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Danger Zones

Die Aktualität einer fast 100 Jahre alten „Untersuchung zu nationalen Minderheiten“

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Wer war John S. Stephens?

Hannes Obermair
: Stephens war Historiker, lehrte an der Universität von Birmingham. Sein Spezialgebiet war die konfessionelle Verfolgung im 16. und 17. Jahrhundert. Er gehörte selbst einer religiösen Minderheit an – er war Quäker. Das ist ganz entscheidend für seine Perspektive: Er legt immer das Augenmerk auf die Diskriminierung, die Minderheiten von Seiten der Mehrheit droht.

In welchem Zusammenhang entstand seine „Untersuchung über nationale Minderheiten“?

Obermair: Stephens war Mitglied der Minderheitenkommission im Völkerbund, und als ihr Sonderberichterstatter reiste er in den 1920er Jahren durch Minderheitengebiete in Europa, sprach mit Gewährsleuten vor Ort oder unterhielt Korrespondenzen. Daraus entstand der Essay, der 1929 im Londoner Verlag von Leonard und Virginia Woolf als Buch erschien.

Josef Prackwieser: Die Situation der Minderheiten war mit eine Ursache für den Ersten Weltkrieg – das haben die Architekten der Pariser Vorortverträge von 1919 erkannt, und deshalb schufen sie im Rahmen des Völkerbunds ein gewisses Schutzsystem. Minderheitenschutz wurde also in erster Linie als Friedenspolitik gesehen. Denn die neuen Nationalstaaten, die aus den Trümmern der alten Imperien hervorgegangen waren, spiegelten im Kleinen die Situation von vor 1914 wider: Sie umfassten auch wieder Minderheiten, die Tschechoslowakei beispielsweise gleich sieben. Das Problem bestand also weiter. Weil es jetzt mehr Staaten gab, war die Zahl der Staaten mit Minderheiten sogar größer geworden.

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Der Historiker John S. Stephens (1891–1954), aufgenommen Anfang der 1920er Jahre

Credit: Cornwall Record Office, ST-1036 | All rights reserved

Was Stephens in diesen Minderheitenregionen beobachtete, beunruhigte ihn offenbar – er gab seinem Essay den Titel „Danger Zones“, Gefahrenzonen.

Obermair: Ja, er sah den zunehmenden Druck auf Minderheiten, vor allem in autoritären Staaten wie im faschistischen Italien, und damit die Gefahr eines neuen Konflikts. Denn gerade autoritäre Staaten unterdrücken anderssprachige Minderheiten auf dem eigenen Staatsgebiet massiv. Zugleich instrumentalisieren sie ihre eigenen Auslandsminderheiten für eine Politik der Expansion. Andererseits übernehmen Minderheiten auch gern diese Rolle – so wie etwa die Sudetendeutschen, aber auch Teile der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols, die „heim ins Reich“ wollten.

„Die Brückenfunktion von Minderheiten wird auch heute oft beschworen, aber leider kaum verwirklicht.“

Hannes Obermair

In seinem Essay vertritt Stephens zwar, dass Minderheiten ein Recht auf spezielle Schutzbestimmungen haben, aber er versteht diesen Schutz nicht als Akt des Konservierens oder Einbalsamierens, als ein „Unter-die-Glasglocke-Stellen“: Er will Minderheiten aus der defensiven Haltung herausholen und spricht ihnen eine dynamische Rolle zu, nämlich als Brücken zwischen den Staaten zu wirken. Ein Ideal, das auch heute oft beschworen, aber leider kaum verwirklicht wird. Stephens sieht in Minderheiten einen enormen kulturellen Mehrwert, den diese aber mit Leben füllen müssen. Dieser aktivistische Ansatz ist ein Grund dafür, dass sein Essay auch heute noch so frisch wirkt.

Prackwieser: Tatsächlich befasst der Text sich mit vielen Themen, die die Forschung auch heute beschäftigen. Das beginnt schon mit der Frage: Was ist überhaupt eine Minderheit? Bis heute gibt es ja keine allgemein völkerrechtlich anerkannte Definition. Als Stephens schrieb, war der Begriff relativ neu, erst mit dem Völkerbund tauchte er so auf, wie wir ihn kennen; in seinem Essay tastet Stephens sich da heran, zieht Vergleiche zur Religionsgeschichte in der frühen Neuzeit, zur Situation der Hugenotten etwa, fragt sich, was man aus der Geschichte lernen kann. Das ist ein spannender Aspekt an seinem Text.
Er beschreibt auch ein Phänomen, das heute sehr stark beforscht wird: Minorisierung. Da geht es um die Frage: Wie wird eine Gruppe überhaupt zur Minderheit, wie findet Diskriminierung statt? Und umgekehrt: Wie verlaufen Kämpfe um Anerkennung, wie werden Minderheitenrechte ausgehandelt? Das herrschende Paradigma zu seiner Zeit ist der Nationalismus, wer nicht zu Nation gehört, bleibt außen vor. Stephens dagegen entwirft ein Gegenbild, in dem die Grenzen an Bedeutung verlieren, sozusagen verwischen, wozu eben grenzüberschreitende Minderheiten beitragen. Und wenn Grenzen nicht mehr so wichtig sind, dann muss man auch nicht darauf hinarbeiten, sie zu ändern.

„Stephens erklärt den Nationalismus zum Grundübel seiner Zeit und entwirft ein Gegenbild, in dem die Grenzen an Bedeutung verlieren, sozusagen verwischen – auch durch grenzüberschreitende Minderheiten.“

Josef Prackwieser

Das klingt sehr aktuell. Gibt es andere Aspekte, wo sein Text heute noch Relevanz hat?

Prackwieser: Der Nationalismus, den Stephens als das Grundübel seiner Zeit erkennt, ist wieder am Erstarken. Stephens beschreibt einen verhängnisvollen Mechanismus zwischen Nationalstaaten und ihren Minderheiten: Auf einer Seite steht die Minderheit, die davon träumt, sich aus dem Nationalstaat loszulösen und zurückzukehren in den Schoß des Mutterstaates – Stephens nennt es „Irredentismus nach italienischem Vorbild“ –, auf der anderen Seite fühlt sich der Nationalstaat durch diese Haltung bedroht und zieht die Daumenschrauben noch enger, also verweigert Minderheiten- und Autonomierechte. So schaukeln sich die beiden Seiten gegenseitig hoch. Diese Dynamik kann man durchaus auch heute beobachten, etwa in Bezug auf die russischen Minderheiten im Baltikum, oder in der Ukraine. Und dann stellt sich eben die Frage, inwieweit diese Minderheiten als Vorwand für geopolitische Maßnahmen benutzt werden.

„Er sieht, dass nationale Minderheiten dazu tendieren, ihre eigene Pluralität zu leugnen.“

Hannes Obermair

Obermair: Er warnt die Minderheiten auch: Lasst euch nicht vor den nationalistischen Karren spannen! Das ist sehr aktuell, Stichwort Donbass.
Immer noch gültig ist auch seine Warnung vor einer Haltung, die man die „Wagenburgmentalität“ von Minderheiten nennen kann. Er sieht die Gefahr, dass Minderheiten versteinern, dass das Kollektiv zu stark wird, das Individuum zu wenig Gewicht hat. In seiner tiefsitzenden Liberalität plädiert er für die Wahrung von Individualität und Differenz. Jede Minderheit hat in sich ja wieder andere Minderheiten, definiert nach anderen Kriterien, sei es sexuell, weltanschaulich, politisch. Und er sieht, dass nationale Minderheiten dazu tendieren, ihre eigene Pluralität zu leugnen oder nicht zuzulassen. Südtirol ist dafür ja ein gutes Beispiel.

Auf Südtirol geht er ausführlich und mit viel Empathie ein – war er auf seinen Reisen auch hier?

Obermair: Das kann man aus den Quellen nicht mit Sicherheit sagen. Überliefert ist seine Korrespondenz mit Paul von Sternbach aus Bruneck, der für den Deutschen Verband Abgeordneter im italienischen Parlament war; Sternbach, deutsch-national eingestellt, aber absolut nicht NS-affin, war sein Gewährsmann vor Ort. Seine Berichte an Stephens schickte er teilweise von Innsbruck aus nach England, um die faschistische Zensur zu umgehen.

Große Autonomiedemonstration in Meran 1920

Credit: Südtiroler Landesarchiv, Bildarchiv/Sammlung Franz Haller, [HALLERF0000255FSP912] | All rights reserved

Stephens solidarisieret sich sehr mit der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols, in seinen Augen – und da muss man ihm sicher Recht geben – die in den 1920er Jahren am stärksten verfolgte Minderheit Europas. Als die deutsche Minderheiten-Problematik dann aber durch den Nationalsozialismus missbraucht und vergiftet wurde, nicht nur in Südtirol, verlor er das Interesse an dem Thema oder hörte jedenfalls auf, sich publizistisch damit zu befassen. Er ließ nie einen Zweifel an seiner antitotalitären Haltung. Er und seine Frau nahmen 1938, nach dem sogenannten „Anschluss“, auch jüdische Flüchtlinge aus Österreich in ihrem Haus auf. Das war seine Form von gelebtem Pazifismus, von aktiver Friedensarbeit.
In seinem Essay beschreibt er alternative Entwicklungspfade, die sich dann nicht realisieren ließen. So gesehen ist der Text eine interessante Momentaufnahme der späten 1920er Jahre – unparteiisch, nüchtern, sehr informiert, aber auch tristes Dokument für das historische Scheitern politischer Vernunft.

Prackwieser: Der Moment ist auch interessant, weil der Völkerbund kurz darauf sehr schnell an Bedeutung verlieren wird: In den 1930er Jahren treten die autoritären Staaten Japan, Deutschland und Italien aus, und obwohl der Völkerbund noch weiterbesteht, ist er nur noch eine leere Hülle. Und Stephens kritisiert Ende der 1920er Jahre den Völkerbund zum Teil auch scharf, weil die Minderheitenschutzverträge nur für einen bestimmten Teil der Minderheiten in Europa abgeschlossen wurden, und zwar für Ost- und Mitteleuropa. Die Siegermächte, auch Großbritannien, hatten indes kein Interesse daran, ihre eigenen Minderheiten, in Europa und in den Kolonien, in irgendeiner Weise zu schützen. Stephens erkennt, dass hier mit unterschiedlichem Maß gemessen wird, und dass dies den Frieden in Europa gefährdet.
Im Südtiroler Fall halfen die Minderheitenschutzverträge im Völkerbund übrigens auch nicht, weil diese die Siegermacht Italien nicht betrafen – Südtirol stand damit also kein Verfahren offen, um Beschwerde einzureichen. Das beschreibt Stephens sehr gut.

„Der Essay beschäftigt sich mit Fragen, die auch heute noch aktuell sind: Wie wird eine Gruppe zur Minderheit? Wie verliert sie Rechte?“

Josef Prackwieser

Der Essay war so gut wie vergessen – wie haben Sie ihn wiederentdeckt?

Obermair: 2014 habe ich für eine internationale Faschismus-Tagung in Lana ein neues, frisches Thema gesucht, und deshalb im wunderbaren britischen Archivkatalog recherchiert, was es zu den Stichworten Südtirolfrage und Faschismus gibt. So bin ich auf seine Papiere gestoßen, die im Cornwall Record Office aufbewahrt sind – er stammte aus Cornwall – und schließlich auf das Buch, von dem ich in der Staatsbibliothek Berlin noch ein Exemplar gefunden habe; es sind sehr wenige erhalten. Als mir klar wurde, was für ein spannender und aktueller Text das ist, haben Josef Prackwieser und ich beschlossen, ihn in einer kommentierten Ausgabe neu herauszugeben, zum ersten Mal auf Deutsch. Wobei wir das große Glück hatten, mit Maria Kampp eine kongeniale Übersetzerin und mit dem Alphabetaverlag (Raetia) einen sehr geneigten Verleger zu finden.

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