Zwischen Orten, Zeiten und Bildschirmen: Wie Smartphones Geflüchteten helfen, ihre Welt zusammenzuhalten

Was passiert eigentlich, wenn das wichtigste Überlebensmittel nicht ein Zelt ist, sondern ein Smartphone? In meinem Beitrag möchte ich zeigen, wie Flüchtlinge ihr Smartphone nutzen, um mit den Brüchen und Unsicherheiten eines Lebens auf der Flucht klarzukommen. Dieses Gerät wird zu einem emotionalen Anker – es verbindet sie mit ihrer Vergangenheit und gibt ihnen Hoffnung für die Zukunft. Man könnte sagen, es ist ein Ort der digitalen Kopräsenz, der es ihnen ermöglicht, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, auch wenn sie geografisch voneinander getrennt sind. Aber, und das ist wichtig, diese Verbindung ist zerbrechlich. Ohne Netz, Strom oder ein aktuelles Gerät droht schnell die Isolation. Der Beitrag macht klar, warum digitale Teilhabe kein Luxus ist, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Würde, Teilhabe und Identität – und warum digitale Rechte letztlich Menschenrechte sind.
Für viele Flüchtlinge ist ein Smartphone also viel mehr als nur ein technisches Gadget. Es ist ihr Tagebuch, ihr Navigationssystem, eine Art Bank, ein Familienalbum und ein Nachrichtenkanal – manchmal der letzte Faden, der sie mit ihrem alten Leben verbindet.
In meiner Forschung habe ich untersucht, wie Flüchtlinge ihr Smartphone benutzen, um mit den radikalen Veränderungen in ihrem Leben umzugehen. Denn letztlich reißt die Flucht nicht nur den Raum auseinander, sondern auch die Zeit. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen plötzlich nicht mehr zusammenzupassen. Ein Leben, das eben noch von gewohnten Abläufen und Plänen geprägt war, ist jetzt voller Unsicherheit, Unterbrechungen und Warten. „Ich bin hier, aber ich bin auch dort – über das Internet“, sagt Shalim, einer meiner Interviewpartner. Diese Aussage beschreibt ziemlich gut das Konzept der digitalen Kopräsenz. Das bedeutet, dass man emotional in verschiedenen Orten und Zeiten gleichzeitig präsent sein kann, dank digitaler Technologien. Für viele Flüchtlinge bedeutet die Verbindung zu ihren Familien über WhatsApp oder Facebook mehr als nur Kommunikation: Sie ist emotionaler Rückhalt, ein Gefühl von Zugehörigkeit, die Gewissheit, nicht vergessen zu werden. In einer von Brüchen geprägten Realität wird das Smartphone also zu einem emotionalen Überlebensinstrument.
Das Smartphone als „dritter Raum“
Der Medienforscher Randall Packer spricht auch von einem „dritten Raum“ – einem digitalen Raum, der jenseits physischer Grenzen existiert, wo soziale Beziehungen weiter bestehen, selbst wenn die physische Distanz groß ist. Für Flüchtlinge ist dieser Raum extrem wichtig: Er erlaubt es ihnen, Teil ihrer Herkunftsfamilie zu bleiben, auch wenn sie in einem neuen, oft unsicheren Kontext leben. Anthony Giddens beschreibt dies als das „Auseinanderreißen von Raum und Ort“ – ein Merkmal der Moderne, das durch Smartphones greifbar wird. Diese Geräte ermöglichen es Flüchtlingen, ihre eigene soziale Realität zu gestalten – ein Prozess, den Couldry & Hepp als medialisierte Konstruktion von Realität bezeichnen.
Hoffnung in Bildern und Posts
Wie meine Untersuchung zeigt, sind soziale Medien für viele Flüchtlinge ein Fenster in eine mögliche Zukunft. Auf Plattformen wie Facebook sehen sie Bilder von Freunden und Bekannten, die es „geschafft“ haben – in Deutschland, in Frankreich, mit einem Job, einer Wohnung. Solche digitalen Schnappschüsse wirken wie stille Versprechen: Sie zeigen, was sein könnte, und geben Kraft, weiterzumachen, trotz der Ungewissheit und des Wartens.
Diese Posts sind Ausdruck dessen, was Nagy & Neff als imagined affordances beschreiben – also nicht nur das, was ein Gerät technisch leisten kann, sondern auch das, was sich die Nutzer emotional und sozial davon erhoffen. Für viele Flüchtlinge wird das Smartphone so zu einem Träger von Hoffnung, Zugehörigkeit und Identität.
Digitale Ungleichheit als reale Bedrohung
Doch diese emotionale Bindung kann fragil sein. Wenn der Akku leer ist, kein Netz verfügbar ist oder das Gerät veraltet, dann bricht die Verbindung schnell ab. Für Farim, der mit einem alten Mobiltelefon in Italien ankam, bedeutete das zunächst Isolation – keine Kommunikation, keine Orientierung. „Es war nutzlos“, sagte er.
Ohne funktionierende Technologie wird digitale Teilhabe oft zur Illusion. Das zeigt uns, dass digitale Ungleichheit für Geflüchtete eine mögliche Gefahr darstellt – nicht nur auf technischer Ebene, sondern auch emotional und sozial. Der Zugang zu stabiler digitaler Infrastruktur ist also kein Luxus. Nein, das ist eine Grundvoraussetzung für Schutz, Teilhabe und Würde.
Digitale Räume können Halt bieten – aber nur, wenn sie auch wirklich zugänglich sind. Smartphones sind für Geflüchtete ein wichtiges Mittel, um mit ihrem alten Leben in Kontakt zu bleiben, den Alltag zu organisieren und vielleicht sogar eine bessere Zukunft vorzustellen. Sie helfen dabei, zeitliche Brüche zu überbrücken. Das ist genau das, was George H. Mead als entscheidend für die Identitätsbildung beschrieben hat.
Allerdings hängt diese Verbindung an ganz dünnen, digitalen Fäden. Umso wichtiger ist es, digitale Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen. Geflüchtete benötigen Zugang zu Geräten, Netzwerken, Informationen und auch Unterstützung, damit sie diese Technologien nutzen können. Digitale Rechte sind, Menschenrechte und sollten im 21. Jahrhundert für alle gelten.

Claudia Lintner
Claudia Lintner ist Professorin für Soziologie und Soziale Arbeit am Institut für Politik- und Sozialwissenschaften (DiSPS) der Universität Salerno. Zuvor war sie Juniorprofessorin für Soziologie an der Freien Universität Bozen sowie Lehrbeauftragte an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Migration und Flucht, soziale und digitale Ungleichheiten sowie gesellschaftlicher Wandel und Transformationsprozesse.
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