Wenn der Klimawandel zwischen den Zeilen verschwindet

Wie berichten Medien über Extremwetterereignisse – und was bleibt dabei vom Klimawandel sichtbar? Unsere Analyse der Winterdürre 2023 in Südtirol zeigt, dass lokale Frames und Bilder oft andere Geschichten erzählen, während der globale Kontext in den Hintergrund rückt. Und sie zeigt, wie wichtig eine fundierte und reflektierte Lokalberichterstattung ist.
Skipisten inmitten grüner Wiesen, ausgetrocknete Flussbetten, leere Schwimmbecken: solche Bilder sind in Zeiten des Klimawandels keine Seltenheit – auch in Südtirol. Im Winter 2023 sorgte etwa eine außergewöhnliche Trockenperiode für Schlagzeilen. Wir wissen, dass extreme Wetterereignisse wie Dürre schon immer existiert haben. Wir wissen aber auch, dass diese Ereignisse durch den Klimawandel rasant zunehmen, sie häufiger, intensiver und unberechenbarer werden. Die Klimaerwärmung ist weltweit spürbar, doch Südtirol wirkt wie ein nochmal deutlicheres Brennglas für diese Entwicklung, denn die Alpenregion erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Die Folgen sind weniger Schnee im Winter, veränderte Wasserzyklen, ein höheres Risiko für Überschwemmungs- und Dürreereignisse. Kurz gesagt: Globale Veränderungen werden vor unserer Haustür spürbar. Ist mein eigener Wohnort, das Nachbardorf oder die Stadt, in der meine Tante wohnt von einem solchen Naturereignis, wie etwa einem Murenabgang betroffen, ist es einfacher, die lokalen Auswirkungen dieses globalen Phänomens zu spüren und mit meinem Alltag zu verbinden. Aber die entscheidende Frage bleibt: Erkennen wir den Zusammenhang oder verbuchen wir das Ereignis als bedauerliche Ausnahme, die eben „mal alle hundert Jahre“ vorkommt?
„Globale Veränderungen werden vor unserer Haustür spürbar.“
Mirjam Gruber
Neben persönlichen Erfahrungen spielen vor allem lokale Medien eine enorme Rolle. Sie entscheiden mit, wie wir diese Ereignisse einordnen. Und mit dieser Deutungsmacht geht Verantwortung einher: nämlich lokale Geschehnisse in den globalen Kontext zu stellen. Dafür nutzen Journalist*innen sogenannte Frames – auch Deutungsmuster genannt – die erklären, einordnen, bewerten und mögliche Lösungen aufzeigen. Doch nicht jeder Frame wirkt gleich. Lese ich zum Beispiel in einer Zeitung: „Der Klimawandel ist eine globale Krise, die internationale Zusammenarbeit erfordert, um katastrophale Folgen zu verhindern“, sehe ich sofort große Konferenzsäle vor mir, in denen Politiker*innen in blauen Anzügen über Memoranden verhandeln. Das ist wichtig, aber es fühlt sich weit weg an. Mich persönlich spricht es kaum an.
Genauso verhält es sich mit den Bildern, die für Berichte und Zeitungsartikel genutzt werden. Ein einsamer Eisbär auf einer kleinen Eisscholle mitten im Ozean gilt längst als klassisches Klimawandelbild. Wenn ich nicht selbst in einem Gebiet wohne, wo Eisbären umherschwirren, dann setzt die Botschaft auch hier auf der globalen Ebene an: „Die globale Klimakrise bedroht die Arktis und wir müssen weltweit handeln, um das Eis zu retten“. Richtig, aber emotional weit entfernt. Schreibt eine lokale Zeitung hingegen: „Der Klimawandel bedroht unsere Region. Sinkende Schneemengen gefährden den Wintertourismus und die Wasserversorgung“, liegt der Fokus auf den direkten Auswirkungen auf die eigene Gemeinschaft. Es geht um unsere Lebensgrundlagen. Und wenn dazu noch ein Foto des ausgetrockneten Flussbettes erscheint, in dem sonst Wasser durch den eigenen Wohnort fließt, wird die Botschaft unübersehbar: „Wasserknappheit durch Klimawandel bedroht unser Leben“.
In einem Team von vier Forschenden haben wir deshalb untersucht, wie die Winterdürre 2023 medial dargestellt wurde. Unser besonderes Interesse galt den Deutungsmustern bzw. den Frames in Zeitungsartikeln und den dazugehörigen Bildern. Und Spoiler Alert: Klimawandel schien in dieser Zeit ziemlich nebensächlich.
„Die Trockenheit wirkt wie eine lästige Momentaufnahme, nicht wie ein Symptom einer umfassenderen Wasser- und Klimakrise.“
Mirjam Gruber
Fatalisierung: Nur ein Schlechtwetterphänomen?
Im Zuge des Forschungsprojektes haben wir verschiedene Frames identifiziert. Den am häufigsten gefundenen Frame haben wir als Wetterframe oder auch Fatalisierungsframe benannt. Typische Berichte beschrieben einfach nur das Wetter, beispielsweise als trüb und trocken. Ein Südtiroler Landesmeteorologe erklärte in einem Interview, dass es nicht um die gesamte Regenmenge gehe, die benötigt werde, sondern vor allem um einen ausgedehnten, mehrtägigen Landregen. Ein kurzes Schauerintermezzo reiche nicht aus, um die anhaltende Trockenheit auf ein für diese Jahreszeit normales Niveau zu bringen. Dieser Fatalisierungsframe zeichnet extreme Wetterlagen, in unserem Fall die Trockenheit, als unvermeidlich, unkontrollierbar und rein naturgegeben nach. Die Bedrohung steht im Vordergrund, nicht aber ihre Ursachen oder mögliche Gegenmaßnahmen. So entsteht der Eindruck: Wir können ohnehin nichts tun. Der Blick auf strukturelle Zusammenhänge wie Wassermanagement oder Klimaschutz verschwindet im Hintergrund.
Meteorolog*innen äußerten sich in dieser Zeit häufig zu den aktuellen Wetterbedingungen und stellten das Thema meist als ein „Schlechtwetter“-Phänomen dar. Visuell wurden sie meist als Expert*innen vor Wetterkarten oder Datengrafiken inszeniert. Diese Darstellung mag Kompetenz vermitteln, jedoch lenkt sie den Fokus auf kurzfristige Wetterdaten und weg von den größeren systemischen Problemen. Die Trockenheit wirkt dadurch wie eine lästige Momentaufnahme, nicht wie ein Symptom einer umfassenderen Wasser- und Klimakrise.
Responsibilisierung: Wasserknappheit als Frage der Verantwortung
Auch das Thema Verantwortung wurde oft genannt. In der Analyse sprechen wir vom Responsibilisierungsframe. Wassermangel wurde nicht mehr als meteorologisches Phänomen dargestellt, sondern als Frage verantwortungsbewussten Handelns. Der Fokus verschob sich von „da kann man nichts machen“ zu „jede und jeder kann und muss etwas beitragen“. Wassermangel wird in diesem Frame zu einem moralischen Thema. Es geht darum, Einzelpersonen in einer Welt knapper Ressourcen zur Verantwortung zu ziehen. Während das Wetterframe eher Passivität und Fatalismus vermittelt, ruft der Responsibilisierungs-Frame zu aktivem Handeln auf.
In einem der analysierten Artikel erklärt etwa ein Agrarökologe der Universität Bozen, dass Panik wenig helfe und dass es zahlreiche Möglichkeiten gebe, die Wasserreserven besser zu nutzen, von Speicherbecken bis hin zu Systemen, mit denen Wasser gezielt dorthin geleitet wird, wo es gebraucht wird. Wasser erscheint in diesem Frame als „kostbare Ressource“, bei deren Nutzung wir alle zu besonderer Umsicht aufgerufen sind. Die empfohlenen Maßnahmen werden meist individuell ausgelegt: weniger Gartenbewässerung, Brunnen abschalten, Wasserverschwendung vermeiden. Ein oft genutztes Bild dazu ist ein Wassertropfen, der auf eine glatte Wasseroberfläche fällt, begleitet von Aussagen, dass wir sparsam mit Wasser umgehen sollen. Hier werden Reinheit und Zerbrechlichkeit vermittelt – es bleibt aber abstrakt. Es wird kein Bezug zu den tatsächlichen Ursachen oder Folgen von Wasserknappheit hergestellt. Das Problem wird verharmlost, von seinen sozialen und politischen Aspekten wird abgelenkt.
Rationalisierung: Her mit der technischen Lösung!
Ähnlich wie bei der Verantwortungszuschreibung wird Wasserknappheit in einem weiteren Frame als Problem des effizienten Umgangs mit einer knappen Ressource betrachtet. Anders als im moralisch aufgeladenen Responsibilisierungsframe geht es im Rationalisierungsframe weniger um individuelles Verhalten, sondern vielmehr um technische und organisatorische Effizienz.
Die Lösung liegt hier in einer Verbesserung von Infrastruktur und Management. Beispielsweise unterstrichen Lokalpolitiker*innen in den analysierten Artikeln wie wichtig es sei, Bevölkerung und Unternehmen für einen bewussten Umgang mit Wasser zu sensibilisieren. Diese Darstellungen vermitteln den optimistischen Glauben, Wasserknappheit sei beherrschbar – vor allem durch technologische Anpassungen und Modernisierungen. Passend dazu zeigen Fotos Wasseraufbereitungsanlagen, Arbeiter*innen an Ventilen oder technische Einrichtungen. Die Verantwortung wird sichtbar in Richtung Wasserwirtschaftsunternehmen verschoben.
Wassermangel als Verteilungskonflikt
Während die ersten drei Frames Wasserknappheit als Mangel an Regen, individuelles Verbrauchsverhalten oder technische Ineffizienz darstellen, wird sie im vierten Frame als Verteilungskonflikt gezeigt. Etwa als Verteilungskonflikt zwischen Regionen. Südtirol liegt topografisch oberhalb anderer italienischer Regionen und steht damit vor der Herausforderung, eine Balance zu finden, nämlich zwischen Solidaritätsstrategien, z.B. durch die Öffnung von Stauseen für wasserknappe Gebiete weiter im Süden, und Maßnahmen zum Schutz der eigenen Interessen. Dabei geht es nicht nur um die Wasserversorgung lokaler Wirtschaftssektoren, sondern auch um die nationale Energieversorgung. Schließlich decken die Südtiroler Wasserkraftwerke den regionalen Bedarf und liefern darüber hinaus Strom in den Rest Italiens. Solche Verteilungskonflikte werden medial mitunter auch in kriegsmetaphorischer Sprache beschrieben. So war vom „Wasserkrieg“ zwischen dem Etschtal und der Region Veneto die Rede. In Berichten wurde von vermeintlichen „Allianzen“ zwischen Berggemeinden geschrieben, die sich gegen den „Durst“ der Tieflandregionen wehren wollten.
Außerdem geht es hier um Konflikte zwischen unterschiedlichen Sektoren. So wurde etwa darauf hingewiesen, dass neben Verwaltung und Landwirtschaft auch der Tourismus, z.B. durch Wellnesshotels, Golfplätze oder Skianlagen einen erheblichen Teil der Wasserressourcen beansprucht. Der Vorwurf: Luxus-Hotels, Golfanlagen oder Skiressorts verbrauchen in der Hochsaison übermäßig viel Wasser. Typische Bilder zu diesem Frame zeigen Frostberegnungsanlagen in Obstwiesen oder Schwimmbäder in Ortschaften.
Ökologisierung: Die Winterdürre als Symptom der Klimakrise
Im fünften und letzten Frame wird Wasserknappheit schließlich klar in den Kontext des Klimawandels gestellt. Wir nannten diesen Frame Ökologisierung. Diese interpretiert die Winterdürre 2023 nicht als direkte, lineare Folge des Klimawandels, wohl aber als Symptom einer allgemeinen Entwicklung. Auch wenn die Medien vorsichtig darauf hinwiesen, dass nicht sicher gesagt werden könne, ob die aktuelle Trockenheit direkt auf den Klimawandel zurückgeht, wurde zugleich betont, dass entsprechende Anzeichen zunehmend deutlich werden. Die Botschaft ist klar: Solche Wasserkrisen werden in Zukunft häufiger auftreten, die Zeit scheinbar unendlicher Wasserreserven ist vorbei.
Es wird in einigen Zeitungsartikeln außerdem auf den Weltklimarat (IPCC) verwiesen – ein internationales wissenschaftliches Gremium, das den Stand der Klimaforschung bewertet – und darauf hingewiesen, dass dieser eindeutig feststellt, dass sich die Lage in Zukunft nicht verbessern wird. Trockenperioden wie jene im Winter 2023 werden häufiger auftreten und extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Stürme oder Überschwemmungen seien klare Folgen des menschengemachten Klimawandels. Der Ökologisierungframe rückt die Winterdürre damit aus der Perspektive des lokalen Wetters und zeigt sie als Teil eines globalen, unumkehrbaren Prozesses. Oder, wie die Tageszeitung Alto Adige pointiert schrieb: „Es gibt kein Entkommen – die Auswirkungen des Klimawandels lassen sich nicht ignorieren“.
„Wenn wir das globale Problem des Klimawandels lokal verständlich machen wollen, müssen wir genauer hinschauen, analysieren, wie berichtet wird, und überlegen, wie Medien dazu beitragen können, komplexe ökologische Veränderungen so zu erzählen, dass sie verständlich, greifbar und gesellschaftlich handlungsrelevant werden.“
Mirjam Gruber
Die besondere Verantwortung lokaler Berichterstattung
Unsere Ergebnisse zeigen: Der Klimawandel ist präsenter denn je, was aber fehlt, sind die Erzählungen darüber. Wenn der Zusammenhang nicht benannt wird, verschwindet er aus dem öffentlichen und individuellen Bewusstsein. Dann wird eine Dürre zu schlechtem Wetter, Wasserknappheit zur technischen Herausforderung und ein regionaler Verteilungskampf zu einem Streit um Ressourcen, aber nicht zu einem Symptom der Klimakrise. Darum ist es besonders entscheidend, wie lokale Medien berichten. Das verleiht dem Lokaljournalismus – und den Lokaljournalist*innen – eine besondere Verantwortung und eine wichtige Rolle dabei, wie die Öffentlichkeit die Lage versteht. Ihre Geschichten formen unsere Wahrnehmung, unser Gefühl von Dringlichkeit und letztlich vermutlich auch unsere politischen Entscheidungen. Wenn wir das globale Problem des Klimawandels lokal verständlich machen wollen, müssen wir genauer hinschauen, analysieren, wie berichtet wird, und überlegen, wie Medien dazu beitragen können, komplexe ökologische Veränderungen so zu erzählen, dass sie verständlich, greifbar und gesellschaftlich handlungsrelevant werden.

Mirjam Gruber
Mirjam Gruber ist promovierte Politikwissenschaftlerin am Center for Advanced Studies von Eurac Research, Mit-Koordinatorin der Forschungsgruppe Gender Dynamics und Mit-Herausgeberin des Blogs Gender Matters. Sie widmet sich seit einigen Jahren der Forschung zu Diskursen rund um die Klimakrise, Klimablockade sowie Populismus, wobei sie immer wieder mit Gender-Aspekten konfrontiert wird. Kürzlich hat sie das Buch „Climate Politics in Populist Times“ bei Routledge veröffentlicht.
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