Mit ihren eigenen Worten
Advocacy, Storytelling und Empowerment: wie Minderheiten ihre Zukunft gestalten
Frau Cooper, wie haben Sie über die Minderheiten an der deutsch-dänischen Grenze erfahren?
Sophie Cooper: Das Projekt entwickelte sich in gewisser Weise rückwärts. Meine Recherche zu dieser Gegend begann mit einem Projekt, das im Rahmen eines Forschungsstipendiums entstand. Ich wusste nicht viel darüber und hatte auch keine persönlichen Verbindungen dorthin, aber die komplexe Geschichte des Grenzgebietes, das heute als Vorzeigeregion des Minderheitenschutzes gilt, interessierte mich. Außerdem hatte ich Sozialanthropologie studiert und wollte sicher sein, dass ich in dem Projekt mit Menschen auf persönlicher Ebene zusammenarbeiten kann. Mein Ziel war es, zu untersuchen, wie kulturelles Erbe und Zugehörigkeit weitergegeben werden. Die starken Minderheiten-Netzwerke in der Grenzregion ließen mich hoffen, dass das dort klappen könnte. Darüber hinaus war ich auch daran interessiert, mit Frauen einer nationalen Minderheit zu arbeiten und zu beobachten, wie sich das Geschlecht auf ihre Erfahrungen auswirkt. Viele der Frauen erzählten beispielsweise von Müttern und Großmüttern, die für sie, als Angehörige von Minderheitengemeinschaften, Vorbilder in ihrem Leben waren. Obwohl alle Interviewten Frauen waren, stand das Geschlecht eigentlich nicht im Fokus des Projektes – aber ich habe mich bemüht, diesen Aspekt in den Videos darzustellen.
Durch das digitale Storytelling konnte ich tiefer in individuelle Erfahrungen eintauchen und Nuancen erfassen, die in der breiten Darstellung häufig übersehen werden.
Sophie Cooper
Alexandra Budabin: Frauenstimmen aus Minderheiten erhalten in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit. Diese Entwicklung baut auf frühere Forschungen auf, in denen sie noch als „Minderheiten innerhalb von Minderheiten“ untersucht wurden. Diese intersektionalen Perspektiven zeigen, wie überschneidende Identitäten sowohl die Vulnerabilität als auch die Handlungsfähigkeit von Frauen prägen. Als wir die Statements für das UN-Forum für Minderheitenfragen vorbereiteten, schlug eine Minderheitenvertreterin vor, die Frauen mögen doch die Geschlechterperspektive in ihre Stellungnahmen miteinbeziehen, um hervorzuheben, wie sich das Geschlecht auf die Minderheitenfrage und auf die Gemeinschaften auswirkt.
Welche Rolle spielt das digitale Storytelling in Ihrer Forschung?
Cooper: Die Region um die deutsch-dänischen Grenze gilt als Paradebeispiel des friedlichen Zusammenlebens – mich interessierte die Komplexität hinter diesem Ideal. Durch das digitale Storytelling konnte ich tiefer in individuelle Erfahrungen eintauchen und Nuancen erfassen, die in der breiten Darstellung häufig übersehen werden. Denn jede persönliche, subjektive Erzählung trägt zum kollektiven Verständnis der Situation bei. Indem ich mich auf einzelne Geschichten konzentrierte und sie aus der Nähe untersuchte, hoffte ich, die „Falten im Gewebe” zu entdecken, die – aus der Ferne betrachtet – oft nicht erkennbar sind. Jede Geschichte ist einzigartig und ergibt erst zusammen mit anderen ein kollektives Bild, aber sie kann weitere Ebenen des Themas enthüllen. Für mich war jedes einzelne Interview aufschlussreich, und mir war es wichtig, eine Plattform zu schaffen, wo Minderheiten erzählen konnten, was sie tatsächlich erlebten – und nicht nur das, was andere über sie zu wissen glauben, oder von ihnen erwarten.
Minderheitenkulturen sind nicht Relikte der Vergangenheit, sondern sich weiterentwickeln und voller Kreativität stecken.
Sophie Cooper
Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher überreicht Sophie Cooper in Genf den Preis der „Student Minority Projects Challenge“.
Credit: LPA | Dominik Holzer | All rights reservedFrau Budabin, wie ist Ihr Zugang zu Advocacy und Intersektionalität?
Budabin: Mein Schwerpunkt liegt auf der transnationalen Minderheitenvertretung. Aktuell beschäftige ich mich aus einer intersektionalen Perspektive mit der Vulnerabilität von Frauen aus Minderheiten und besonders, wie sie ihre Handlungsfähigkeit zum Ausdruck bringen. In meiner Arbeit habe ich auch untersucht, wie Intersektionalität (Intersektionalität = Überschneidungen und Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen, Anm. d. Red.) beim UN-Forum für Minderheitenfragen von und über Frauen verwendet wurde. Es war interessant zu sehen, wie wirkungsvoll das Konzept der Intersektionalität in den kurzen, zweiminütigen Stellungnahmen die vielfältigen Herausforderungen erfassen konnte, die daraus entstehen, dass man einer Minderheit und dem weiblichen Geschlecht gleichermaßen angehört. Intersektionalität diente aber auch dazu, die einzigartige Position von Frauen aus Minderheiten als Sprungbrett für ihre Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung zu betrachten – das war ermutigend.
In dem Buch über Frauen aus Minderheiten, das ich kürzlich mitherausgegeben habe, beobachteten meine Coautorinnen und -autoren anhand der Intersektionalität, wie verschiedene Bereiche wie Politik, Recht, Technik, Aktivismus und Wirtschaft ähnliche Veränderungen erleben. Diese Untersuchung zeigt – wie auch andere Initiativen –, dass es dringend notwendig ist, weibliche Stimmen und Geschichten aus Minderheiten in den Mittelpunkt zu rücken und ihnen mehr Gewicht zu verleihen. Für mich und meine Mitherausgeberinnen war es außerdem wichtig, diese Arbeit durch Open-Access frei zugänglich zu machen, um die Verbreitung zu erleichtern. Der direkte Zugang zu den Stimmen von Frauen aus Minderheiten wurde in Sophies Projekt mit seinem digitalen Ansatz sehr effektiv umgesetzt.
Es sind hauptsächlich Frauen aus Minderheiten, die von der Politik weltweit mehr Empowerment fordern. Und obwohl sich viele durch die kurze Redezeit im Forum eingeschränkt fühlen, sind sie sich bewusst, wie wichtig es ist, dort zu sein, um ihre Geschichten zu erzählen. Das Forum bietet eine einzigartige Gelegenheit, um sicherzustellen, dass ihre Stimmen wirklich gehört und beachtet werden. Denn es ist der Ort, an dem diese Geschichten in politische Maßnahmen umgesetzt werden können. Für alle, die nicht am Forum teilnehmen können, gibt es die Möglichkeit sich digital zu beteiligen – eine sinnvolle Alternative, solange der digitale Raum vor Hassreden und Online-Angriffen geschützt ist.
Die intersektionalen Perspektiven zeigen, wie überschneidende Identitäten sowohl die Vulnerabilität als auch die Handlungsfähigkeit von Frauen prägen.
Alexandra Cosima Budabin
Frau Cooper, als junge, aufstrebende Stimme, wie geht es für Sie jetzt weiter?
Cooper: Die Interviews waren unglaublich bereichernd, und ich möchte weiterhin solche authentische Verbindungen aufbauen. Der Satz einer der Interviewten – Miie, eine junge Friesin – hat sich mir eingeprägt, sie sagte: „Wir sind noch hier, wir sind immer noch am Leben.“ Das hat mir wieder vor Augen geführt, dass Minderheitenkulturen nicht Relikte der Vergangenheit sind, sondern sich weiterentwickeln und voller Kreativität stecken. Ich habe hautnah miterlebt, wie Künstlerinnen und Künstler kreative Wege gefunden haben, um ihre Gemeinschaften zu unterstützen. Minderheiten haben den Gesellschaften, in denen sie leben, so viel zu bieten. Wir sollten das Potential, das in ihren Erfahrungen und Ideen liegt, niemals unterschätzen. Diese Botschaft möchte ich mit meiner Arbeit vermitteln.
Budabin: Wie wichtig die Rolle von Studierenden wie Sophie ist, wurde auf dem UN-Forum für Minderheitenfragen immer wieder betont. Bereits im Vorfeld hatte der Sonderberichterstatter begonnen, junge Menschen stärker einzubinden und dazu die Student Minority Projects Challenge ins Leben gerufen, um innovative, von jungen Menschen entwickelte Ideen zu sammeln, insbesondere im digitalen Bereich. Sein Engagement bestätigte sich auch dadurch, dass Sophie auf dem UN-Forum für Minderheitenfragen eine Plattform geboten wurde, wo sie ihre Arbeit und ihren Ansatz vorstellen konnte. Ich bin sicher, dass die Challenge Sophies Ansatz als wirkungsvolles Mittel, um die Stimmen und Geschichten von Minderheiten durch digitale Medien zu stärken, weit verbreiten wird. Wir waren auch bei der Preisverleihung der Minority Artist's Competition dabei, wo die verschiedensten visuellen Kommunikationsformen als sinnvolle Kanäle vorgestellt wurden, um Stimmen, Identitäten und Ideen von Minderheiten miteinzubeziehen und wertzuschätzen.
Es sind hauptsächlich Frauen aus Minderheiten, die von der Politik weltweit mehr Empowerment fordern
Alexandra Cosima Budabin
Cooper: Dieses Projekt hat mir wirklich gezeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen miteinander in Kontakt treten – sei es der Austausch zwischen Minderheiten als auch der mit Mehrheitsgesellschaften. Ich habe aus diesen Gesprächen so viel gelernt, und ich hoffe, dass auch meine Gesprächspartnerinnen etwas für sich mitnehmen konnten. Die fertigen digitalen Geschichten zu teilen, war eine beeindruckende Erfahrung. Selbst meine Mutter, die nie zuvor etwas über diese Grenzregion gehört hatte, fand die digitalen Geschichten sehr emotional und fühlte eine tiefe Verbindung zu diesen Frauen... Die Kraft von echten Verbindungen kann gar nicht oft genug betont werden. Verbundenheit motiviert uns, weiterzukämpfen. Die Geschichten erinnern mich immer wieder daran, was wirklich wichtig ist, und motivieren mich, trotz meiner Frustration mit den großen Institutionen, mich für Veränderungen einzusetzen, auch wenn es nur kleine Schritte sind.


