null

magazine_ Article

1

Bier und Blauschimmelkäse schon vor 2700 Jahren auf dem Speiseplan

Historische Exkremente liefern einzigartige Einblicke

© Eurac Research/Frank Maixner
12 October 2021by Laura Defranceschi

Ein Forscherteam unter der Leitung von Eurac Research und dem Naturhistorischen Museum Wien gewinnt einzigartige Einblicke in die komplexen Ernährungsgewohnheiten der europäischen Urgeschichte und die Geschichte der Käseproduktion durch die Untersuchung von menschlichen Exkrementen aus dem Salzbergwerk Hallstatt.

Das prähistorische Salzbergwerk von Hallstatt ist die älteste noch im Betrieb befindliche Salzmine der Welt, und durch die hohe Salzkonzentration in den Stollen und die konstante Temperatur von 8°C haben sich jahrtausendealte Überreste – auch organische Objekte wie Textilien, Werkzeug, Essenreste – außergewöhnlich gut erhalten. Auch menschliche Exkremente – „was die archäologische Stätte zu einer einzigartigen Schatzgrube für die Forschung macht,“ so Kerstin Kowarik, prähistorische Archäologin am Naturhistorischen Museum Wien. „Die Exemplare, die wir untersucht haben, sind nahezu perfekt konserviert – sie enthalten noch menschliche DNA, zudem DNA von Darmbakterien, sowie auch noch Proteine und Teile der gegessenen Nahrung“, erklärt der Mikrobiologe Frank Maixner von Eurac Research.

Die Exemplare, die wir untersucht haben, sind nahezu perfekt konserviert – sie enthalten noch menschliche DNA, zudem DNA von Darmbakterien, sowie auch noch Proteine und Teile der gegessenen Nahrung.

Frank Maixner, Mikrobiologe - Eurac Research

In einer Probe aus der Eisenzeit entdeckte das Forscherteam zu seiner Überraschung größere Mengen zweier Pilzarten, Penicillium roqueforti und Saccharomyces cerevisiae, die für die Veredelung und Fermentierung von Lebensmitteln – in diesem Fall Blauschimmelkäse und Bier – verwendet werden. „Besonders spannend ist, dass wir aufgrund unserer Analysen klare Hinweise darauf haben, dass diese spezifischen Hefepilzvarianten nicht nur aus Zufall verwendet, sondern gezielt für die Bierherstellung gezüchtet und eingesetzt worden waren“, erzählt Maixner. Auch der Verzehr eines Gerichts, das im Wesentlichen aus Rinderblut bestand, möglicherweise eisenzeitliche Blutwurst, konnten nachgewiesen werden. Die Forschergruppe unter der Leitung von Eurac Research und dem Naturhistorischen Museum Wien liefert damit erstmals den Beweis auf molekularer Ebene, dass schon in der Eisenzeit komplex verarbeitete Nahrungsmittel eine größere Rolle spielten, als bislang angenommen wurde. „Es wird immer deutlicher, dass die prähistorischen kulinarischen Praktiken nicht nur hoch entwickelt waren, sondern dass auch komplex verarbeitete Lebensmittel sowie die Technik der Fermentation eine herausragende Rolle in unserer frühen Ernährungsgeschichte gespielt haben“, unterstreicht Kerstin Kowarik.

Image 1 of 4
In dieser 2600 Jahre alten menschlichen Exkrementen-Probe aus dem Salzbergwerk Hallstatt sind Bohnen, Hirse und Gerste deutlich erkennbar.© Anwora/NHMW
Image 2 of 4
Archäologen bei der Ausgrabung eines eingestürzten Schachts in einer bronzezeitlichen Abbaukammer im Salzbergwerk Hallstatt.© D.Brandner/NHMW
Image 3 of 4
Prähistorische Bergleute hinterließen zerbrochene Werkzeuge, Arbeitsmaterialien, Lebensmittel und abgebrannte Fackeln in den Stollen. Dank der konservierenden Eigenschaften des Salzes sind all diese organischen Gegenstände sowie die Paläoexkremente perfekt erhalten geblieben. Hier sieht sich ein Archäologe eine dieser Schichten von angesammeltem Bergwerksschutt an.© D. Brander/H.Reschreiter/NHMW
Image 4 of 4
Das Labor für antike DNA im Institut für Mumienforschung von Eurac Research, in dem die molekularen Arbeiten an den Exkrementen-Proben durchgeführt wurden.© Eurac Research - Ivo Corrà

Aus den Exkrementen konnte das Team durch mikroskopische und molekulare Untersuchungen nicht nur die Ernährung der Bergleute über 3.000 Jahre hinweg rekonstruieren – stark faserhaltig und kohlenhydratreich, ergänzt durch Proteine aus Bohnen und gelegentlich durch Früchte, Nüsse oder tierische Nahrung –, sondern auch erstaunlich genaue Aussagen über die Bakterienbesiedelung des Darms treffen, also über das Darmmikrobiom.

Wenn Menschen vor 300 Jahren noch ein Mikrobiom wie ihre Vorfahren vor tausenden Jahren in sich trugen, würde das bedeuten, dass es hier in relativ kurzer Zeit zu großen Veränderungen kam.

Frank Maixner

Dabei habe gerade die jüngste der analysierten Proben sich als „ein Glücksgriff“ erwiesen, wie Maixner erklärt. Denn obwohl die Untersuchung zeigte, dass der Barock-Bergmann Getreide schon in stärker verarbeiteter Form – feiner gemahlen – zu sich nahm, als dies in der Bronze- oder Eisenzeit üblich war, ähnelt sein Mikrobiom doch eher jenem von Ötzi (das Maixner und Kollegen schon in einer früheren Studie anhand des Darminhaltes analysierten) als dem eines Menschen unserer heutigen Industriegesellschaft. „Wenn Menschen vor 300 Jahren noch ein Mikrobiom wie ihre Vorfahren vor tausenden Jahren in sich trugen, würde das bedeuten, dass es hier in relativ kurzer Zeit zu großen Veränderungen kam“, so Maixner. Die Verarmung des Mikrobioms durch den Lebensstil westlicher Industriegesellschaften wird von der Wissenschaft heute als ein wichtiger Faktor in Zusammenhang mit zahlreichen Krankheiten erkannt, wobei viele Aspekte aber noch unverstanden sind. Wie Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung von Eurac Research unterstreicht, sind die Untersuchungen in Hallstatt unter anderem auch deshalb „von sehr aktuellem Interesse“. Gerade die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen Archäologie und Molekularbiologie haben sich als besonders fruchtbar für die jüngsten Erkenntnisse erwiesen und bilden nun die Grundlage für weitere interdisziplinäre Projekte.

Unter der Leitung von Eurac Research und dem Naturhistorischen Museum Wien waren auch das Department of Cellular, Computational and Integrative Biology (CIBIO) der Universität Trient und das Institute for Systems Biology, Seattle (USA) maßgeblich an der Studie beteiligt.

Die Studie wurde mit Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen – Abteilung Innovation, Forschung und Universität durchgeführt.

icontechnical documentation

Wissenschaftliche Publikation

Alle wissenschaftlichen Publikationen von Frank Maixner in Bozen Institutional Archive (BIA)

Current Biology: Hallstatt miners consumed blue cheese and beer during the Iron Age and retained a non-Westernized gut microbiome until the Baroque period

Related People

Frank Maixner

Tags

Institute & Center


Related Content

news

L’abitare migrante

Un tavolo di discussione per mappare problemi e soluzioni possibili

article

Alter Zahnstein – neue Einblicke in die Evolution der Mundflora

Mumienforschung

article

Ötzi wird die Forschung noch lange beschäftigen

30 Jahre Iceman: Rückblick und Vorausschau

ScienceBlogs
13 September 2021covid-19

Von Ungleichheit und Umverteilung: Ein Gespräch mit Barbara Unmüßig über die Notwendigkeit eines Wandels

Alessandra Volgger

Related Research Projects

1 - 10
Project

CC4Carnia

Ein Modell für Bürgerzentren in den Innenstädten von Carnia

Duration: December 2020 - December 2021Funding:
Other National funding (National funding / Project)
Eurac Research logo

Eurac Research ist ein privates Forschungs-Zentrum mit Sitz in Bozen, Südtirol. Unsere Forscher kommen aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Bereichen und aus allen Teilen der Welt. Gemeinsam widmen sie sich dem, was ihr Beruf und ihre Berufung ist – die Zukunft gestalten.

Was wir tun

Unsere Forschung befasst sich mit den größten Herausforderungen, vor denen wir in Zukunft stehen: Menschen brauchen Gesundheit, Energie, gut funktionierende politische und soziale Systeme und ein intaktes Umfeld. Dies sind komplexe Fragen, und wir suchen nach Antworten in der Interaktion zwischen vielen verschiedenen Disziplinen. Unsere Forschungsarbeit umfasst dabei drei Hauptthemen: lebensfähige Regionen, Vielfalt als lebensförderndes Merkmal, eine gesunde Gesellschaft.

Great Place To Work
ISO 9001 / 2015
ISO 9001:2015
05771/0
ISO 27001
ISO 27001:2013
00026/0
ORCID Member

Gemäß der Verordnung (EU) 2016/679 teilen wir Ihnen mit, dass diese Webseite eigene technische Cookies und Cookies Dritter verwendet, damit Sie effizient navigieren und die Funktionen der Webseite einwandfrei nutzen können. Wenn Sie weiterhin auf diesen Seiten surfen oder auf „OK“ klicken, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies, und zu ihrer Deaktivierung finden Sie unter:

Privacy Policy