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Was ist Ernährungssouveränität?

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17 December 2020
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Karottenvielfalt - Anna Folie, Sockerhof -

In der gesellschaftlichen und politischen Debatte um eine nachhaltigere Entwicklung der Südtiroler Landwirtschaft und Ernährung fällt seit einigen Jahren immer häufiger der Begriff ERNÄHRUNGSSOUVERÄNITÄT. Sowohl Politikerinnen unterschiedlicher Parteien, Vertreterinnen sozialer Organisationen sowie Bürgerinnen verwenden ihn. Jedoch wird der Begriff in diesen Debatten immer wieder fehlinterpretiert.

Entwirrung eines politischen Begriffs

Einige verwechseln Ernährungssouveränität mit der Forderung, dass sich alle Südtirolerinnen ausschließlich mit Lebensmitteln aus der Region ernähren oder sogar Selbstversorger werden. Andere argumentieren, Südtirol sei schon ernährungssouverän, denn alle Bürgerinnen könnten satt werden und sicher mit Lebensmitteln versorgt werden. Doch Ernährungssouveränität meint weder eine rein lokale, noch eine autonome, noch eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln. Was meint es dann?

Ernährungssouveränität ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und transnationalen Konzerne. (Nyeleni Deklaration, 2007)

Wer hat‘s erfunden?

Ernährungssouveränität ist ein politisches Konzept. Es wurde im Jahr 1996 durch die soziale Bewegung „La Via Campesina“ geprägt. Ursprünglich vereinten sich in der Bewegung Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aus dem globalen Süden, da ihre Lebensgrundlage, die bäuerliche Landwirtschaft, durch die sich weltweit ausbreitende industrielle Landwirtschaft zunehmend bedroht wird. Unter anderem kaufen internationale Investoren im großen Stil das Ackerland der Kleinbauern und -bäuerinnen, um Rohstoffe für reiche Länder herzustellen. Oft versiegen in der Folge Wasserquellen, da intensiv bewirtschaftete Plantagen den Boden austrocknen. Traditionelles Saatgut dürfen sie vielerorts nicht mehr tauschen, da Agrarkonzerne genmanipuliertes Saatgut verkaufen wollen. Heute werden die Kleinbäuerinnen und -bauern im globalen Süden von ihren Kolleginnen im Norden unterstützt, die ebenfalls unter dem finanziellen Druck der internationalen Agrarmärkte und Konzerne leiden. Darüber hinaus engagieren sich heute auch viele Konsumentinnen, Wissenschaftlerinnen und andere soziale Organisationen in der Bewegung. Unter dem Slogan „Food Sovereignty now!“ verlangen sie von Politik und Wirtschaft, die Entwicklung von Landwirtschaft und Ernährung nicht am Ziel des Profits auszurichten. Stattdessen fordern sie, dass alle Menschen das Recht haben sollten ihre Ernährung selbst zu bestimmen.

Ernährungssicherheit nicht ohne Ernährungssouveränität

Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und dem ungelösten Problem von Unterernährung beschäftigt sich das Konzept der Ernährungssouveränität damit, wie sich alle Menschen sicher, kulturell angepasst und ausgewogen ernähren können. Vor allem Kleinbauern und -bäuerinnen einer Region besitzen die Fähigkeiten und das Wissen, Ernteerträge zu maximieren, indem sie lokal angepasst und vielfältig produzieren. Agrarkonzerne und Großbetriebe setzen dagegen zumeist auf den Anbau von Monokulturen. Deren Ertrag pro Hektar bleibt jedoch im Schnitt unter dem Ertrag, den Kleinbetriebe mit einer vielfältigen Wirtschaftsweise leisten können. Damit lokal angepasste Bewirtschaftungsweisen dauerhaft möglich sind, müssen jedoch auch die Preise für die Lebensmittel stimmen. Dazu reicht es nicht, dass Konsumentinnen lokal einkaufen, Politikerinnen müssen Gesetze und Förderungen auch zugunsten einer kleinräumigen und vielfältigen Landwirtschaft und dessen regionaler Vermarktung gestalten. Außerdem sind politische Instrumente notwendig, die eine direkte Mitbestimmung seitens der Konsumentinnen und Produzentinnen ermöglichen.

Ernährungssouveränität in Südtirol

Wie ernährungssouverän ist Südtirol? Die 20.206 landwirtschaftlichen Betriebe in Südtirol bewirtschaften durchschnittlich knapp 12 ha. Diese kleinen Strukturen deuten zunächst auf eine gute Ausgangslage für die Ernährungssouveränität hin. Die Mehrheit der Betriebe (88%) hat ihre Bodennutzung jedoch hochgradig auf den Anbau von Obstgehölzen (44%) oder die Weideviehhaltung (44%) spezialisiert. Obwohl der Großteil der Obstbetriebe deutlich kleiner ist (80,7% unter 5 ha) als die Weideviehbetriebe (50% zwischen 1-19,99 ha) ist, ist die biologische Vielfalt gerade in der Obstwirtschaft sehr eingeschränkt. Denn die Betriebe bauen auf 75% ihrer Flächen ausschließlich Äpfel an. Die Apfelanbaugebiete liegen konzentriert und zusammenhängenden in den Tälern. Außerdem machen nur vier Sorten (Golden Delicious, Gala, Red Delicious und Granny Smith) 78% der Apfelbäume aus. Diese sind darüber hinaus anfällig für Pilzkrankheiten. Daher setzen die Betriebe im Obstbau ein hohes Maß an Pflanzenschutzmitteln ein. Die Einkaufstatistik für Pestizide zeigt, dass in Südtirol zwischen 2011 und 2017 um ein Vielfaches mehr Pestizide eingekauft wurden als im italienischen Durchschnitt. Der Anbau in Monokulturen und ein hoher Einsatz von Pestiziden entspricht nicht dem Prinzip der Ernährungssouveränität, da diese sowohl die natürlichen Ressourcen ausbeuten als auch gesundheitliche Beeinträchtigungen für die Menschen bedeuten, die am Rande der Anbaugebiete wohnen und den Spritzungen ausgesetzt sind.

Genossenschaften und Mitsprache

Ein weiterer Indikator für Ernährungssouveränität ist der Grad der Kooperation in der Landwirtschaft, z.B. in Genossenschaften. Denn Vertrauensbeziehungen bieten in der Regel einen sozialen Schutz vor der Übernutzung natürlicher Ressourcen und Genossenschaften ermöglichen prinzipiell ein hohes Mitspracherecht für ihre Mitglieder. Die Mehrheit der Südtiroler Betriebe (96,1%) befindet sich im Privateigentum bäuerlicher Familien. Anbau und Vermarktung der bäuerlichen Produkte sind stark genossenschaftlich organisiert. Im Sinne der Ernährungssouveränität sind diese Faktoren vielversprechend. Schaut man genauer hin, wird deutlich, dass die Südtiroler Obstgenossenschaften eine dreistufige Hierarchie bilden. Auf der untersten Stufe stehen die Erzeugergenossenschaften, in denen die Produzentinnen gemeinsam Anbau und Ernte organisieren. Die mittlere Ebene bilden die Marketinggenossenschaften, wie VIP und VOG, die den Verkauf der Äpfel im Inland und europäischen Ausland übernehmen. Darüber steht die Exportgenossenschaft FROM, die sich auf den Handel im russischen und arabischen Markt spezialisiert hat.

Durch die starke Konzentration auf den internationalen Handel bestimmen in den Obstgenossenschaften nicht mehr die Bauern und Bäuerinnen selber, wie teuer der Apfel im Verkauf ist, sondern vor allem der Weltmarkt. Die Erntefenster sind durch die Genossenschaften vorgegeben und der Beratungsring schlägt den Obstbetrieben per App vor, wann welche Mittel gespritzt werden sollten. Für die Obstbauern und bäuerinnen bietet diese Struktur eine große organisatorische Sicherheit, gleichzeitig geben sie Verantwortung für das eigene Handeln an die Genossenschaften ab. Am Beispiel der Initiative „Der Malser Weg“ wird darüber hinaus ersichtlich, dass es politisch nicht erwünscht ist, wenn Bürgerinnen selbstbestimmt beschließen, Pestizide zu verbieten, um die Biodiversität in ihrer Region zu erhalten und Gesundheitsgefahren vorzubeugen.

Beispiele für Ernährungssouveränität

Neben diesen kritischen Punkten gibt es in Südtirol auch positive Beispiele für Ernährungssouveränität: - Saatgutfeste fördern den Erhalt traditionellen Saatguts - GAS-Gruppen, solidarische Landwirtschaften, Bauernmärkte und Bauernläden ermöglichen die direkte Vermarktung zwischen Produzentinnen und Konsumentinnen - der Ernährungsrat Südtirol will die Mitbestimmung von Konsumentinnen und Produzentinnen auf der Ebene der Verwaltung stärken - der Verein freiwillige Arbeitseinsätze bietet Mithilfe für besonders benachteiligte Berghöfe an und ermöglicht gleichzeitig die Annäherung zwischen Konsumentinnen und Produzentinnen - die Bürgergenossenschaft Obervinschgau stärkt regionale Wirtschaftskreisläufe.

Die Rolle der Politik

Diese Beispiele stehen stellvertreten für viele weitere Initiativen, die sich für ein ernährungssouveräneres Südtirol einsetzen. Damit sie sich vervielfältigen und die gängige Praxis der Landwirtschaft und Ernährung verändern können, braucht es auch staatliche Unterstützung. Obwohl der frisch verabschiedete EU-Haushalt (2020-2027) weiterhin vor allem intensive Bewirtschaftungsmethoden und globale Wertschöpfungsketten fördert, haben die EU-Mitgliedsstaaten und auch die autonome Regierung in Südtirol Spielräume im Hinblick auf die Gestaltung ihrer Agrarpolitik im Sinne der Ernährungssouveränität. Ein gleichberechtigter Dialog zwischen Konsumentinnen, Produzentinnen und Politik über die Entwicklung der Südtiroler Landwirtschaft und Ernährung, wäre ein erster Schritt in diese Richtung.

Carolin Holtkamp

Carolin Holtkamp schreibt Ihre Doktorarbeit im Bereich der Agrar- und Regionalsoziologie an der Universität Innsbruck und forscht seit 2014 zur Südtiroler Berglandwirtschaft. Wenn Sie nicht am Schreibtisch sitzt, arbeitet Sie gern im Garten oder streift durch die Berge.

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