmen bleibt der Begriff der „besten Person“ allzu oft eine Chiffre für: weiß, männlich, privilegiert.
Denn das aktuelle System ist nicht meritokratisch – es ist lediglich so aufgebaut, dass Männer bessere Startbedingungen haben.
Giulia Isetti und Mirjam Gruber
Zwang als vorübergehende Korrektur
Michela Murgia verglich Geschlechterquoten einst mit dem Rauchverbot in öffentlichen Räumen, das in Italien vor rund zwanzig Jahren eingeführt wurde. Ziel dieses Verbots war es, individuelles Verhalten und kollektive Gewohnheiten zu verändern – um das Recht auf rauchfreie Luft zur gesellschaftlichen Norm zu machen. Anfangs gab es lautstarken Protest – heute ist das Rauchverbot längst selbstverständlicher Teil unseres Alltags. Was lehrt uns das? Darauf zu warten, dass Menschen freiwillig auf Privilegien verzichten, ist ungefähr so aussichtsreich wie auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu hoffen. Denn wer würde sich schon freiwillig einer stärkeren Konkurrenz aussetzen, wenn er aktuell mit denselben Qualifikationen schlicht im Vorteil ist? Frauenquoten garantieren nicht, dass Frauen automatisch eingestellt oder befördert werden. Sie stellen lediglich sicher, dass sie überhaupt die Chance bekommen, auf Augenhöhe beurteilt zu werden. Und ist das „gläserne Dach“ erst einmal durchbrochen, verliert sich der Bedarf nach solchen Regelungen zunehmend von selbst. Die Hoffnung ist, dass Quoten eines Tages überflüssig werden – weil das System dann gerechter geworden ist und eine angemessene Beteiligung von Frauen in Entscheidungspositionen zur neuen Normalität gehört.
Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen eine Quote in der Politik ist, dass sie den demokratischen Prinzipien widerspreche und die Freiheit einschränke, die Person zu wählen (sowohl passiv als auch aktiv), die man für geeignet hält. Die Behauptung, dass eine Frauenquote Männer diskriminieren würde, ignoriert jedoch, dass unser aktuelles System Männer bereits begünstigt. Es ist kein Zufall, dass Männer in politischen Ämtern und Entscheidungspositionen überrepräsentiert sind. Grundlage dafür ist ein patriarchales System, das über Jahrhunderte hinweg Strukturen und Normen etabliert hat, die Frauen systematisch benachteiligen. Man kann sich den Weg zu politischen Führungspositionen wie einen Marathonlauf vorstellen. Während Männer aber auf der Strecke einen gut ausgebauten, geraden Pfad vor sich haben, müssen Frauen auf einem unebenen, mit Hindernissen und Stolpersteinen übersäten Weg laufen.
Die Behauptung, dass eine Frauenquote Männer diskriminieren würde, ignoriert, dass unser aktuelles System Männer bereits begünstigt.
Giulia Isetti und Mirjam Gruber
Von der Zwangsmaßnahme zur Transformation: die greifbaren Ergebnisse der Geschlechterquoten
Eine Frauenquote in der Politik ist zudem ein demokratisches Instrument, das auf der grundlegenden Idee der Gleichberechtigung basiert – einem unverzichtbaren Prinzip für eine funktionierende Demokratie. Die Unterrepräsentanz von rund 50 Prozent der Bevölkerung führt dazu, dass ihre Perspektiven und Bedürfnisse oft unzureichend berücksichtigt werden. Besonders deutlich wird dies auch in der Gemeindepolitik, etwa in den Gemeindeentwicklungsprogrammen, die zurzeit in vielen Südtiroler Dörfern und Städten erarbeitet werden. Hierbei geht es unter anderem um zentrale Themen wie öffentliche Mobilität und Stadt- bzw. Dorfplanung, die ohne die gleichwertige Beteiligung von Frauen nur einseitig und unvollständig gestaltet werden können. In vielen Städten wurden diese Bereiche seit jeher aus einer männlich geprägten Perspektive entwickelt, die hauptsächlich den Bedürfnissen von Berufspendelnden entspricht, die zu festen Zeiten zur Arbeit und zurückfahren. Frauen hingegen bewegen sich anders als Männer und nutzen den öffentlichen Verkehr oft für vielfältigere Zwecke, wie die Betreuung von Kindern oder Freizeitaktivitäten. Sie sind somit nicht nur auf Hauptverkehrszeiten angewiesen. Auch Sicherheitsaspekte, wie etwa eine ausreichende Beleuchtung an Haltestellen oder die Gestaltung von Bahnhöfen, werden häufig nicht in dem Maße berücksichtigt, wie es für Frauen notwendig wäre. Eine stärkere politische Repräsentation von Frauen ist daher mit demokratischen Werten nicht nur vereinbar, sondern auch Voraussetzung für eine inklusive Demokratie.
Eine stärkere politische Repräsentation von Frauen ist mit demokratischen Werten nicht nur vereinbar, sondern auch Voraussetzung für eine inklusive Demokratie.
Giulia Isetti und Mirjam Gruber
Wo Quoten eingeführt wurden, haben sie konkrete Ergebnisse erzielt. Zum Beispiel haben 11 EU-Mitgliedstaaten gesetzliche Geschlechterquoten für Parlamentswahlen. In diesen Ländern stieg der Anteil von Frauen in den Parlamenten fast dreimal so schnell wie in Ländern ohne Quoten. In Norwegen führte die Pflicht, mindestens 40 Prozent Frauen in den Verwaltungsräten zu haben, zu diverseren Boards und nachhaltigeren Entscheidungen. In Italien steigerte das Golfo-Mosca-Gesetz die Präsenz von Frauen in den Verwaltungsräten innerhalb von nur zehn Jahren um 20 Prozent. Auch das französische Paritätsgesetz von 2000 verpflichtete Parteien dazu, Männer und Frauen zu gleichen Teilen als Kandidierende aufzustellen, wodurch der Frauenanteil in der Nationalversammlung von 12 Prozent im Jahr 2002 auf über 39 Prozent im Jahr 2022 stieg und Frankreich gilt heute als eines der Länder mit dem besten Betreuungsangebot für Kleinkinder in Europa. In Schweden, wo seit Jahren hohe Quotenregelungen bestehen, liegt der Frauenanteil im Parlament bei etwa 46 Prozent – eine der höchsten Quoten weltweit. Zudem hat Schweden fortschrittliche Familien- und Pflegepolitiken eingeführt, die zur verstärkten politischen Repräsentation von Frauen beigetragen haben. So gibt es beispielsweise seit 2024 eine Regelung, die Großeltern finanziell unterstützt, wenn sie ihre Enkelkinder betreuen – ein weiterer Schritt hin zu einer gerechteren Verteilung von Care-Arbeit.
Eine Quote ist daher keine Diskriminierung der Männer, sondern ein Mittel, um historische Ungleichgewichte zu korrigieren und eine gerechte Repräsentation zu fördern. Quoten sind kein Trostpreis und auch keine Ungerechtigkeit. Im Gegenteil: Sie sind ein temporäres, aber notwendiges Instrument, um Hindernisse zu beseitigen, die die scheinbare Neutralität des Systems unangetastet lassen.

Giulia Isetti
Giulia Isetti wuchs in Genua, Ligurien, auf. Sie studierte Klassische Philologie an mehreren Universitäten in Italien, Deutschland und England und promovierte 2013 in Altgriechisch. Nach einem weiterführenden Studium der Betriebswirtschaftslehre und einigen Berufserfahrungen im Ausland (Deutschland und Belgien), lebt sie seit 2017 in Bozen, wo sie als Senior Researcher am Center for Advanced Studies von Eurac Research arbeitet. Ihre Forschungsthemen erstrecken sich über verschiedene Bereiche, mit besonderem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, Resilienz, Religion und Digitalisierung.

Mirjam Gruber
Mirjam Gruber ist promovierte Politikwissenschaftlerin am Center for Advanced Studies von Eurac Research, Mit-Koordinatorin der Forschungsgruppe Gender Dynamics und Mit-Herausgeberin des Blogs Gender Matters. Sie widmet sich seit einigen Jahren der Forschung zu Diskursen rund um die Klimakrise, Klimablockade sowie Populismus, wobei sie immer wieder mit Gender-Aspekten konfrontiert wird. Kürzlich hat sie das Buch „Climate Politics in Populist Times“ bei Routledge veröffentlicht.
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