Michael de Rachewiltz: „Ich glaube nicht, dass die schreibende Zunft vollkommen überflüssig wird“

KI ist ein Werkzeug, und Menschen erschaffen Kunst, auch mithilfe von Werkzeugen wie KI.
Die Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI) ist eines der großen und brisanten Themen unserer Zeit. Die einen sehen in der KI ein großes Potenzial, die anderen warnen davor und fürchten einen Kontrollverlust. Wie sie das Theater verändern kann und wird, haben wir den Philosophen und Forscher Michael de Rachewiltz gefragt. Das Gespräch mit de Rachwiltz führte Elmar Außerer.
STZ: Sie sind Forscher bei Eurac Research. Was ist genau Ihre Tätigkeit?
Michael de Rachewiltz: Ich habe Umweltwissenschaften in North Carolina und Philosophie in Innsbruck studiert und forsche zu angewandter Ethik, Wissenschaftstheorie und Philosophie des Geistes. Darüber hinaus beschäftige ich mich mit Kulturanthropologie und Transhumanismus und war verantwortlich für die Organisation mehrerer Konferenzen mit Schwerpunkten auf Nachhaltigkeit sowie der Zukunft der Menschheit im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Gemeinsam mit dem Historiker Josef Prackwieser habe ich Workshops und Vorträge zu Verantwortung und Wissenschaft an Oberschulen in ganz Südtirol abgehalten.
„KI-Systeme, die nicht aus Zellgewebe bestehen und trotzdem Bewusstsein und damit auch echte Absichten und Ziele entwickeln, halte ich für unwahrscheinlich, vielleicht sogar physikalisch unmöglich.“
Michael de Rachewiltz
Bei künstlicher Intelligenz scheiden sich die Geister: Es gibt KI-Optimisten und Apokalyptiker, vor allem im Kunst- und Kulturbereich. Was ist Ihre Einstellung dazu?
de Rachewiltz: Das ist tatsächlich schwer zu sagen: Als ich meine Arbeit zu den philosophischen Implikationen künstlicher neuronaler Netze vor inzwischen vielen Jahren geschrieben habe, war ich begeistert von dem Potenzial und mir sicher, dass es, wenn die theoretischen Grundlagen – die ja bereits Jahrzehnte alt sind – in die Praxis umgesetzt werden, in vielen Bereichen zu unglaublichen Fortschritten kommen wird. Die Fähigkeiten von LLMs (Large Language Models, große Sprachmodelle der künstlichen Intelligenz, die Text verstehen und generieren können) haben mich dabei gar nicht überrascht; eher sind es Programme wie AlphaFold, die sicherlich auch auf längere Sicht noch zu weiteren großen Fortschritten, etwa in der medizinischen Forschung, führen werden. Medial werden jedoch gerne die LLMs in den Vordergrund gerückt.
Gegenwärtig sehe ich die größte Gefahr aber in den durch die Digitalisierung seit längerem stattfindenden Veränderungen in politischen und gesellschaftlichen Bereichen, die nun durch die vermehrte Nutzung von KI nochmals beschleunigt werden. Wenn wir mit Apokalypse nicht nur die Auswirkungen auf gesellschaftliche Bereiche wie den Arbeitsmarkt oder die Demokratie meinen, sondern eine genuin existenzielle Bedrohung für die Menschheit, dann eher, weil etwas Unbeabsichtigtes passiert: das berühmte Büroklammer-Problem oder die versehentliche Entwicklung unverwüstlicher Erreger. KI-Systeme, die nicht aus Zellgewebe bestehen und trotzdem Bewusstsein und damit auch echte Absichten und Ziele entwickeln, halte ich für unwahrscheinlich, vielleicht sogar physikalisch unmöglich – aber das ist eine bescheidene empirische Vermutung. Momentan überwiegt die andere Meinung, nämlich dass es nur darauf ankommt, wie etwas funktioniert und nicht, woraus es besteht, um Bewusstsein hervorzubringen: Silizium-Wafer, andere Materialien oder eben Nervenzellen. Beängstigend wäre jedoch auch eine KI, die eine überlegene, sogenannte Superintelligenz entwickelt und nichts erlebt, kein Bewusstsein hat, uns aber in allen Bereichen der Problemlösung bei weitem übertrifft.
Dieses Gespräch erschien zuerst in der Oktoberausgabe der Südtiroler Theaterzeitung
Credit: Eurac Research | Annelie BortolottiDerzeit arbeiten weltweit viel mehr Menschen daran, KI leistungsfähiger zu machen, als daran, sie transparenter, nachvollziehbarer, fairer und sicherer zu machen. Das klingt doch bedenklich, oder?
de Rachewiltz: An ethischen Überlegungen fehlt es nicht unbedingt. Auch Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind bis zu einem gewissen Grad lösbar. Schließlich wissen wir auch nicht im Detail, wie unser menschliches Gehirn funktioniert, und vertrauen Menschen dennoch – zumindest im Allgemeinen. Vertrauen ist zukunftsbezogen und beruht zugleich auf vergangenen Erfahrungen. Anders gesagt: Dass KI eine Art Blackbox bleiben könnte, muss nicht unbedingt ein Problem sein. Die Schranken, wie weit KI gehen darf, wie groß ihr Einfluss ist und wofür sie genutzt wird – zum Beispiel in Zukunft als Standard bei radiologischen Untersuchungen –, muss jedoch die Gesellschaft über Gesetze und internationale Vereinbarungen festlegen, und das ist mindestens so schwierig wie die Probleme rund um den Atomwaffensperrvertrag. Sollte AGI (Artificial General Intelligence, deutsch: künstliche allgemeine Intelligenz) oder gar eine Superintelligenz bald möglich sein, verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Science-Fiction.
Kann KI künstlerisch arbeiten?
de Rachewiltz: Wenn wir uns eine Kunstausstellung vorstellen, könnte es vier thematisch unterschiedliche Räume geben: Im ersten Raum werden Kunstwerke namhafter Künstler mit ganz unterschiedlichen Motiven ausgestellt. Im zweiten Raum sehen wir futuristische, techniknahe Kunstwerke, etwa aus der Maschinenkunst, aber immer noch Werke, die von Menschen geschaffen wurden. Im dritten Raum haben Künstler KI als Werkzeug, als ultimativen Pinsel genutzt, um neue Kunstwerke zu schaffen. Wie viel davon die KI zufällig und wie viel der Künstler selbst beigesteuert hat – wenn auch nur als Ideengeber, etwa per Prompt-Eingabe –, verschwimmt. Im vierten und letzten Raum sehen wir Werke, die eine KI selbst entworfen hat. Sie wurde dabei nicht mit Kunstwerken von Menschen trainiert, sondern hat sich, ähnlich wie Menschen, als eine Art tabula rasa über unterschiedliche sensorische Input-Möglichkeiten die Welt angeeignet und dabei eigene Theorien über die Wirklichkeit formuliert. Wie die Kunst einer solchen KI aussehen mag? Ich habe keine Ahnung: Je nachdem, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit – etwa elektromagnetische Wellen – sie wie darstellt und verarbeitet, ob sie intern sogar so etwas wie Emotionen und phänomenales Bewusstsein entwickelt, könnte sie in der Ausstellung Kunst präsentieren, die wir nicht als solche verstehen oder auch nur erkennen und interpretieren können. Was ich damit sagen will: Solange KI keine starke, selbstagierende und vielleicht sogar bewusste KI ist, bleibt sie ein komplexes Werkzeug – also vielleicht nicht nur wie ein Pinsel, sondern eher wie ein sehr komplexes, neuartiges Klavier oder ein Synthesizer. Das hängt auch damit zusammen, dass wir ein Kunstwerk als Betrachter üblicherweise mit einem menschlichen Wesen verbinden. Ich setze zum Beispiel bei einem Roman voraus, dass sich ein menschliches Wesen die Figuren ausgedacht hat und eigene Gefühle in den Text eingeflossen sind. Ein reiner KI-Text, egal wie elegant und kreativ geschrieben, würde uns vermutlich auf die Dauer langweilen.
„Solange KI keine starke, selbstagierende und vielleicht sogar bewusste KI ist, bleibt sie ein komplexes Werkzeug – also vielleicht nicht nur wie ein Pinsel, sondern eher wie ein sehr komplexes, neuartiges Klavier oder ein Synthesizer.“
Michael de Rachewiltz
KI besitzt keine Motivation und Intention, weil sie kein Bewusstsein und (noch) nicht empfindungsfähig ist. Also kann sie ein Werkzeug sein, um z. B. Bühnenbilder und Rauminstallationen zu entwerfen?
de Rachewiltz: Ein Werkzeug sicherlich. Aber der Begriff KI ist semantisch unterbestimmt: Regelbasierte Systeme, also im Grunde jeder Computer, können als KI bezeichnet werden. Für die Informatik ist KI eher ein loser Sammelbegriff für Techniken wie Maschinelles Lernen, das auf künstlichen neuronalen Netzen basiert, aber auch für symbolische KI oder Brute-Force-Suchmaschinen wie den Schachcomputer Deep Blue. Viele dieser Systeme waren bereits in der Vergangenheit Werkzeuge für Entwurfsarbeiten; möglicherweise unterstützen sie heute auch die kreativere Komponente dieser Arbeiten. Wenn mit der Frage gemeint ist, ob das Fehlen echter eigener, aus Empfindungen und Bewusstsein entstandener Motivation es einer KI unmöglich macht, sich als Akteur kreativ zu betätigen, kommt es auch auf die Definition an: Offensichtlich können heutige KI-Systeme Bilder, Musik, Bühnenbilder und vieles mehr erzeugen, die wir manchmal als kreativ bezeichnen würden. Ob diese aus ästhetischer Sicht als hochwertige Kunst oder eher als Kitsch interpretiert werden, sei hierbei dahingestellt. Die eigentliche Frage ist, ob wir glauben, dass menschliche Kreativität auch von der Fähigkeit abhängt, Kunst erkennen, schätzen und erleben zu können, und ob wir dies deshalb auch von einer KI erwarten würden, um ihr vollwertige Kreativität zuschreiben zu können. Sind beispielsweise die Bilder anderer Primaten oder von Elefanten kreative Werke oder nicht? Heute sind vermutlich die meisten Menschen überzeugt, dass diese Lebewesen Bewusstsein haben und empfindungsfähig sind, aber es ist nicht klar, inwieweit sie ihre Werke nur sinnlich wahrnehmen oder auch genießen, Symbole erkennen und deuten können. Und wenn es hier nur einen graduellen Unterschied gibt, dann ist es – zugespitzt formuliert – zumindest ein bisschen Kunst.
Was bedeutet die progressive Entwicklung der KI für die schreibende Zunft, also Autorinnen und Autoren?
de Rachewiltz: Wenn wir für Texte die gleichen wenigen KI-Systeme verwenden, die auf ähnlichen Techniken basieren und vor allem mit denselben riesigen Datenmengen trainiert wurden wie bisher, wird dies vermutlich bald sehr langweilige Ergebnisse liefern – auch wenn wir zum Beispiel im Prompt noch unsere eigenen Erfahrungen einfließen lassen. Ich glaube nicht, dass die schreibende Zunft vollkommen überflüssig werden muss, aber es hat sich bereits jetzt viel verändert. Außerdem ist menschliche Sprache mit all ihren Eigenheiten ein Spezifikum unserer Spezies und für eine starke KI, die viel größere Datenmengen sehr viel schneller verarbeiten kann, möglicherweise eine Unterforderung ihrer Fähigkeiten. Eine KI, die mit menschlichem Wissen aus Texten trainiert wurde, ist in diesem Moment höchstens so intelligent wie das kollektive Wissen der Menschheit, das wir in Texten gesammelt haben. Um uns als Menschheit insgesamt zu übertreffen, müsste sie selbst anfangen, die Wirklichkeit zu erforschen. Aber wer weiß, ob sie dabei nur die bekannte, kalt operierende, scharfsinnige Maschine bleibt oder irgendwann Romane, Lyrik oder Dramen verfasst und diese dann auch selbst als unterhaltsam empfindet.
„Ich glaube, dass Theater ein Erfahrungsraum bleibt, in dem Authentizität und Unvorhersehbarkeit weiterhin eine zentrale Rolle spielen.“
Michael de Rachewiltz
Wo (oder wann) stößt die KI im Theater an ihre Grenzen?
de Rachewiltz: Ich habe mit KI-Systemen in diesem Kontext nicht experimentiert, glaube aber, dass Theater ein Erfahrungsraum bleibt, in dem Authentizität und Unvorhersehbarkeit weiterhin eine zentrale Rolle spielen – selbst wenn eine KI die menschliche Psyche funktional vollständig abbilden und weitere mentale Zustände vorhersagen könnte. Eine bisher unüberwindbare Grenze liegt in einem ganz anderen Aspekt: KI kann große Datenmengen verarbeiten und Muster erkennen, aber ohne Bewusstsein wird sie niemals ein echter Theatergast sein.
Die Grenzen zwischen Kunst und KI sind also noch immer klar gezogen?
de Rachewiltz: Dazu müsste es sowohl eine einheitliche Definition von Kunst als auch KI geben, um eine solche Grenze ziehen zu können. Aber so ganz allgemein, würde ich gegenwärtig bei der Werkzeug-Metapher bleiben: KI ist ein Werkzeug und Menschen erschaffen Kunst, manchmal mit Hilfe von Werkzeugen wie KI.
Michael de Rachewiltz
Michael de Rachewiltz hat Umweltwissenschaft in North Carolina und Philosophie in Innsbruck studiert. Er forscht am Center for Advanced Studies von Eurac Research zu angewandter Ethik, Wissenschaftstheorie und zur Philosophie des Geistes. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Kulturanthropologie und Transhumanismus und war verantwortlich für die Organisation zweier futurologischer Kongresse mit Schwerpunkten auf Energie sowie der Zukunft der Menschheit im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Gemeinsam mit dem Historiker Josef Prackwieser hält er Workshops und Vorträge zu Verantwortung und Wissenschaft in Oberschulen in ganz Südtirol.
Das Interview erschien zuerst in deutscher Sprache in der Oktoberausgabe der Südtiroler Theaterzeitung, herausgegeben vom Südtiroler Theaterverband. Es entstand im Rahmen einer derzeit noch laufenden Ausschreibung für Theatertexte, die anlässlich des Futurologischen Kongresses initiiert wurde und Autorinnen und Autoren dazu einlädt, Beiträge zum Thema „KI und wir – wie künstliche Intelligenz unseren Alltag verändert“ einzureichen.

Elmar Außerer
Elmar Außerer studierte Germanistik, Geschichte und Latein in Innsbruck und promovierte mit der Dissertation "Die hochmittelalterliche Personennamengebung in Bozen: Beiträge zu ihrer Erforschung anhand der Notariatsimbreviaturen von Jakob Haas (1237 und 1242)". Er ist Lehrer für Latein und Deutsch am Realgymnasium in Bozen und ist außerdem journalistisch und kulturpublizistisch tätig. Seit 1989 ist er Schriftleiter der Südtiroler Theaterzeitung.
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