Ein Porträt von Günther Rautz in der ‚Südtiroler Tageszeitung‘
Mitte Oktober wurde Günther Rautz, Leiter des Instituts für Minderheitenrecht bei Eurac, mit dem Dr.-Alois-Mock-Wissenschaftspreis ausgezeichnet, der nach dem langjährigen österreichischen Außenminister Alois Mock (1987–1995) benannt ist.
Ein Porträt in der wöchentlichen Kolumne ‚Kopf der Woche‘ von Arnold Tribus in der ‚Südtiroler Tageszeitung‘.
Die Stimme der Minderheiten Er ist aus Kärnten zum Forschen nach Bozen gekommen und geblieben. Heute ist er Leiter des Instituts für Minderheitenrecht an der EURAC, anerkannter Minderheitenexperte in ganz Europa, Berater Seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Nach dem Karl-Golser-Preis wurde ihm nun der Alois-Mock-Preis verliehen: Günther Rautz.
Kopf der Woche von Arnold Tribus
Wer sich im Land mit Minderheiten und Minderheitenrechten befasst, ist auf ihn gestoßen, denn er ist seit Jahren Leiter des Instituts für Minderheitenrecht an der EURAC, einem privatrechtlich geführten Zentrum für angewandte Forschung.
Gegründet wurde die EURAC 1993 von einer Gruppe Intellektueller und Beamter um Friedrich Schmidl. Sie sollte die Gründung einer Universität in Bozen vorbereiten, was dann nach langen Mühen auch gelang. Friedrich Schmidl war dann auch lange Präsident der Uni. Als die Uni da war, wurde lange debattiert, die EURAC der Uni einzugliedern, was die EURAC ablehnte. Heute ist die EURAC ein international anerkanntes Forschungsinstitut, das sich allen Fragen der Zukunft unseres Landes widmet – von den klimatischen Veränderungen über die Mobilität im Alpenraum bis hin zum Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Alpenkonvention.
Ein Institut widmet sich der Südtirol-Autonomie, dem Zusammenleben der Sprachgruppen und den Minderheiten, und Günther Rautz steht ihm vor. Als Vorgesetzter ist er sehr beliebt, er bindet ein, sucht Synergien und ist kooperativ. Er hat aus seinem Institut einen Bezugspunkt für alle sprachlichen Minderheiten der Welt gemacht, die sich bei Rautz und seinen zahlreichen Mitarbeitern gute Ratschläge und autonomiepolitischen Beistand holen. Die Südtirol-Autonomie, bei uns oft schlechtgeredet, übt auf alle Minderheiten, die nicht so gut ausgestattet sind wie wir, eine enorme Strahlkraft aus; nicht ohne Grund wird sie von Minderheiten, die keinen Schutz genießen, immer als anzustrebendes Vorbild gesehen.
Auch Seine Heiligkeit der Dalai Lama wandte sich an Günther Rautz, um sich für Tibet ein Autonomiemodell nach Südtiroler Muster ausarbeiten zu lassen. Er hat Bozen und die EURAC besucht und damit auch zum Ansehen der Forschungsanstalt beigetragen.
Günther Rautz ist im Revolutionsjahr 1968 in Bad Eisenkappel geboren, in Galizien aufgewachsen und hat somit eine gewisse Sensibilität für Minderheitenfragen mitgebracht, auch wenn das Vaterland die slowenische Minderheit immer noch als Stiefkinder behandelt. Die Rechte, die wir als österreichische Minderheit genießen, werden den Slowenen vorenthalten. Erinnern wir uns an den Ortstafelsturm im Jahre 1972, die gewaltsame Demontage zweisprachiger Ortstafeln. Es gab massiven Assimilierungsdruck von Deutschkärntner Seite; in den 70er- und 80er-Jahren war es nicht mehr opportun, in der Öffentlichkeit Slowenisch zu sprechen. Nach dem Beitritt zur EU hat sich das geändert; heute wird wieder mehr Slowenisch gesprochen. Aber der sprachbegabte und minderheitenfreundliche Rautz, aus Kärnten kommend, spricht kein Slowenisch. Brauchte man nicht. Dafür spricht der Wissenschaftler neben den Sprachen der Wissenschaft perfekt Italienisch. Günther Rautz hat in Graz, Innsbruck, Bari und Rom Rechtswissenschaften studiert und 1997 seine wissenschaftliche Tätigkeit an der EURAC begonnen. 1999 hat er am „Paket für Europa“ mitgearbeitet, einem Maßnahmenkatalog zu Menschenrechten, Minderheitenschutz und kultureller Vielfalt.
Er war viele Jahre Koordinator der 2001 gegründeten Midas – Minority Dailies Association –, der Vereinigung von Tageszeitungen und Printmedien der sprachlichen Minderheiten, der ca. 40 Minderheitenzeitungen angehören. (Nun hat er dieses Amt seinem EURAC-Kollegen Marc Röggla übergeben.)
Nun wurde dem anerkannten Wissenschaftler eine besondere Ehre zuteil: Er wurde mit dem nach dem ehemaligen österreichischen Außenminister Alois Mock benannten Preis ausgezeichnet, mit dem Persönlichkeiten geehrt werden, die in Forschung oder Lehre – Rautz doziert an der Donau-Universität Krems – auf den Gebieten des Schrifttums und der Publizistik, in Organisationen oder im Wirtschaftsleben die Europäische Einheit in vorbildlicher Weise gefördert haben. (Alois Mock war von 1987 bis 1995 österreichischer Außenminister und damit Südtirols erster Ansprechpartner in Wien. In seine Amtszeit fallen der Paketabschluss und die Streitbeilegung.)
Rautz hätte sich den Preis in vielen Kategorien verdient. Herr Dr. Mag. iur. und Mag. phil. fak. theol., das sind seine akademischen Titel, wurde vor allem wegen seiner Dissertation ausgezeichnet, in der sich Rautz mit dem Spannungsfeld ethnischer, regionaler, nationaler und übernationaler Identitätsbildung in Bezug auf die Europäische Union befasst. Die Frage der Identitätsbildung und Konstruktion einer europäischen Identität steht dabei im Mittelpunkt der Arbeit.
Man trifft Günther Rautz überall dort, wo sich die Südtiroler Intelligenzia trifft. Er ist sehr sportlich, großgewachsen, fährt Velo oder Motorrad, ist ein Lebemensch und Ausgehkönig. Seinen alternativen Habitus hat er abgelegt und ist ein eleganter Herr geworden, der fürstlich wohnt und die Würde der Wissenschaft repräsentiert. Er ist in der Kulturszene integriert und ist schon lange ein Südtiroler geworden, im Herzen zumindest. In Bozen hat er einen großen Freundeskreis, Leute, die ihn lieben und schätzen. Ein moderner Typ, klug und redegewandt, den die Bozner gerne aufgenommen haben.
Tageszeitung. 16.11.2025
® @ Alle Rechte vorbehalten/Riproduzione riservata – Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl

