Wird Trump mein Buch über den Klimawandel zensieren?

Die Frage ist nicht so abwegig, wie sie klingt. Trumps Politik – von der Verbannung unbequemer Begriffe bis zum Kampf gegen die „Wokeness“ – bedroht die freie, kritische Wissenschaft nicht nur in den USA, sondern strahlt weit darüber hinaus.
Welche Worte wir nutzen, um Geschichten oder wissenschaftliche Erkenntnisse zu erzählen, hat Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Entscheidungsprozesse. Das weiß auch Donald Trump. Denn eine seiner ersten Handlungen in seiner zweiten Amtsperiode als Präsident der USA bezog sich auf die Sprache. Begriffe wie „Frauen“, „Gender“ oder „Klimakrise“ wurden in Forschungsanträgen bei Bundesbehörden kurzerhand verboten. Die Anträge werden nun nach diesen „gefährlichen“ Wörtern durchsucht – mit entsprechend schlechten Chancen auf Förderung, falls sie tatsächlich gefunden werden. Aber damit nicht genug, Trump hat interne Anweisungen gegeben, rund 200 weitere Begriffe zu vermeiden und, wo vorhanden, aus offiziellen Websites und Dokumenten zu streichen. Warum? Weil er sie als zu „woke” einstuft. Trumps Logik: Wörter wie „Frau“ oder „Klimakrise“ spalten die Gesellschaft – während ihr Verbot angeblich für eine „neutralere“ Sprache sorgt. Wer bitte empfindet das Wort „Frau“ als linke Kampfansage?
Als ich vor gut einem Jahr das Ergebnis meiner fünfjährigen Forschung zur Klimakrise in einem Buch bei einem renommierten Wissenschaftsverlag veröffentlichte, hätte ich mir nie träumen lassen, dass es vielleicht einmal zensiert werden könnte. Doch darüber mache ich mir nun seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit ehrliche Sorgen. Denn eines der von Trump verbannten Wörter ist „Klimakrise“, ein weiteres ist „Klimawissenschaft“. Mein englischsprachiges Werk erwähnt den Begriff „Klimawandel“ 1.239 Mal, „Klimakrise“ 37 Mal und „Klimawissenschaft“ 41 Mal. Das ist wohl zu viel für Trump. Dass der US-Präsident kein Freund von Klimaschutz ist, wissen wir schon lange. Auch die Ernennung von Chris Wright, einem Fracking-Unternehmer und Klimawandel-Skeptiker, zum Energieminister durch Trump, zeigt, wohin die Reise geht: er will fossile Brennstoffe fördern statt Klimaschutz betreiben. Bereits in seiner ersten Amtszeit versuchte Trump, den Begriff „Klimawandel“ durch „extreme Wetterereignisse“ zu ersetzen – eine Strategie, die Kritiker als gezielten Versuch sahen, unliebsame Themen aus dem politischen Diskurs zu verdrängen.
Die schwarze Liste der verbannten Wörter ist lang, und bei genauerem Hinsehen merke ich, dass sich auch viele andere zensierte Wörter in meinem Buch verstecken: „Privilegien“ etwa – offenbar schon deswegen verdächtig, weil es Ungleichheit impliziert. Oder „Polarisierung“, ein Wort, das die Realität amerikanischer Debatten treffender kaum beschreiben könnte. Selbst Konzepte wie „Zugehörigkeitsgefühl“ und „soziale Gerechtigkeit“ sollen gestrichen werden; Ganz zu schweigen von „Stereotypen“, „sozioökonomisch“, „soziokulturell“ und natürlich: „Frauen“. Kurz gesagt: Ein ganzer Forschungszweig wird sprachlich verstümmelt, nur damit er nicht mehr beim Namen genannt werden kann.
Die aktuelle US-Politik macht es uns Forschenden immer schwerer, unsere Arbeit sichtbar zu halten, mit der Gefahr, dass wichtige Ergebnisse im Bildungssystem, ob öffentlich oder privat, einfach verpuffen.
Spätestens an dieser Stelle ahne ich: Trump würde mein Buch vermutlich hassen. Gut, das interessiert mich persönlich wenig. Trotzdem lässt mich die Frage nicht los, welche Konsequenzen seine Politik für mich als europäische Wissenschaftlerin haben könnte, die sich genau mit jenen Themen beschäftigt, die ihm so gar nicht schmecken. Ein Ozean dazwischen schützt da nur bedingt. Das zeigt auch das Beispiel des deutschen Softwareunternehmens SAP, das aufgrund Trumps Abschaffung aller Diversitäts Programme (DEI Diversity, Equity and Inclusion) auch seine eigenen Programme für mehr Geschlechtervielfalt und Frauenförderungen in Deutschland gestrichen hat. Zudem hat mein Verlag Routledge neben dem Hauptsitz in Großbritannien auch einen internationalen Sitz in New York. Wenn die US-Administration da anklopfen würde, könnte es dazu kommen, dass mein Buch tatsächlich zensiert wird. Die aktuelle US-Politik macht es uns Forschenden immer schwerer, unsere Arbeit sichtbar zu halten, mit der Gefahr, dass wichtige Ergebnisse im Bildungssystem, ob öffentlich oder privat, einfach verpuffen.
Dazu kommt die Filterblase der großen Plattformen: X (früher Twitter) und Meta (früher Facebook) haben nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus ihre Regeln im Rekordtempo angepasst und bieten nun weniger Schutz vor Fake News, Hassrede und Cybermobbing, erlauben dafür Lügen zum Klimawandel und persönliche Hetzkampagnen gegen Wissenschaftler*innen oder Aktivist*innen. Die Praxis zeigt schon jetzt, dass konservative Themen auf X algorithmisch verstärkt werden und traumhafte Interaktionsraten erzielen, das haben unter anderem Stanford-Forscher*innen in einer Studie von 2021 gezeigt. Wenn politische Akteur*innen diese Mechanismen gezielt steuern, dann wird es für mein Buch und auch für viele andere wissenschaftliche Stimmen richtig eng. Die reale Gefahr: Forschung, die unbequem ist, verschwindet einfach aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Woran erinnert Trumps Politik?
Seit Trumps ersten fantasievollen Statements und Ideen, die vom Vorschlag „Grönland kaufen“ über die spontane Annexion Kanadas bis hin zur Umbenennung des Golfs von Mexiko reichen, sind inzwischen einige Monate vergangen. Die US-Politik bleibt aber weiterhin eine Achterbahnfahrt, wenn auch die Schockstarren nachlassen und frau nur mehr mit müden Schulterzucken reagiert. Wer die Schlagzeilen der vergangenen Monate verfolgt hat, dem sind neben den üblichen außenpolitischen Baustellen, Zölle hier, das (Nicht)Einlösen der Verspechen, Kriege sofort zu beenden dort, vor allem auch die turbulenten Entwicklungen in der Innenpolitik der USA ins Auge gesprungen.
Die reale Gefahr: Forschung, die unbequem ist, verschwindet einfach aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Was mit der Verbannung von Wörtern begonnen hat, ist längst zu einem Kulturkampf ausgeartet. Immer unter dem Deckmantel gegen eine „woke“ Ideologie vorzugehen, führt er Kämpfe gegen weltweit angesehene Universitäten wie Harvard oder die University of California, er bezeichnete wissenschaftliche Beratungsgremien mehrfach als „politisiert“ oder „fake“ und entfernte wissenschaftliche Expertise aus Bundesbehörden (z. B. Klimaforschung bei der EPA, Gesundheitsdaten beim CDC). Künftig sollen auch Museen auf „amerikanische Ideale“ getrimmt werden, sprich: Besucher*innen sollen weniger mit Rassismus, Unterdrückung und anderen dunklen Kapitel der Geschichte konfrontiert werden, dafür gibt es mehr Hochglanz-Patriotismus. Auch in Schulen wurde kräftig aufgeräumt: Bücher über Diversität, Feminismus oder Geschlechtergerechtigkeit verschwinden schneller aus den Regalen, als man „Cancel Culture“ sagen kann. Trump selbst erklärt kurzerhand, strukturelle Ungleichheit gäbe es in den USA gar nicht. Das ist ein bemerkenswertes Statement in einem Land, in dem Wohlstand so ungleich verteilt ist, dass der Gini-Koeffizient bei 0,47 liegt. Rund 25 Millionen Amerikaner*innen haben keine Krankenversicherung, 36,8 Millionen leben unter der Armutsgrenze, während die reichsten 10 Prozent gemütlich auf über 71 Prozent des nationalen Vermögens thronen.
Diese Entwicklungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erinnern stark an Faschismus und die Vorgehensweisen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa, wo u.a. auch Wissenschaft instrumentalisiert und diszipliniert wurde. Forschung darf nur bestehen, wenn sie eine bestimmte politische Linie unterstützt. Kritische, unabhängige Wissenschaft wird dagegen systematisch geschwächt.
Wer bestimmte Begriffe von Webseiten streicht, verändert nicht nur den Diskurs, sondern auch, worüber überhaupt noch gesprochen werden darf.
Wie können wir in Europa darauf reagieren?
Dass der US-Präsident die Wissenschaft attackiert und das ganze System dahinter schwächt, steht außer Frage. Was wir in Europa dagegen tun können? Nun, um sicherzustellen, dass wissenschaftliche Publikationen wie mein Buch, weiterhin eine breite Leserschaft erreicht, ist es ratsam, von vornherein mit europäischen Verlagen zu veröffentlichen. So lässt sich die Gefahr politischer Zensur zumindest teilweise abschwächen. Neben einem Promoten der Publikationen durch Posts in den großen Plattformen wie Twitter, Facebook oder Instagram, wo Algorithmen solche Bücher vermutlich eher in den Hintergrund schieben, sollten auch alternative Plattformen wie beispielsweise Reddit oder Bluesky einbezogen werden. Auch Kooperationen mit Umweltorganisationen und Wissenschaftsnetzwerken helfen, Informationen auch ohne klassische Vertriebskanäle zu verbreiten.
Trumps Sprachpolitik ist mehr als eine semantische Frage, denn sie spiegelt seine politischen Prioritäten wider. Wer bestimmte Begriffe von Webseiten streicht, verändert nicht nur den Diskurs, sondern auch, worüber überhaupt noch gesprochen werden darf. Die Folgen reichen weit über Behörden hinaus. Sie betreffen Wissenschaft, Medien und politische Debatten und das nicht nur in den USA, sondern weltweit.
Genau deshalb ist Kommunikation das Herzstück meiner Forschung. Sprache wird beim Klimawandel chronisch unterschätzt, dabei zeigen die Entwicklungen in den USA geradezu exemplarisch, wie brisant dieser Faktor ist. Die Lektion liegt auf der Hand. Es ist wichtiger denn je, wissenschaftlich fundiert über die Klimakrise aufzuklären, um solche subtile und weniger subtile Formen von Zensur nicht unbemerkt durchgehen zu lassen.
Das ist es – das Buch, das durchaus Gefahr läuft, aus Bibliotheken verbannt zu werden.
Credit: Eurac ResearchClimate Politics in Populist Times
In Climate Politics in Populist Times untersucht Mirjam Gruber, wie populistische Parteien in Deutschland, Spanien und Österreich über den Klimawandel sprechen und was das für die Klimapolitik bedeutet. Anhand von Reden, Social-Media-Beiträgen, Parteiprogrammen und Parlamentsdebatten zeigt sie, dass Rechtspopulist*innen Klimaschutz oft als Bedrohung darstellen: Sie spielen wissenschaftliche Fakten herunter, warnen vor angeblichen Gefahren für die Wirtschaft oder die „kleinen Leute“ und versuchen so, klimapolitische Maßnahmen auszubremsen. Im Vergleich dazu treten etablierte Parteien der politischen Mitte zwar unterschiedlich auf, nehmen das Problem aber grundsätzlich ernst und suchen nach Lösungen. Das Buch macht deutlich, dass Klimapolitik nicht nur von wissenschaftlichen Erkenntnissen abhängt, sondern stark davon geprägt wird, wie Akteure wie Parteien über sie reden, und welche Bilder und Narrative sie in der Öffentlichkeit verbreiten.

Mirjam Gruber
Mirjam Gruber ist promovierte Politikwissenschaftlerin am Center for Advanced Studies von Eurac Research, Mit-Koordinatorin der Forschungsgruppe Gender Dynamics und Mit-Herausgeberin des Blogs Gender Matters. Sie widmet sich seit einigen Jahren der Forschung zu Diskursen rund um die Klimakrise, Klimablockade sowie Populismus, wobei sie immer wieder mit Gender-Aspekten konfrontiert wird. Kürzlich hat sie das Buch „Climate Politics in Populist Times“ bei Routledge veröffentlicht.
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