Klimakrise: Es ist alles gesagt. Oder?

Was kleine süße Hündchen mit der Regenbogenflagge und Taylor Swift zu tun haben? Nichts. Dies ist ein plumper Versuch, Interesse an einem weiteren Artikel über die Klimaerwärmung zu wecken. Wie sonst könnte ich als Wissenschaftler noch auf das Thema aufmerksam machen?
Alle Jahre wieder: Mit den steigenden Temperaturen im Sommer kommt auch die Klimaerwärmung aus dem kommunikativen Winterschlaf. Weniger Minusgrade sind angenehm, an schneearme Winter haben wir uns mittlerweile gewöhnt und angepasst. Im Sommer hingegen sind die Probleme einfacher sichtbar und gehören mittlerweile zur Realität: große Waldbrände, galoppierende Gletscherschmelze, rekordheiße Meerestemperaturen oder wiederholte Unwettereinsätze der Feuerwehr.
Trotz dieser neuen Regelmäßigkeit - etwas ist heuer anders. Es war zunächst nur ein Gefühl. Abnehmendes Interesse an Vorträgen, relativ wenige Interviewanfragen. Im Gespräch mit KollegInnen dann ähnliche Rückmeldungen. Seit kurzem bestätigen auch Untersuchungen: Das Interesse an der Klimakrise geht nicht nur gefühlt, sondern auch messbar zurück. Allein 2024 gab es im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang der Berichterstattung um 25 Prozent in führenden US-amerikanischen Fernsehsendern. Der durchschnittliche Rückgang in Tageszeitungen beträgt weltweit 16 Prozent. Dabei ist diese Abnahme an medialer Präsenz nur als Symptom für eine generelle Klimamüdigkeit in der Gesellschaft zu werten. „Climate Perception Inertia“ nennen es die Autoren einer internationalen Studie der University of Oxford von 2024. Man könnte nun dagegenhalten, dass wir als Klima- oder Umweltwissenschaftler einfach damit klarkommen müssen, dass sich Interessen nach einer gewissen Zeit verschieben und wir mit unseren Themen mal eben nicht mehr so im Mittelpunkt stehen. Doch der Haken an der Sache ist, dass sich diese Klimamüdigkeit inzwischen auch in politischen Entscheidungen niederschlägt. Denn sowohl auf regionaler als auch auf europäischer Ebene werden die klimapolitischen Minimalziele der vergangenen Jahre zunehmend aufgeweicht, von den Maßnahmen der Trump-Administration ganz zu schweigen.
Dabei liegt die Müdigkeit sicher nicht daran, dass die Dringlichkeit der Situation nicht mehr gegeben ist, im Gegenteil. Es kann auch nicht an der Verfügbarkeit von Information liegen. Seit Jahren sind der Anstieg von CO2-Konzentration und Meeresspiegel oder die Zunahme lokaler Unwetterauswirkungen frei und in Echtzeit am Handy verfügbar, von Open Access-Originalliteratur bis zu verständlich aufgearbeiteten Graphiken. Wir stehen also vor der paradoxen Situation, dass wir einer zunehmenden Gefahrenlage ausgesetzt sind, noch nie so gut darüber informiert waren und trotzdem nicht oder nur zögerlich darauf reagieren. Die Wissenschaft hat in jeder erdenklichen Form auf Gefahren und Alternativen aufmerksam gemacht: Von übervorsichtig -aus Angst von der Öffentlichkeit in die Alarmismus-Ecke gestellt zu werden- bis hin zu lautstark im Rahmen der Proteste der Gruppe "Letzte Generation". Wie man es auch dreht und wendet: Eigentlich ist alles gesagt.
Nun gibt es viele, inzwischen gut untersuchte Gründe für dieses offensichtlich irrationale Verhalten. Überlagerung durch andere, aktuelle Krisen oder gezielte Blockade und Desinformation durch Interessensgruppen sind offensichtlich. Aber es ist fraglich, ob diese Gründe alleine unsere "Climate Perception Inertia" erklären. Vielleicht liegt diese fast schon unerträgliche Trägheit, mit der die Gesellschaft auf eine der größten Herausforderung ihrer Geschichte reagiert, auch deutlich tiefer, in der Biologie des Menschen begründet.
Die Folgen der steigenden Emissionen sind aufgrund der Trägheit des Klimasystems stark verzögert. Damit fehlt eine unmittelbare Reaktion auf unser Handeln und ein entsprechender Lerneffekt. Klimaschäden werden bei fehlender Versicherung oft über Katastrophenschutz und Soforthilfe auf die Allgemeinheit ausgelagert. Aber auch wenn wir die Folgen unseres Handelns rational begreifen, fällt es uns schwer, unsere Habituation, also Routinen und Gewohnheiten zu durchbrechen. Wir legen uns, ähnlich einem ertappten Kind, reflexartig schlüssig klingende Ausreden zurecht und wälzen die Verantwortung ab. Zu beobachten ist dieses rationalisierende Verhaltensmuster an Einzelpersonen ebenso wie am Beispiel der Wirtschaftssektoren: Der Tourismus sieht die Hauptverantwortung beim Gast, die Landwirtschaft verweist auf die Nahrungsmittelproduktion, die Industrie auf Arbeitsplätze. Die gewählte Politik delegiert Klimaschutzmaßnahmen an Bürgerräte zurück und rechtfertigt ihr zögerliches Handeln mit dem Anspruch, möglichst alle mitzunehmen. Dieses Muster sieht man bei anderen, ebenfalls notwendigen Entscheidungen wie etwa Steuererhöhungen oder der Anhebung des Renteneintrittsalters nicht. Die Millionen Jahre alten Verhaltensmuster machen auch vor uns Forschenden nicht halt. Aber die energieintensiven PetaFLOPS an Rechenleistung, Exabytes an Daten und unzähligen Konferenzen dienen doch der guten Sache, nicht wahr? Dem Klima an der Kippe ist es letztlich egal, ob das CO2-Molekül aus einem Flieger stammt, in dem Klimawissenschaftler sitzen oder Taylor Swift.
Wenn man nun salopp demokratische Entscheidungsprozesse als einen Querschnitt des menschlichen Wollens betrachtet, wird verständlich, warum diese fundamentale Errungenschaft der Gesellschaft in der Bewältigung der Klimakrise an ihre Grenzen stößt. Stark überspitzt formuliert, lassen sich physikalische Gleichungen kaum mit Mehrheitsentscheidungen und Kompromissen lösen. Das ist eine der Lehren aus der COVID-19-Pandemie, bei der wir zu Beginn schmerzhaft die Bedeutung von exponentiellen Wachstumskurven erfahren mussten. Als letztes Mittel gegen überbelegte Intensivstationen musste man sich mit kurzfristigen Notverordnungen behelfen.
Und am Ende geht es auch ganz simpel um die Suche nach Glück. Unser Hirn belohnt uns bei positiven Erfahrungen. Das ist beispielsweise einer der Gründe, warum wir Filme mit Happy End mögen. Die Klimageschichte steuert aktuell eher auf das Gegenteil zu und ist entsprechend äußerst unattraktiv.
Das Zögern der Menschheit ist also durchaus schlüssig. Wir sind darauf programmiert, uns um die unmittelbaren Probleme zu kümmern und weniger dringend scheinende Angelegenheiten zu verschieben. Was bis jetzt ein positives evolutives Selektionsmerkmal war, erweist sich bei der Lösung der Klimakrise aber als kontraproduktiv. Was, wenn also der Mensch gar nicht geeignet wäre, Probleme wie die Klimakrise zu lösen? Nicht, dass er sie nicht begreifen könnte, denn die Folgen lassen sich -bei aller Komplexität- auf wenige Sätze reduzieren. Rasch steigende Temperaturen führen zu Verlust an Ressourcen wie Lebensraum, Nahrung und Trinkwasser. Wie für jedes Lebewesen gilt auch für den Menschen das ökologische Prinzip der carrying capacity, einer maximal möglichen Individuenzahl pro Lebensraum. Weniger Ressourcen senken diese "Carrying Capacity" mit der Folge, dass Konkurrenz und Sterberate ansteigen, beziehungsweise sinkt die Geburtenrate.
So gesehen ist die aktuelle Entwicklung aus Menschensicht zwar tragisch, aus naturwissenschaftlicher Sicht aber Teil der Normalität. Bemerkenswert allerdings ist, dass in all den Milliarden Jahren, vom Einzeller bis zum hochgezüchteten Taschenhündchen, der Mensch als einzige Art diese Reduktion der eigenen Ressourcen wissentlich antreibt. Der Begriff "Homo sapiens" bekommt dadurch einen neuen, beinahe tragikomischen Beigeschmack.
Das Lösen der Klimakrise verzögert sich also auch deshalb, weil es im Grunde möglicherweise eine Auseinandersetzung mit der innersten Natur des Menschen ist. Es ist daher verständlich, dass es inzwischen Kollegen gibt, die dieses „Menschlichsein“ überspitzt als dumm und faul bezeichnen oder resigniert über einen Rückzug der Wissenschaft nachdenken. Das Muster erinnert an den Rückzug des Bürgertums im Fin de Siècle in Vorahnung des bevorstehenden Ersten Weltkrieg. Ja, das schulterzuckende „Wir haben es euch ja gesagt“ ist angesichts der aktuellen Entwicklungen und nach all den Anstrengungen der letzten Jahrzehnte mehr als verlockend. Allerdings, wir landen damit ziemlich sicher in einer kommunikativen Sackgasse. Es bleibt daher die eingangs gestellte Frage: Welche Schlussfolgerung kann ich als Wissenschaftler aus den vorherigen Überlegungen für die weitere Kommunikation der Klimakrise ableiten?
- Lernen von anderen hilft immer. Werbung oder Politik wissen schon längst, dass der Mensch um ein Vielfaches leichter empfänglich für Geschichten ist als für Fakten. Das mag der Sachlichkeit unseres Berufstandes diametral entgegenstehen, aber es ist Tatsache, dass im Frühsommer 2025 Regenbogenflaggen (um dem übertriebenen Untertitel dieses Beitrags wenigstens etwas gerecht zu werden) wesentlich mehr Emotionen und Aufmerksamkeit ausgelöst haben als der Rekordwert von atmosphärischem CO2. Die Kommunikation mit Gletschern als emotional behaftete Zeugen der Vergangenheit ist insofern richtig. Allerdings, ihr Dahinschmelzen ist vom Alltag der Meisten im Globalen Norden weit entfernt, sodass die Wirkung als Sinnbild für die Klimaerwärmung inzwischen wohl großteils verpufft ist. Vielleicht sollten wir es mit anderen Schlagworten versuchen. Selbstbestimmung, maximale individuelle Freiheit zu einem möglichst billigen Preis bieten sich als emotionsbeladene Leitbegriffe an, die in Werbung, Wahlprogrammen und Influencer-Videos allgegenwärtig sind. Passt es da nicht perfekt, dass erneuerbare Energien genau diese Maximen am besten erfüllen? Eine Möglichkeit wäre daher, weniger direkt über Klima und Emissionen zu kommunizieren als viel mehr indirekt über Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit. Wenn wir erneuerbare Energien vor Ort produzieren können, warum überweisen wir in der EU immer noch bereitwillig mittlere dreistellige Milliardenbeträge in demokratiepolitisch bedenkliche Staaten und machen uns damit zudem von ihnen erpressbar?
- Es ist davon auszugehen, dass eine vollständige Reduktion der Treibhausgase auch bei bester Absicht und raschem Umsetzen nicht möglich ist. Allein die Nahrungsmittelproduktion für acht oder neun Milliarden Menschen wird durch den Einsatz von Dünger oder die alternativlose Viehhaltung in klimatisch ungünstigen Teilen der Erde auch in Zukunft Treibhausgase verursachen. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass die CO2-Aufnahmefähigkeit von Böden stark überschätzt wird. Wir müssen daher in Zukunft noch mehr darauf hinweisen, dass es neue Technologien braucht, die beispielsweise Treibhausgase direkt an der Emissionsquelle oder generell aus der Atmosphäre zu holen. Dieses Verweisen auf Innovation stößt zurecht auch auf Skepsis, weil es uns von der Emissionsvermeidung ablenkt und es möglicherweise noch lange dauert, bis solche Technologien einsatzbereit sind. Aber wenn wir das Klima auf einem erträglichen Niveau stabilisieren wollen, müssen wir unser Glück auch in einer technologischen Flucht nach vorne suchen. Der Mensch ist außerdem -neben allen beschriebenen Eigenschaften- auch ein neugieriges und soziales Wesen, das sich mit seinen Artgenossen vergleicht und misst. Vielleicht können wir diese Eigenschaft in unserer Kommunikation besser nutzen, um mit stimulierenden Vorbildern mehr Innovationsfreude, Ideenwettbewerb und Vorwärtsgewandtheit auszulösen.
- Trotz aller positiver Technologieoffenheit müssen wir der Realität dennoch in die Augen sehen. Solange die Treibhausgase in der Atmosphäre steigen, werden katastrophale Klimaextreme immer wahrscheinlicher. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir auch in der Kommunikation Zeit und Ressourcen vom Klimaschutz hin zur Klimaanpassung verlagern müssen. Hochwasserschutz oder Bewässerung sind einfache Beispiele, wie wir die vorher erwähnte "Carrying Capacity" anheben können. Doch es geht weit darüber hinaus, nämlich um langfristige soziale Anpassungen wie Regelung der Migrationsfragen, Umgang mit Fake News oder die Verteilung von Ressourcen. Rasch steigende Temperaturen führen über weniger Ressourcen zwangsläufig zu sozialen Konflikten. Klimakommunikation muss daher bei der Anpassung nicht nur Vorsorge von materiellen Schäden, sondern in letzter Konsequenz auch den rechtzeitigen Schutz der humanistischen Errungenschaften einfordern.
- Es bleibt Aufgabe der Wissenschaft, der Gesellschaft reinen Wein einzuschenken. Es gibt nichts zu beschönigen, schon gar nicht aus pädagogischen Gründen. Wir haben Lebensgrundlagen bereits für mehrere 100 Jahre irreversibel dezimiert. Das Pariser Klimaziel ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu halten, wie ein Bericht der UN-Umweltbehörde UNEP von 2024 zeigt. Das heißt aber nicht, dass die Erde bei 1,6 Grad Erwärmung untergeht. Was uns aus heutiger Sicht bleibt, ist eine Wahl zwischen ungemütlich bis hin zu katastrophal. Zwischen diesen beiden Optionen entscheidet jedes zehntel Grad über die Überschreitung von Klimakipppunkten oder die Verfügbarkeit von Lebensmitteln. Auch das zeigt eine Studie von US-Agrarwissenschaftlern. Diese Message ist zwar weniger griffig als das 1,5-Grad-Ziel, aber es ist die zweitbeste Option, die wir haben. Der Wissenschaft bleibt dabei nichts anderes übrig, als immer und immer wieder zu wiederholen, dass die Emissionen runter müssen. Das ist zugegeben nicht sonderlich attraktiv. Eigentlich wollten wir entdecken, erfinden, Neuland betreten und nicht in Wiederholung verharrend das Interesse der Gesellschaft verlieren. Aber genau hier bietet die menschliche Evolution auch eine Chance, die wir zu Gunsten der Klimakommunikation nutzen können: Der Mensch lernt durch Wiederholung.
Ja, es ist alles gesagt. Aber noch nicht oft genug.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag ist in gekürzter Form auch in der Ausgabe des Wochenmagazins ff vom 11. September 2025 erschienen.

Georg Niedrist
Georg Niedrist forscht seit zwar knapp 20 Jahren im Spannungsfeld zwischen Klima, Umwelt und Landwirtschaft, aber auch er hat die Tragweite der Klimakrise erst allmählich realisiert. Seither versucht er mit einer Mischung aus Realismus und Optimismus das Interesse am Thema hoch und seinen CO2-Fußabdruck niedrig zu halten.
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