Verfallen, verdorben, verseucht?

Sprachverfall, Sprachverhunzung, Denglisch, Sprachverarmung der Jugend und so weiter und so fort … Wer kennt sie nicht, die Klagelieder zur deutschen Sprache. Aber sind die Sorgen wirklich berechtigt? Werfen wir einen Blick auf die deutsche Sprache im Spiegel der Zeit.
Sprachen sind dynamische Systeme. Sie verändern sich mit den sprachlichen Bedürfnissen, sie reagieren auf sprachliche Kontakte und neue gesellschaftliche Konstellationen, sie passen sich an Modeerscheinungen und Machtverhältnisse an. Das gilt für alle Sprachen. Bloß tote Sprachen sind davon ausgeschlossen.
Die deutsche Sprache hat sich in der Vergangenheit zu dem entwickelt, was sie heute ist. Und morgen wird sie anders aussehen als heute.
Werfen wir zunächst einen Blick in die Vergangenheit: Viele alte Lehnwörter lassen ihre Herkunft gar nicht mehr erahnen. Wer würde bei Wörtern wie „Fenster“ oder „Mauer“ schon einen lateinischen Ursprung (lat. „fenestra“ und „murus“) vermuten? Oder bei Südtiroler Dialektwörtern wie „Piesele“ für „Küken“ oder „Koufl“ für „Kofel“ romanische Relikte (rom. „pusilla“ und „cubulus“), die auf die Zeit der Völkerwanderung zurückgehen? Die Spurensuche nach frühen Sprachkontakten in unserem Wortschatz könnten wir beinahe endlos fortsetzen.
Sprachkontakt verändert Sprache nicht nur, sondern macht auch mehrsprachige Praktiken nötig – heute genauso wie früher. So „gab“ der aus dem heutigen Südtirol stammende und viel gereiste Minnesänger Oswald von Wolkenstein seinerzeit schon damit „an“, zehn Sprachen zu sprechen. Und er produzierte mehrsprachige Texte – und war damit keine Ausnahme –, wie der folgende Ausschnitt zeigt: „Ich fraw mich zwar (deutsch)/quod video te (lateinisch)/cum bon amor (welsch)/jassem toge (windisch)“ („Ich freu mich zwar,/dass ich dich sehe,/mit Liebe gar,/dein bin ich“). Sprachmischungen waren in historischen Texten durchaus üblich, besonders vor der Herausbildung der europäischen Nationalstaaten und den damit verbundenen sprachlichen Normierungsbestrebungen. „Ideo mus er cum viperis et pharisaeis anderst reden.“ („Darum muss er mit Vipern und Pharisäern anders reden.“) – der Auszug aus den Tischreden von Martin Luther, dessen wichtige Rolle für die Standardisierung der deutschen Sprache durch seine berühmte Bibelübersetzung weithin bekannt ist, macht deutlich, dass auch er Code-Switching anwandte.
Sprachmischungen oder Übernahmen aus anderen Sprachen folgen bestimmten Moden. Lange Zeit war beispielsweise das Französische en vogue und hat die deutsche Sprache beeinflusst. Noch vor ein paar Generationen waren bei einer Zugreise französische Fremdwörter wie „Billet“, „Perron“ und „Coupé“ üblich. Dass wir heute „Fahrkarte“, „Bahnsteig“ und „Abteil“ sagen, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines bewussten Kampfes gegen Fremdwörter aller Art, der freilich wichtig für den Ausbau der deutschen Sprache war, uns teilweise aber auch staunen lassen mag, wenn etwa einst „Christkindleins Haar“ als Alternative zu „Lametta“ vorgeschlagen wurde.
Heute erregen Anglizismen vielfach die Gemüter und für viele Menschen ist es schwer nachvollziehbar, dass Wörter wie „googeln“, „downloaden“ oder Abkürzungen wie „lol“ („laughing out loud“) Eingang in die deutsche Sprache – und folglich auch in deren Wörterbücher – gefunden haben. Die Normen der Sprache folgen allerdings dem Gebrauch. Selbst Fehler können früher oder später zur Norm werden. Denken wir an Wendungen wie „eines Nachts“ (eine feminine Endung des Genitivs mit „s“ ist eigentlich falsch). Bevor eine Form tatsächlich zur Norm wird, beschäftigt sie uns meist als Zweifelsfall. So schwanken viele, und zwar im gesamten deutschen Sprachraum, beispielsweise zwischen „Ende dieses Jahres“ und „Ende diesen Jahres“ (dabei ist die korrekte Variante (noch) „dieses“).
Mit Besorgnis werden vielfach auch neue Ausprägungen der Schriftlichkeit besonders bei Jugendlichen in den sozialen Medien verfolgt. Dort haben sich innovative Schreibstile entwickelt: mit Elementen des mündlichen Sprachgebrauchs und Kombinationen von Bildern, Videos, grafischen Elementen, Links und Schrift, aber auch mit Sprachmischungen, wie wir sie schon aus der Vergangenheit kennen, so etwa auf Facebook-Posts aus Südtirol: „just kidding, hab mir einen pulli gekauft, das wars, haha ;)“, „an Gelatti schnappn ...“ oder „madai, warum muasch du mir des iaz vermiesen?? Uffa :(“ (DIDI-Korpus, Eurac Research).
Wie sich die deutsche Sprache in Zukunft weiterentwickeln und welche Rolle die künstliche Intelligenz dabei spielen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Sicher ist nur, dass sie sich verändern wird …

Andrea Abel
Die Leiterin des Eurac-Instituts für Angewandte Sprachforschung und Professorin an der Freien Universität Bozen interessiert sich leidenschaftlich für sprachliche Variation und Normen – der deutschen Sprache in Südtirol, aber nicht nur. „Professionell deformiert“ macht sie (fast) alles im Leben zum Projekt und will den Dingen auf den Grund gehen. Als Ausgleich zur Kopfarbeit lebt sie ihre Kreativität beim Nähen aus und läuft sich gern die Seele aus dem Leib.
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