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Ernährungssouveränität statt Vollsortiment: Vorhang auf für alte Sorten!

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10 May 2022
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Als Lagergemüse gut über den Winter gekommen: Die Krautrübe - © Ricarda Schmidt

Willkommen auf dem Bauernhof der Zukunft! Hier leben neben 20 Neutiroler Haubenhühnern, Hofhund Benno und einigen Dutzend Wachteln über 400 alte Gemüse-, Getreide- und Kartoffelsorten – zusammen mit Familie Prenn, die den Felderhof mit viel Energie und Leidenschaft bewirtschaftet. Was das mit Zukunft zu tun hat? Darum geht es in diesem Blog-Beitrag.

Ich treffe Sabine, die Haus- und Hofherrin, draußen vor ihrem Gewächshaus, wo sie gerade dabei ist, Hunderte von Sämlingen zu pikieren. Ich bin hierhergereist, um herauszufinden, inwiefern traditionelle Kulturarten und samenfestes Saatgut eine Zukunft in der Landwirtschaft haben können. Dass sie eine Zukunft haben sollten – diesen Verdacht habe ich schon länger. Und wen könnte ich mir hierfür als geeigneteren Gesprächspartner wünschen als Sabine? Seit vielen Jahren setzt sie sich engagiert für ‚ihre‘ Kulturarten ein – und: Sie redet Tacheles.

Gleich am Anfang unseres Gesprächs stellt Sabine klar: „Was ich tue, ist kein Bewahren um des Bewahrens willen. Mir ist es wichtig, die alten Sorten nicht nur wertzuschätzen, sondern ihnen in unserem Alltag auch wieder einen Raum und eine Rolle zu geben. Alles andere wäre ein Museum.“

In treue Hände abzugeben

Zu manchen ihrer Sorten ist Sabine gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Den Pragser Kobis zum Beispiel. „Eines Tages“, so berichtet mir Sabine, „meldete sich jemand aus Prags bei mir, die das Saatgut dieser Kohlsorte jahrelang vermehrt hatte. Da sie nicht weitermachen konnte, suchte sie jemanden, der sich dieser Sorte annahm. Und so habe ich sie eben in mein Repertoire übernommen.“ Es ist nicht die einzige Sorte, die auf eine solche Weise den Weg auf den Felderhof fand – ‚meine Findelkinder‘ nennt Sabine sie inzwischen. „Es sind die Leute, die der Sorte das Weiterleben ermöglichen.“ Daran zeigt sich die ganze Dramatik der Gefährdung und des Verlusts der Kulturartenvielfalt: oftmals nämlich hängt das Weiterbestehen einer Sorte nurmehr an einer Person. Hört diese Person mit der Vermehrung des Saatguts einer bestimmten Sorte auf und niemand nimmt sich ihrer an, stirbt die Sorte aus. Und von manchen Sorten ist das Saatgut nur sehr begrenzt keimfähig: dies betrifft insbesondere ölhaltige Pflanzen wie den Grauen Mohn, der nur zwei Jahre keimfähig ist und daher regelmäßig ausgesät werden muss. Dabei stellte sich die Pandemie als besondere Herausforderung dar: „Die Covid-Zeit war und ist weiterhin schwer für uns. Die regelmäßigen Treffen, gemeinsamen Gartenbegehungen, Exkursionen und Feste wurden in den vergangenen Jahren fast alle abgesagt. Viele Saatgutvermehrer, gerade auch Ältere, sind viel weniger mobil als früher.“

Am seidenen Faden

Die Vielfalt unserer heimischen Kulturarten ist also zunehmend bedroht, teils bereits stark gefährdet. Laut FAO sind in den vergangenen 100 Jahren 75 Prozent der Kulturpflanzen weltweit verloren gegangen – in der EU sogar 90 Prozent. Inzwischen basiert die Welternährung zu über 50 Prozent auf den drei Kulturarten Reis, Mais und Weizen, von denen überwiegend nur wenige ertragsstarke, leistungsfähige Sorten angebaut werden. Warum sollte uns diese Situation bekümmern? Warum sollten wir Alles daransetzen, die große Kulturartenvielfalt, über die wir aktuell noch verfügen, zu bewahren?

Weil die Vielfalt überlebenswichtig ist für uns. Man muss nicht weit in die Geschichte zurückreisen, um einen Eindruck von den potenziell verheerenden Folgen einer Konzentration auf einzelne Kulturarten zu erhalten: in den Jahren 1845 bis 1849 wütete in Irland die Große Hungersnot, ausgelöst durch eine Reihe von Missernten bei Kartoffeln, dem monokulturell angebauten Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung. Über eine Million Menschen, 12 Prozent der Bevölkerung, fielen der Hungersnot zum Opfer. Eine große Bandbreite an Kulturarten stärkt also unsere Widerstandsfähigkeit in Sachen Ernährung entscheidend – etwas, das wir gerade in Zeiten des Klimawandels nicht unterschätzen sollten. Je mehr Kulturarten mit unterschiedlichen genetischen Eigenschaften zur Verfügung stehen, desto besser sind wir gewappnet für Wetterextreme wie größere Trockenheit und Starkregenereignisse.

Reformen für die Gleichberechtigung

Wenn wir die Kulturartenvielfalt hierzulande dauerhaft bewahren wollen, dann braucht es aber, verdeutlicht mir Sabine eindringlich, unbedingt und schnellstmöglich Reformen, sei es gesetzlicher Natur, sei es, dass die alten Sorten wieder verstärkt kulinarisch genutzt werden: „Kulturarten wie der Peim oder die Krautrübe waren über Jahrhunderte ein Grundnahrungsmittel bei uns. Heute ist ihre Zubereitung nicht mehr üblich und sie verschwinden zunehmend von unseren Äckern und Tellern.“ Ein Zustand, den Sabine nicht hinnehmen will. Ihr Ziel ist es, dass die alten Sorten wieder Teil unseres kulinarischen Alltags werden: die Kohlrübe ist dann nicht mehr der schwer auffindbare und kaum erhältliche Exot zu besonderen Anlässen, sondern liegt im Gemüseregal gleichberechtigt neben Möhre, Sellerie und Kohlrabi.

Ein Rezept mit Suchtpotential: Rübenkeimrisotto© Ricarda Schmidt

Die Geburtsstunde der PuKuVi-Versuchsküche

Rübenkeimrisotto, Purpurweizen-Schlutzkrapfen, Kohlrüben-Allerlei: mit den alten Raritäten lassen sich eine Menge raffinierter Köstlichkeiten zaubern. Auch ohne Ausbildung zum Küchenchef.

Die Idee: Wir ‚erkochen‘ uns den Zugang zu den alten Sorten

Wie schwierig ist es eigentlich, mit solchen alten Gemüsesorten zu kochen, wie schmecken sie, wie alltagstauglich sind sie? Welche Möglichkeiten gibt es, auf kulinarischem Gebiet etwas für die Artenvielfalt zu tun, und zwar, ohne seine Komfortzone allzu sehr verlassen zu müssen, indem man ganz einfach ‚lebt‘, isst und genießt? In den kommenden Monaten möchten wir diesen Fragen experimentell nachgehen. Saisonale Rezepte aus der PuKuVi-Versuchsküche publizieren wir periodisch auf der Webseite der Südtiroler Artenvielfaltshöfe.

Südtirol 2030: ‚Land der Artenvielfalt‘ – Kulturarten inklusive?

Tatsächlich setzen Sabine, ihre Weggefährten von den Artenvielfaltshöfen, aber auch jeder einzelne private Saatgutvermehrer bereits heute das um, was in der Südtiroler Nachhaltigkeitsstrategie ‚Everyday for Future‘ (2021) gefordert wird: die Ausrichtung der Landwirtschaft auf die „Produktion von Artenvielfalt“. Denn Saatgutvermehrung bedeutet ja nicht nur das Bewahren einer großen Kulturartenvielfalt, sondern auch deren Weiterentwicklung. Nur aus diesem Grund haben wir heute eine derart große Kulturartenvielfalt auf unserem Planeten. Diese Vielfalt konnte entstehen durch einen freien Saatguttausch und -handel über Jahrtausende und über alle Kontinente hinweg. Dem einen Riegel vorzuschieben, bedeutet nichts Anderes, als einen Zustand einzufrieren und eine Weiterentwicklung der Kulturarten zu verhindern. Offensichtlich aber brauchen wir doch das genaue Gegenteil hiervon: eine dauerhafte Förderung der Vielfalt. Aus einem breiten Genpool können sich die Züchter bedienen, um ihre Sorten auf die veränderten Ausgangsbedingungen hin züchterisch zu verbessern.

Wie so eine Förderung aussehen könnte?

Es überrascht mich keineswegs, dass Sabine hiervon schon eine konkrete Vorstellung hat. „Warum bezieht sich die Artenvielfaltsdiskussion hierzulande eigentlich ‚nur‘ auf die Grünlandwirtschaft, den Obst- und Weinbau und die alten Haustierrassen?“, fragt sie zu Recht. „Warum erhält ein Grauviehhalter im Rahmen der Agrarumweltmaßnahmen eine jährliche Halterprämie – und der Vermehrer eines Pusterer Peims nicht? Beide tun doch etwas für die Artenvielfalt, beide bewahren den Genpool bedrohter Arten. Und nicht nur das: dem Vermehrer von Saatgut werden zudem noch Steine in den Weg gelegt, vor allem auf der Basis der überaus komplexen Saatgutgesetzgebung.“

Felderhof im Februar 2022: Eine neue Generation von Landsorten wächst heran© Ricarda Schmidt

Kämpfen für die Vielfalt – und die Wahlfreiheit

Dabei ist Sabine niemand, der nicht auch um die Vorteile von konventionellem Hybridsaatgut weiß: „Bei Blumenkohl aus traditionellem Saatgut kann, wohlgemerkt bei gleichzeitiger Aussaat, der Erntezeitpunkt um bis zu 5 Wochen abweichen, bei konventionellem Saatgut nur um bis zu 10 Tage“, erklärt sie mir. Was dies in Sachen Arbeitseffizienz auf den Höfen bedeutet, kann ich mir leicht vorstellen. Aber vielleicht liegt im Anerkennen der Vorteile, die Hybridsaatgut bietet, ja auch ein Weg vorwärts: Ein Verteufeln um jeden Preis ist falsch, und zwar sowohl bezogen auf konventionelles Hybridsaatgut als auch bezogen auf samenfestes Saatgut von (alten und auch nicht so alten) Sorten. Im Moment herrscht noch ein eklatantes Ungleichgewicht: konventionellen Hybridsorten wird der Vorzug gegeben – politisch, juristisch, ökonomisch und (bedingt durch mangelnde Information und Reflexion) gesamtgesellschaftlich. Und dies zulasten der traditionellen, samenfesten Sorten, denen zunehmend der Garaus gemacht wird, sei es durch passives Nicht-Handeln oder aktives Schrauben an den gesetzlichen Grundlagen. Was wir stattdessen offensichtlich brauchen, ist ein ‚Und‘ statt eines ‚Oders‘: ein Aufweichen verhärteter ‚Entweder – Oder-Fronten‘, ein Tolerieren und Anerkennen des jeweils Anderen in seinem Existenzrecht, einen gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe. Unter diesen Bedingungen haben wir als Bauer und als Konsument schließlich eine echte Wahlfreiheit statt ‚nur‘ eines Vollsortiments: zwischen Saatgut, Jungpflanzen und Gemüse aus Hybridsaatgut und, gleichberechtigt daneben, aus samenfestem Saatgut.

Zum Projekt ‚Pustertaler Kulturartenvielfalt‘ (PuKuVi)

Perspektiven entwickeln für alte, seltene und gefährdete Gemüsesorten aus dem Pustertal: dieses Anliegen verfolgt das grenzüberschreitende Interreg-Italien-Österreich-Projekt PuKuVi. Zu diesem Zweck erfassen wir Kulturarten, porträtieren ihre Erhalter und dokumentieren deren Erfahrungswissen. Wir organisieren bewusstseinsbildende Veranstaltungen für Politik und Gesellschaft, sowie Gartenbegehungen und Lehrfahrten. Der Blick über die Grenze stärkt die transnationale Zusammenarbeit, ermöglicht einen regen Austausch über die Praktiken der Saatgutvermehrung in Italien und Österreich, und regt eine dauerhafte Netzwerkbildung an.

Projektpartner sind die EURAC und die Gemeinde Assling; auf österreichischer Seite wird das Projekt seitens der Universität für Bodenkultur (Wien) umgesetzt. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter PuKuVi Pustertaler Kulturartenvielfalt (eurac.edu)

Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt arbeitet am Institut für Regionalentwicklung zur großen Vielfalt der Thematik ‚Lebendiges Kulturerbe‘.

Citation

https://doi.org/10.57708/b121555682
Schmidt, R. Ernährungssouveränität statt Vollsortiment: Vorhang auf für alte Sorten! https://doi.org/10.57708/B121555682

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