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Finde den Unterschied

Detaillierte Satellitendaten „fotografieren“ die Evolution der Süd- und Nordtiroler Gletscher

01 December 2021by Daniela Mezzena

Wären die Fotos nicht paarweise als „vorher“ und „nachher“ angeordnet, wäre es schwierig darin dieselbe Landschaft zu erkennen, die im Abstand von etwa einem Jahrhundert aufgenommen wurden. Eine Glasplatte aus dem Jahr 1880 zeigt den Grubferner und den Lodnerferner in der Umgebung von Meran. Es handelt sich dabei um ein Schwarz-Weiß-Bild, bei dem das Weiß des Schnees eindeutig überwiegt. Auf dem Foto daneben, das mehr als hundert Jahre später (2018) aus der gleichen Perspektive aufgenommen wurde, ist von diesem Weiß nicht mehr viel übrig.

Diese Fotopaare werden bei der Ausstellung „Goodbye Glaciers“ gezeigt, die im Rahmen eines Projekts zum Gletschermonitoring für Südtirol und Tirol (GLISTT) organisiert wurde. Die Bilder haben eine starke visuelle Wirkung auf die Besucher der Ausstellung. Sie vermitteln die Botschaft, dass ein – auch nur teilweises – Überleben der Alpengletscher bis zum Ende des Jahrhunderts nur möglich ist, wenn die globale Erwärmung eingedämmt wird.

„Laut Prognosen werden die Gletscher bis 2050 die Hälfte ihrer Masse verlieren“, erklärt Mattia Callegari, Ingenieur am Institut für Erdbeobachtung von Eurac Research. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist es wichtig, die Vorgänge im Hochgebirge zu beobachten, um sie besser zu verstehen und noch genauere Prognosen erstellen zu können“. Diese Prognosen und die gesammelten Informationen sollen dazu dienen, Anpassungsstrategien zu planen und die Öffentlichkeit für die globale Erwärmung zu sensibilisieren.

Um einen Gesamtüberblick zu erhalten, hat das Forschungsteam von GLISTT – bestehend aus Experten von Eurac Research, der Universität Innsbruck, der Agentur für Bevölkerungsschutz und dem Amt für Hydrologie und Stauanlagen der Autonomen Provinz Bozen – ein Gletscherinventar für Südtirol und Tirol erstellt. Mithilfe modernster Verfahren der Fernerkundung erfassen die Experten darin, wie sich Fläche, Volumen und Masse der Gletscher verändern. Sowohl in Nord- als auch in Südtirol beträgt der mittlere Flächenverlust, den die Gletscher in etwas weniger als eineinhalb Jahrzenten erfahren haben, fast 20 Prozent. Nur in drei Regionen Südtirols und einer Region Nordtirols war der Rückgang geringer. Am stärksten vom Rückgang betroffen waren die Zillertaler Alpen: In Nordtirol nahm die Gletscherfläche um 20 Prozent, in Südtirol um 30 Prozent ab.

„Laut Prognosen werden die Gletscher bis 2050 die Hälfte ihrer Masse verlieren"

Mattia Callegari
Sentinel-2-Aufnahme der Gletscher in den Ötztaler Alpen (17.08.2018)

In den nächsten Jahrzehnten rechnet das Forscherteam mit Wasserknappheit und instabilen geomorphologischen Verhältnissen: Werden wir noch genug Wasser für die Energieerzeugung oder die Bewässerung der Felder haben? Wird der Zugang zu Berghütten und Wanderwegen weiterhin sicher sein? Die vom Expertenteam durchgeführte Kartierung ermöglicht es, die Folgen des Klimawandels und seine sozioökonomischen Auswirkungen abzuschätzen. Mit dem Gletscherinventar erhalten Politik und Verwaltung ein Instrument, um Maßnahmen in verschiedenen Bereichen zu planen: von der Hydrologie bis zur Landwirtschaft, vom Tourismus bis zum Energiemanagement.

Um das Inventar zu erstellen, haben die Forscher – auch dank künstlicher Intelligenz – eigene Verfahren entwickelt, die eine riesige Menge an Satellitendaten automatisch verarbeiten und genaue sowie homogene Informationen liefern. Damit können die Experten beobachten, wie sich die Schneedecke jedes einzelnen Alpengletschers innerhalb einer Sommersaison verändert und ihre Entwicklung Jahr für Jahr genau mitverfolgen.

„Zusätzlich zu den Techniken der künstlichen Intelligenz haben wir im Projekt GLISTT auch Radardaten verwendet. Das hat zwei große Vorteile: Das Radarsignal durchdringt die Wolken und kann daher auch bei Schlechtwetter Informationen sammeln. Dank einer speziellen Datenverarbeitung, der sogenannten Interferometrie, können die Radardaten auch Oberflächenbewegungen erkennen und so feststellen, ob die Oberfläche des Gletschers abnimmt. Diese Eigenschaft ist bei schuttbedeckten Gletschern sehr nützlich, die auf optischen Bildern nur schwer zu erkennen sind“, erklärt Callegari.

GLISTT wurde im Rahmen des Kooperationsprogramms Interreg Italien-Österreich finanziert.

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