Online-Fachtagung von Eurac Research und der Diözese Bozen-Brixen thematisiert digitalen Wandel in der Kirche – Aktuelle Studie zur digitalen Seelsorge in Südtirol vorgestellt
The New Commandments. New rules for new times. Bozen/Bolzano.
Credit: Eurac Research | Tiberio SorvilloAufhebung der Polarisierung zwischen online und offline
Digitale Religion ist aktuell noch eine Reproduktion dessen, was bisher auch offline stattgefunden hat. Nach der Pandemie könnte sie aber völlig neue Wege eröffnen, Glauben zu leben", erklärte Giulia Evolvi vom Institut für Medien und Kommunikation an der Erasmus Universität Rotterdam. Die Symbolträchtigkeit des kirchlichen Raums und dessen Materialität haben sich durch die Digitalisierung nicht nur verändert, sondern intensiviert. „Der kirchliche Raum wurde während des Lockdowns mithilfe der Technologie in die Häuser der Menschen projiziert - umgekehrt dringt die Technologie wiederum als Hilfsmittel in den Kirchenraum ein." In diesem Zusammenhang betonte auch Seelsorgeamtsleiter Reinhard Demetz, wie wichtig es sei, die gängige Polarisierung zwischen online und offline, zwischen gelebtem Glauben zuhause und in der großen Gemeinschaft kritisch zu hinterfragen.
Dass digitale Medien sowohl Erfahrungsraum des Religiösen als auch Orte religiöser Kommunikation, kirchlicher Verkündigung und sozialen, gemeinwohlorientierten Handels seien, unterstrich Wolfgang Beck, Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen in Frankfurt am Main: „Digitale Netzwerke sind eine für das 21. Jahrhundert typische Sozialform, die es auch in der Kirche zu etablieren gilt und die für die diözesane Kirchenentwicklung zentral sein wird", betonte er. Dass die Pandemie nicht zuletzt eine Gelegenheit darstelle, ein partizipativeres und demokratischeres Kirchenmodell auf den Weg zu bringen, erklärte Marco Marzano von der Fakultät für Geisteswissenschaften, Philosophie und Kommunikation der Universität Bergamo. Dieses Modell sei weniger auf den Priester, die Rituale und sakrale Aspekte ausgerichtet, sondern vielmehr daran interessiert, den Gläubigen, der Gemeinschaft und dem Wort Bedeutung zu geben. Je länger diese Situation andauere, desto eher sei es möglich, dass diese als temporär gedachten technologischen Neuerungen zur regelmäßigen Praxis werden und diese Veränderungen schlussendlich institutionalisiert werden.
Podiumsdiskussion der Konfessionen
Abschluss der Tagung war ein Podiumsgespräch mit Wolfgang Prader, dem Präsidenten der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien und Diözesanbischof Ivo Muser zum digitalen Wandel in der Kirche. Bischof Muser betonte zwar, dass er dankbar für die Erfahrung und die digitalen Initiativen sei, dennoch gehe die Situation an die Substanz. Kirche könne letztendlich ohne die reale körperliche Gemeinschaft nicht überleben. Wolfgang Prader sprach sich für hybride Formate aus. Interaktion und Partizipation seien auch im digitalen Raum möglich. Beide waren sich einig, dass Kirche maßgeblich von der Gemeinschaft und der persönlichen Begegnung lebe und nicht durch rein virtuelle Angebote ersetzt werden könne.
Die Studie zur digitalen Seelsorge in Südtirol
Der virtuelle Gott - Kirche im (Post-)COVID-19-Zeitalter
Autorinnen und Autoren: Giulia Isetti; Michael de Rachewiltz; Maximilian Walder; Harald Pechlaner; Anna Weithaler 2021
Giulia Isetti, Harald Pechlaner, Michael de Rachewiltz, Maximilian Walder, Center for Advanced Studies, Eurac Research, Bozen
Giulia Evolvi, Istituto di Media e Comunicazione, Erasmus University, Rotterdam
Wolfgang Beck, Pastoraltheologie und Homiletik, PTH Sankt Georgen, Frankfurt am Main
Marco Marzano, Dipartimento di Lettere, Filosofia e Comunicazione, Università di Bergamo

