Eine zweischneidige Realität: Wie kriminelle Netzwerke die Migration beeinflussen

Luigi Achilli erforscht die verborgenen Mechanismen, die Migration steuern. Bei einem Vortrag in Eurac Research analysierte er die Rolle transnationaler krimineller Gruppen.
Welchen Aspekt der Migration erforschen Sie?
Ich konzentriere mich auf die Rolle, die kriminelle Gruppen wie Menschenschmuggler und Netzwerke von Menschenhändlern bei der Steuerung von Migration spielen. Wir nehmen diese Gruppen normalerweise als gesellschaftliches Problem wahr, das die Steuerung von Migration stört und Staaten, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft daran hindert, Migration zu gestalten.
Durch meine Forschung habe ich aber erkannt, dass kriminelle Akteure tatsächlich eine funktionale Rolle bei der Steuerung von Migration spielen können. In Europa gibt es zum Beispiel kein Gesetz, das eine geregelte Einreise von Migrierenden und Asylsuchenden erlaubt. Wer in Europa Asyl beantragen und als Flüchtling anerkannt werden will, ist in der Regel auf irreguläre Kanäle angewiesen, das heißt häufig auf Schlepper.
Das Asylsystem selbst hängt also weitgehend von der Aktivität krimineller Gruppen ab. Gerade das, worauf Europa stolz ist, nämlich Menschen Asyl zu gewähren, die vor Verfolgung und Gewalt fliehen, beruht auf diesen kriminellen Praktiken. Ohne die Schleuser würde das System nicht funktionieren, oder es würde noch schlechter funktionieren als es jetzt der Fall ist.
Das hat mich veranlasst, die Rolle krimineller Gruppen bei der Steuerung von Migration zu überdenken. Sie stören diese Steuerung einerseits, aber sie unterstützen sie auch. Manchmal ist dies positiv, weil so das Asylsystem funktionieren kann, aber in anderen Fällen sind die Folgen ausgesprochen negativ.
Das hat mich veranlasst, die Rolle krimineller Gruppen bei der Steuerung von Migration zu überdenken. Sie stören diese Steuerung einerseits, aber sie unterstützen sie auch.
Luigi Achilli
Wie kann diesen Gruppen als Dreh- und Angelpunkt der Migration Einhalt geboten werden?
Wir können verhindern, dass kriminelle Gruppen zu Hauptakteuren der Migrationssteuerung werden, indem wir Schutzsuchenden legale Migrationswege eröffnen. Das bedeutet entweder bestehende legale Wege auszubauen oder neue zu schaffen, etwa humanitäre Korridore. Die Menschen greifen auf Schleuser zurück, weil sie keine andere Möglichkeit haben.
Wenn wir Asylbewerber wirklich schützen und die Rolle krimineller Gruppen einschränken wollen, ist es am wirkungsvollsten, die Nachfrage nach den Diensten von Schleusern zu verringern, statt nur gegen die Schleuser vorzugehen. Anstatt uns darauf zu konzentrieren, die Schleuser auszuschalten, sollten wir jenen helfen, die auf sie angewiesen sind, nämlich den Migrierenden selbst.
Im Moment ist die europäische Migrationspolitik weitgehend sicherheitsorientiert; Grenzkontrollen wurden verschärft und die Zuständigkeit für Asylanfragen an Drittländer ausgelagert; so will man Menschen davon abhalten, sich auf den Weg zu machen. Doch dieser Ansatz schürt die Nachfrage nach Schlepperdiensten. Indem wir keine legale Mobilität zulassen, zwingen wir die Menschen auf illegale Wege. Schmuggel hat nicht immer etwas mit Ausbeutung zu tun, aber die Kriminalisierung von Migration führt unweigerlich zu illegalen Aktivitäten.
Wo funktioniert die Migrationspolitik?
Der Fall der Ukraine ist ein deutliches Beispiel. Bis vor kurzem gab es keinen nennenswerten Schmuggel von ukrainischen Asylsuchenden, da die europäischen Länder ihnen vorübergehenden Schutzstatus gewährten und sie sich somit legal bewegen und der Ausbeutung entgehen konnten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist das sogenannte Racial Profiling – Ukrainer werden als weiß, blond und eher „europäisch“ wahrgenommen. Natürlich ist Europa vielfältiger als dieses Stereotyp, aber die Vorstellung von weißen Europäern, die vor dem Krieg fliehen, berührte die europäische Öffentlichkeit.
Wie wir wissen, ist es nicht bei allen Konflikten so…
Das ist interessant. Untersuchungen über palästinensische Flüchtlinge und kriegsbedingte Vertreibung lassen einige Muster erkennen. Bis zum jüngsten Waffenstillstand versuchten die Menschen im Gazastreifen verzweifelt, unter schwerem Beschuss zu fliehen, aber die Grenzen waren geschlossen – nicht nur durch Israel, auch durch Ägypten. Selbst bei Identifikation mit den arabischen Brüdern kommen also politische und geopolitische Faktoren ins Spiel. Inwieweit spielt die Ethnie tatsächlich eine Rolle, wenn es darum geht, Menschen am Weggehen zu hindern?
Ich denke, letztlich kommt eine Kombination aus geopolitischen Interessen und kulturellen Faktoren zum Tragen, wobei beide Aspekte je nach Kontext eine Rolle spielen; häufig sind sie aber strategisch miteinander verwoben. In Europa spielte die Identifikation mit den ukrainischen Flüchtlingen eine große Rolle dabei, wie sie aufgenommen wurden. Journalisten, die über den Krieg berichteten, sagten oft Dinge wie: „Das sind Menschen wie wir.“ Was ist damit gemeint? Dass Menschen aus dem Nahen Osten oder Asien nicht wie wir sind? Das ist der springende Punkt – dass man sich mit den Flüchtlingen identifizieren kann. Man sympathisiert mehr mit Menschen, in denen man sich wiedererkennt.
Was treibt die kriminellen Gruppen, die in die Migration nach Europa verwickelt sind? Ist es nur das Geld, oder steckt mehr dahinter?
Wir müssen zwischen Menschenhandel und Menschenschmuggel unterscheiden. Beide können sich in der Praxis zwar überschneiden, unterscheiden sich aber im Allgemeinen. Beim Menschenschmuggel zahlen die Migrierenden für eine Dienstleistung, in der Regel für den illegalen Grenzübertritt. Der Schmuggler erbringt diese Dienstleistung in der Regel mit finanziellem Gewinn – wenn auch nicht immer, aber darauf komme ich später noch zu sprechen. Beim Menschenhandel zahlt der Migrant oder die Migrantin nicht für eine Dienstleistung, sondern wird stattdessen vom Menschenhändler ausgebeutet. Ein klassisches Beispiel ist die Zwangsprostitution oder Sexsklaverei. Natürlich ist die Realität oft komplexer, aber das ist der grundlegende Unterschied.
In einem Fall zahlen die Migranten oder Migrantinnen also für eine Dienstleistung…
…Und im anderen Fall sind sie die Dienstleistung. Wenn wir an Menschenschmuggler denken, stellen wir uns oft skrupellose Kriminelle vor, die Menschen auf dem Meer aussetzen oder sie zum Sterben in der Wüste zurücklassen. Doch was mich bei meinen Recherchen überrascht hat, waren die oft tiefen persönlichen Beziehungen zwischen Schleusern und Migranten. Viele der Schmuggler, die ich getroffen habe, waren selbst einmal Asylsuchende. Einige wurden aus der Not heraus zu Schmugglern.
Wir neigen dazu, Schmuggler und Migranten als zwei getrennte Kategorien zu sehen – den herzlosen Kriminellen und das verletzliche Opfer. Doch in Wirklichkeit verschwimmen diese Rollen oft. Dass Schleuser manchmal selbst Migranten waren, verleitet einige Menschen zu der Behauptung, die Migration selbst sei kriminell. Diese Logik führt zu einer Politik, die Asylsuchende kriminalisiert. In Wahrheit ist die Ursache für diese Überschneidung jedoch die anhaltende Marginalisierung und Kriminalisierung von Migranten. Vielen bleibt keine andere Wahl, als sich auf den Schmuggel als Überlebensstrategie einzulassen.
Als ich die Lebensgeschichten der von mir befragten Schmuggler nachzeichnete, stellte ich fest, dass viele von ihnen einen jahrelangen Überlebenskampf hinter sich hatten – sie lebten auf der Straße, in ständiger Unsicherheit. Schließlich wandten sie sich dem Schmuggel zu, nicht unbedingt aus krimineller Motivation, sondern als eine Möglichkeit, sich durchzuschlagen.
Aber warum, glauben Sie, stellen die Medien Schleuser als rein ausbeuterische Kriminelle dar, die Menschen aus Profitgründen im Stich lassen? Ist an dieser Darstellung etwas Wahres dran?
Ich denke, das liegt daran, dass wir die Welt gerne in klare moralische Kategorien einteilen – Gut und Böse, Opfer und Schurken. Das macht es einfacher, unsere Politik zu rechtfertigen. Wir reden uns ein, dass wir die Guten sind, die Schmuggler die Bösen, und die Migranten die hilflosen Opfer. Es ist wie in einem Film von Sergio Leone. Den Medien kommt dieses Narrativ gut zupass. Schauen Sie sich an, wie die Migrationspolitik heute gerechtfertigt wird. Viele Regierungen argumentieren, es gehe nicht nur um Grenzkontrolle, wenn Migrationswillige davon abgehalten werden, sich auf gefährliche Routen zu begeben – man wolle diese Menschen auch vor Schmugglern schützen. Doch in Wirklichkeit schaffen die restriktiven Maßnahmen eine größere Nachfrage nach Schmugglern, was die Risiken für Migranten erhöht. Meine Forschung zeigt, dass die Ausbeutung selbst – ob man nun ausgebeutet wird oder andere ausbeutet – oft eine Form der Handlungsfähigkeit ist, bei der Menschen Entscheidungen treffen können, auch in prekären Situationen.
Als ich in der Türkei recherchierte, traf ich einen jungen Mann, der damals 19 Jahre alt war. Er hatte mit 17 Jahren angefangen, für ein Schmugglernetz zu arbeiten. Er wurde nicht bezahlt – er arbeitete umsonst. Denn als in Syrien der Krieg ausbrach, konnte sich seine Familie die Flucht nicht leisten. Also machte er einen Deal: Die Schmuggler würden seine Familie in Sicherheit bringen, und im Gegenzug würde er für sie arbeiten. Ist der Anführer dieser Schmugglergruppe also ein Ausbeuter? Ein Wohltäter? Oder beides? Die Realität ist viel komplexer als die simplen Erzählungen, die wir zu hören bekommen. Manchmal ist Ausbeutung der einzige Ausweg.
Können wir darüber reden, wie Schmuggler in den sozialen Medien agieren?
Unbedingt. Ich habe kürzlich eine Untersuchung über die Nutzung von TikTok durch Menschenschmuggler abgeschlossen. Diese Videos enthalten alles von Grenzübertritten bis hin zu persönlichen Erfahrungsberichten von Migranten. Aber das Faszinierende ist nicht nur der Inhalt der Videos, sondern auch die immense Resonanz darauf. Einige dieser Videos erhalten Hunderttausende von Likes. Manche Schmuggler werden sogar zu Influencern.
Wie Volkshelden?
Einige sind so bekannt und beliebt, dass sie Werbung für Produkte machen – für Milch, Saft, Eiscreme. Ihre Popularität spiegelt ein tieferes Gefühl unter den Menschen, die migrieren oder eventuell migrieren wollen. Sie sprechen nicht nur die Verzweiflung an, sondern auch Resilienz und Widerstand.
Über den Interviewten
Luigi Achilli ist Senior Researcher am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und am Christian-Michelsen-Institut in Bergen, Norwegen. Seine Forschungsschwerpunkte sind irreguläre Migration, transnationale Kriminalität, Flüchtlingsstudien und palästinensischer Nationalismus. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu diesen Themen. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören der Band „Global Human Smuggling“ (für Johns Hopkins University Press, 2023), die Sonderausgabe „Migration and Crime in a Divided World” (für The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science, 2024) und der Artikel “The Missing Link: The Role of Criminal Groups in Migration Governance” (für das Journal of Ethnic and Migration Studies, 2024). 2024 erhielt er einen prestigeträchtigen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats für sein Projekt „UNDERGOV – The Underbelly of Migration Governance: Exploring the Intersection of Transnational Crime and Migration Governance”.

Rachel Wolffe
Rachel Wolffe schreibt regelmäßig über Kultur, Gesellschaft, Umwelt und die Wissenschaft in unserem Leben. Sie inspiriert sich an den myzelartigen Verbindungen zwischen Natur und Wohlbefinden – und an der Kraft der Sprache, Wirklichkeiten zu formen. Eurac Research ist das ideale Umfeld für ihre vielfältigen Interessen, die so facettenreich sind wie die Themen, über die sie schreibt.
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