Imposant, scheu, faszinierend – und zunehmend unter Druck
Warum in Südtirol erstmals flächendeckend Kotproben des charismatischen Auerhuhns gesammelt wurden und warum der Schutz der Art weit über einen einzelnen Vogel hinausgeht
Warum fasziniert das Auerhuhn die Menschen bis heute?
Benjamin Kostner: Das Auerhuhn ist in Südtirol kulturell unglaublich präsent. Viele Menschen kennen den Vogel, obwohl sie ihn wahrscheinlich nie in freier Wildbahn gesehen haben. In alten Stuben auf den Almen hängen ausgestopfte Auerhähne, man findet ihn in Kalendern und auf Postkarten. Das zeigt, welchen Stellenwert die Art früher hatte – und eigentlich noch immer hat. Man könnte fast sagen, dass das Auerhuhn zu Südtirol gehört wie die Bergwälder selbst. Dazu kommt natürlich seine imposante Erscheinung und das scheue Wesen. Während der Balz im Frühjahr entfaltet sich ein richtiges Schauspiel im Wald. Diese Mischung aus Kraft, Seltenheit und Schönheit fasziniert die Menschen bis heute.
Gleichzeitig geht es der Art nicht gut.
Kostner: In Skandinavien und Russland geht es der Art gut, in den Bergregionen in Mitteleuropa ist sie langfristig bedroht. Das Problem ist, dass es sehr spezielle Lebensräume braucht: lichte, strukturreiche Wälder mit Heidelbeeren, alten Bäumen und möglichst wenig Störungen. Obwohl die Waldfläche in Südtirol immer gleich groß geblieben ist, sind viele Wälder heute dichter und dunkler als früher. Dazu kommen anthropogene Störungen wie Skigebiete, Speicherbecken oder Freizeitaktivitäten wie Skitourengehen und Mountainbiken. Das Auerhuhn reagiert extrem empfindlich auf Störungen.
Nun wurden erstmals flächendeckend Proben vom Auerhuhn in ganz Südtirol gesammelt. Was genau bedeutet das?
Kostner: Wir haben in den vergangenen Monaten rund 300 genetische Proben gesammelt – vor allem Losungen, also Kot, und einige Federn. Und zwar wirklich aus allen Teilen Südtirols. Das gab es in dieser Form noch nie. Alle Forststationen des Landes haben sich beteiligt, dazu Jagdaufseher sowie viele weitere Menschen mit lokalem Wissen. Diese engagierte Zusammenarbeit hat mich sehr beeindruckt. Schon bei der ersten Schulung im Dezember 2025 waren über 100 Leute dabei. Ich erinnere mich, dass wir auf die Schnelle noch Stühle auftreiben mussten, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass so viele kommen würden. Man hat gespürt, wie groß das Interesse an dem Thema ist.

Kotproben und Federn des Auerhuhns
Credit: Eurac Research | Annelie BortolottiWas wollt ihr mit diesen Proben herausfinden?
Kostner: Die genetischen Analysen helfen uns zu verstehen, wie die verschiedenen Auerhuhnbestände miteinander verbunden sind. Gibt es noch Austausch zwischen den Populationen? Oder entstehen bereits isolierte Teilpopulationen? Das ist entscheidend. Wenn einzelne Bestände langfristig voneinander abgeschnitten werden, kann das genetische Folgen haben – im schlimmsten Fall verschwindet eine Teilpopulation irgendwann ganz. Mit den Daten schaffen wir erstmals die Grundlage für gezielte Maßnahmen, auch in der Zukunft.
Im Projekt spielt auch lokales Wissen eine große Rolle.
Kostner: Absolut. Das Wissen der Menschen vor Ort ist unglaublich wertvoll. Früher wusste man für jedes Revier sehr genau, wo Balzplätze liegen oder wie sich Bestände entwickeln. Dieses Wissen, das an einzelnen Menschen hängt, droht teilweise verloren zu gehen. Im Rahmen der Schulung mit dem Forst- und Jagdpersonal haben wir deshalb auch die Verbreitungskarte des Auerhuhns aktualisiert. Die letzte landesweite Karte stammte von 2014. Innerhalb kurzer Zeit – tatsächlich innerhalb einer Stunde – haben wir das Wissen aus ganz Südtirol gemeinsam zusammengetragen und erstmals wieder einen aktuellen Überblick bekommen.
Ihr arbeitet aber nicht nur mit klassischen Methoden, sondern auch mit neuen Technologien.
Kostner: Ja, das ist ein wichtiger Teil des Projekts. Während der Balzzeit installieren wir Audiorekorder in ausgewählten Lebensräumen. Die Geräte zeichnen die Rufe der Tiere auf, später werden die Daten – hunderte Stunden – mit bioakustischen Methoden und künstlicher Intelligenz ausgewertet. Das Spannende daran ist, dass wir damit neue Einblicke bekommen können, beispielsweise wie sich Balzzeiten durch den Klimawandel verändern. Gleichzeitig helfen solche Methoden dabei, ein langfristiges Monitoring effizienter zu machen. Außerdem arbeiten wir bei Eurac Research an einem Habitatmodell für Südtirol. Ein solches Modell zeigt, in welchen von KI identifizierten Gebieten das Auerhuhn tatsächlich geeignete Lebensräume findet und wo diese durch gezielte Maßnahmen im Wald gezielt gefördert werden könnten. In Kombination mit den Ergebnissen der genetischen Analysen liefern diese Daten zudem wichtige Hinweise zur Vernetzung einzelner Teilpopulationen. Gerade dadurch sind sie auch für die Forst- und wildökologische Planung von großem Interesse.
Benjamin Kostner installiert ein Aufzeichnungsgerät, das dabei hilft, die Auerhahn-Population zu monitoren.
Credit: Eurac Research | Andrea De GiovanniWarum ist gerade der Schutz des Auerhuhns so wichtig?
Kostner: Weil das Auerhuhn eine sogenannte Schirmart ist. Wenn wir seinen Lebensraum schützen, profitieren viele andere Arten mit – Spechte, Eulen, Insekten und viele Tiere, die dieselben strukturreichen Wälder brauchen. Am Ende geht es also nicht nur um einen einzelnen Vogel. Es geht darum, wie wir unsere Bergwälder in Zukunft gestalten und nutzen wollen. Genau deshalb braucht es die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Verwaltung, Forstwirtschaft, Jagd und Grundeigentümerinnen und -eigentümern. Alleine kann niemand diese Aufgabe lösen.
Und was bedeutet Ihnen persönlich das Projekt?
Kostner: Mich begeistert vor allem, wie viele Menschen mit Leidenschaft dabei sind. Das Auerhuhn bringt Leute zusammen – Förster, Jägerinnen, Forschende, Waldbesitzer. Alle merken, dass diese Art etwas Besonderes ist und dass wir jetzt handeln müssen, wenn wir sie erhalten wollen. Für mich zeigt das Projekt aber auch, dass Landnutzung und Biodiversitätsschutz kein Widerspruch sein müssen. Gerade in der Forstwirtschaft kann man Lebensräume gezielt fördern und gleichzeitig den Wald weiterhin nutzen. Wenn beides zusammen gedacht wird, können echte Win-win-Situationen entstehen, für die Menschen und für die Artenvielfalt.


