Nicht gespalten, aber verletzt
Ein Gespräch mit Christoph Kircher und Harald Pechlaner über die sozialwissenschaftliche Aufarbeitung der Coronajahre
Herr Kircher, Herr Pechlaner, wie lässt sich gesellschaftliche Kohäsion oder gesellschaftlicher Zusammenhalt denn überhaupt messen?
Christoph Kircher: Die zentrale Frage ist eigentlich: Wer hält weshalb zusammen? In einer so vielfältigen und mehrsprachigen Gesellschaft wie Südtirol ist das gar nicht so leicht zu beantworten. Wir unterscheiden deshalb zwei Formen von Zusammenhalt. Das eine ist der demokratische Zusammenhalt: Wir kennen uns nicht persönlich, verstehen uns aber als Teil desselben politischen Gemeinwesens. Das andere ist der soziale Zusammenhalt: Da geht es um die Menschen, die wir wirklich kennen – und mit denen wir uns emotional verbunden fühlen.
Harald Pechlaner: Uns hat interessiert, ob die Pandemie das Vertrauen in Politik und Behörden beschädigt hat und welche Folgen die Krise für die zwischenmenschlichen Beziehungen hatte. Dafür haben wir mehrere Zugänge kombiniert: eine repräsentative Umfrage unter 1.424 Südtirolerinnen und Südtirolern zu ihren Einstellungen rund um die Pandemie, eine Analyse von rund 4.000 Medienberichten und über 500 offiziellen Dokumenten sowie elf Gruppendiskussionen mit insgesamt 86 Menschen aus ganz Südtirol.
Jahre nach der Pandemie sprechen viele noch immer von einer gespaltenen Gesellschaft. Die Studie kommt zu einem differenzierten Ergebnis.
Kircher: Genau. Diese Spaltungsdiagnose ist ziemlich verbreitet. Nicht nur in Bezug auf die Coronapandemie. Es wird immer wieder, auch medial, von einer polarisierten Gesellschaft gesprochen. Wir haben diese Annahme nun empirisch geprüft und können sagen: Nein. Südtirols Gesellschaft ist im Hinblick auf die Pandemie nicht gespalten. Wir haben die Südtirolerinnen und Südtiroler nach ihrer Haltung zu den umstrittenen Themen der Pandemie befragt, von den Freiheitseinschränkungen bis zur Impfung. Nur etwa elf Prozent lassen sich zwei geschlossenen, entgegengesetzten Lagern zuordnen: Die eine Seite trägt den politischen Umgang mit der Pandemie mit – also die Maßnahmen und ihre Umsetzung – und findet auch, dass die Pandemie ernst zu nehmen war. Die andere Seite lehnt beides entschieden ab. Die große Mehrheit gehört dagegen keinem dieser beiden Lager an. Sie hat in Bezug auf die Pandemie keine in sich geschlossene Haltung: manche stimmen einer Aussage eher zu, der nächsten aber wieder nicht, und viele positionieren sich auch gar nicht so richtig, bleiben bei vielen Fragen also eher unentschlossen.
Harald Pechlaner (links), Projektleiter der Studie „Gesellschaftliche Kohäsion nach der Pandemie“ und Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac Research, sowie Christoph Kircher, wissenschaftlicher Leiter der Studie
Credit: Eurac Research | Annelie Bortolotti1. Eine breite Mitte, keine zwei Lager
War dieses Ergebnis denn überraschend für Sie?
Kircher: Eigentlich nicht. Große Studien aus Deutschland oder Österreich zeigen dasselbe: viele Kontroversen, aber keine zwei geschlossenen Lager. Man muss dazu erklären, was diese „Mitte“ überhaupt ist. Sie kann keiner eigenen Meinung zugeordnet werden, sondern ist einfach das, was zwischen den beiden kleinen Polen liegt. Und das hat oft ganz banale Gründe: wenig Interesse an Politik, oder schlicht keine Zeit, sich zu jedem Thema eine feste Meinung zu bilden. Schon der Soziologe Pierre Bourdieu hat auf diesen Umstand hingewiesen: Wenn Menschen auf Fragen antworten müssen, die sie sich selbst nie wirklich gestellt haben, oder die ihnen nicht besonders wichtig sind, dann antworten sie pragmatisch – nach Hausverstand, oder besser noch: aus dem Bauch heraus. Der einen Aussage stimmen sie eher zu, die andere lehnen sie eher ab, und oft beziehen sie lieber keine Position, was bedeutet, dass sie „teils/teils“ wählen. Und das ist für uns ein wichtiges Ergebnis. Denn wenn die allermeisten kein geschlossenes Antwortmuster aufweisen, dann kann man auch davon ausgehen, dass es die zwei großen, verfestigten und widersprüchlichen Haltungen, die eine Spaltung der Gesellschaft voraussetzen würden, gar nicht gibt.
Wer heute von einer gespaltenen Gesellschaft spricht, verallgemeinert oft die eigene Konflikterfahrung.
Harald Pechlaner
Wenn die Gesellschaft nicht gespalten war – warum fühlte sie sich für viele Menschen trotzdem so an?
Pechlaner: Es stimmt, die Wahrnehmung einer gespaltenen Gesellschaft ist weit verbreitet, und sie hält bis heute an. 62 Prozent der Südtirolerinnen und Südtiroler erinnern sich an die Pandemie als Zeit gesellschaftlicher Spaltung, und gut die Hälfte davon meint, sie bestehe bis heute. Interessant ist aber, wo diese Wahrnehmung herkommt. Unsere Daten zeigen: Sie hängt eng mit persönlicher Konflikterfahrung zusammen – in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Wer selbst Streit hatte, nimmt die Gesellschaft viel häufiger als gespalten wahr. Wer heute also von einer gespaltenen Gesellschaft spricht, verallgemeinert oft die eigene Konflikterfahrung.
Kircher: Wobei diese Konflikte damals gar nicht so sehr mit verhärteten Einstellungen zu tun hatten, sondern eher mit der Situation und dem öffentlichen Diskurs. Der Soziologe Alois Hahn zeigt schön, dass unser Alltag gar nicht immer auf echtem Konsens beruht. Wir gehen normalerweise einfach davon aus, dass unser Gegenüber ähnlich tickt wie wir, und über heikle Themen reden wir lieber gar nicht erst. Genau das hält den Alltag am Laufen – dass Meinungsunterschiede oft gar nicht erst zur Sprache kommen. In der Pandemie hat das aber nicht mehr funktioniert. Das Thema hat den Alltag beherrscht – Lockdown, Maske, Impfung waren überall. Man konnte gar nicht mehr nicht darüber reden, man musste Farbe bekennen, ob man wollte oder nicht. Und dieser Bekenntniszwang war deshalb so verheerend, weil er mit einem völlig polarisierten Diskurs zusammenkam. Da gab es nur noch dafür oder dagegen. Ein halber Satz hat schon gereicht, und zack, war man in einer Schublade. Das galt gerade auch für die, die eigentlich gar keine geschlossene Meinung hatten.
2. Gefühlte Spaltung, belastete Beziehungen
Dieser polarisierte Diskurs ist ja nicht vom Himmel gefallen. Da haben die Medien einiges dazu beigetragen, oft auch ganz ungewollt.
Christoph Kircher
In diesem Zusammenhang sprechen Sie auch die Verantwortung der Medien an. Was hat Ihre Analyse gezeigt?
Kircher: Genau. Dieser polarisierte Diskurs ist ja nicht vom Himmel gefallen. Da haben die Medien einiges dazu beigetragen, oft auch ganz ungewollt. Sie geben nämlich häufig den lautesten Stimmen eine Bühne, obwohl das eigentlich nur eine kleine Minderheit ist. Und dann entsteht der Eindruck, es gäbe überhaupt nur noch diese lauten Gruppen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen – und all die anderen dazwischen, die eigentlich die Mehrheit sind, verschwinden einfach aus dem Bild. Oder denken Sie daran, wie in den Medien ein ganzes Tal wie Ulten zur „Impfverweigerer-Hochburg“ erklärt wurde. Da schert man alle über einen Kamm, und aus einzelnen Menschen wird auf einmal „das Lager“. Und genau so ist der Diskurs überhaupt erst zu einem polarisierenden geworden – ohne dass das jemand wirklich so gewollt hätte. Die Politik hat da ganz ähnlich mitgewirkt. Wenn die Impfung öffentlich vor allem als moralische Pflicht dargestellt wird, geht eines verloren – nämlich, dass es auch eine persönliche Entscheidung ist, wo eben auch Unsicherheit und Zweifel dazugehören. Und sobald man etwas zur moralischen Pflicht macht, steht man am Ende entweder auf der richtigen oder auf der falschen Seite.
Pechlaner: Überraschend war für uns auch, dass soziale Medien eine viel kleinere Rolle spielen, als oft angenommen wird. Zumindest was die Haltung zur Pandemie betrifft, konnten wir keinen Zusammenhang feststellen. Im Gegenteil: Menschen, die politische Inhalte auf sozialen Medien verfolgen, sind häufig dieselben, die auch Zeitungen lesen, Radio hören oder Nachrichten im Fernsehen schauen. Sie interessieren sich insgesamt stärker für Politik.
Was haben die Menschen am Umgang mit der Pandemie am meisten bemängelt?
Pechlaner: Die laufende Anpassung und die Dichte der Maßnahmen hat die Bevölkerung, vorsichtig ausgedrückt, ermüdet und das Vertrauen in Verwaltung und Politik arg strapaziert. In den Gruppendiskussionen haben die Menschen genau davon auffällig oft erzählt, also von diesem ständigen Hin und Her und der Unsicherheit, die damit verbunden war. Das hat viele Menschen vor den Kopf gestoßen. Zum Beispiel die Frage, wie die „200-Meter-Regel“ eigentlich auszulegen war. Oder die ständigen Änderungen bei den „autocertificazioni“.
Kircher: Es gibt im Grunde zwei Ebenen der Kritik. Die eine betrifft die Pandemie selbst: War die Gefahr real, waren die Eingriffe grundsätzlich gerechtfertigt? Die andere betrifft die Kommunikation und die Art und Weise, wie die Maßnahmen umgesetzt wurden. Und das Interessante ist, dass das eine mit dem anderen statistisch nur schwach zusammenhängt. Man kann also der Politik zugestehen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat, und gleichzeitig meinen, dass viele Maßnahmen rückblickend überzogen waren. Oder man hält die Impfung für richtig und sinnvoll, meint aber gleichzeitig, dass zu viel Druck ausgeübt und Impfskeptische zu Unrecht stigmatisiert wurden. Die Haltungen sind also vielschichtiger, als eine Zwei-Lager-Vorstellung nahelegen würde. Und genau deshalb gehen die Antworten rund um die Mitte auch nicht in zwei Lager auseinander.
3. Kritik am Umgang, nicht an der Sache
Im Kern geht es immer um dasselbe: um das Gefühl, in dem, was man geleistet und durchgemacht hat, nicht genügend gesehen worden zu sein.
Harald Pechlaner
Was erzählen die Menschen in den Gruppendiskussionen über ihre Pandemieerfahrungen, das in Umfragen allein niemals sichtbar geworden wäre?
Kircher: Eine Umfrage sagt uns, wie viele Menschen etwas so oder so sehen. Sie liefert das große Bild in Zahlen. Die qualitative Forschung geht genau den umgekehrten Weg: Sie lässt die Leute selbst erzählen. Und so kommt man an Dinge heran, die man vorab gar nicht abfragen könnte: an die konkreten Erfahrungen eben, und vor allem an die Bedeutung, die die Menschen dem Ganzen selbst geben. Deshalb haben wir die Gruppen auch nach ihren jeweiligen Erfahrungen in der Pandemie zusammengestellt: berufstätige Mütter, Personal im Supermarkt, Menschen mit Migrationshintergrund, nicht geimpfte Personen und so weiter. Jede dieser Gruppen hat die Pandemie aus einer ganz eigenen Lage heraus erlebt. Und da kam viel zusammen. Klar, quer durch fast alle Gruppen gab es viele Berichte von Solidarität im Alltag, auch davon, wie kreativ man mit den Regeln umgegangen ist. Aber bei vielen kam zugleich etwas anderes zur Sprache: Und zwar, dass man sich als Gruppe in der Pandemie kaum gesehen gefühlt hat oder dass die eigene Leistung kaum jemanden interessiert hat. Mit dem Philosophen Axel Honneth kann man das als Missachtungserfahrungen fassen. Und das ist genau das, was in keiner Statistik auftaucht. Das hört man erst, wenn die Menschen wirklich ins Erzählen kommen.
Pechlaner: Und diese Missachtung zieht sich durch ganz unterschiedliche Lebenslagen. Denken Sie an die berufstätigen Mütter. Sie haben in der Sorgearbeit unglaublich viel zusätzlich gestemmt, und kaum jemand hat das wahrgenommen. Oder das Personal in den Krankenhäusern: Sie sind am Anfang als Heldinnen und Helden gefeiert worden und hatten dann das Gefühl, einfach vergessen worden zu sein. Und Menschen mit Vorerkrankung wiederum kamen mit ihrer ganz konkreten Lebenslage überhaupt nicht vor. Denken Sie auch an die Kulturschaffenden: Kultur und Bildung haben enorm gelitten, dabei sind sie tragende Säulen unseres Zusammenlebens. Das sind sehr verschiedene Geschichten, aber im Kern geht es immer um dasselbe: um das Gefühl, in dem, was man geleistet und durchgemacht hat, nicht genügend gesehen worden zu sein.
4. Nicht gesehen, nicht gehört
Sie schreiben, dass das Vertrauen in die Institutionen zwar strapaziert, aber stabil ist. Was braucht es, damit gesellschaftlicher Zusammenhalt auch stabil bleibt?
Pechlaner: Die Pandemie hat das Vertrauen in die Politik nicht gebrochen. Die meisten Südtirolerinnen und Südtiroler haben durchaus Verständnis dafür, dass auf diese plötzliche Notlage schnell reagiert werden musste und nicht jede Lebenssituation berücksichtigt werden konnte. Wie gut oder schlecht die Menschen in Südtirol die Krisensteuerung im Rückblick bewerten, hängt stark am bereits bestehenden Vertrauen in die Politik. Wer der Politik grundsätzlich vertraut, bewertet auch deren Umgang mit der Pandemie positiv. Wer generell wenig von den Institutionen hält, ist kritischer eingestellt. Um das Vertrauen langfristig zu sichern, sind zwei Faktoren besonders wichtig. Zum einen geht es um finanzielle Sicherheit. Also darum, dass Menschen das Gefühl haben, auch in Zukunft gut abgesichert zu sein. Dafür ist entscheidend, dass die Politik die Voraussetzungen schafft. Dazu gehören etwa leistbares Wohnen, sichere Rechte und adäquate Löhne. Zum anderen spielt die sogenannte Responsivität eine wichtige Rolle, also die Frage, ob Menschen das Gefühl haben, dass die Politik ihnen zuhört und auf ihre Anliegen eingeht. Wo wir wieder bei der Anerkennung wären.
Vertrauen erhält man nicht, indem man Widerspruch wegdrückt, sondern indem man ihm einen Ort gibt.
Christoph Kircher
5. Strapaziertes, aber stabiles Vertrauen
Kircher: Vor allem war es die Impffrage, die den Zusammenhalt wirklich auf die Probe gestellt hat. Gut die Hälfte der Befragten sagt im Rückblick, dass zu viel Druck gemacht wurde: und zwar nicht nur durch die Impfpflicht, sondern auch im Alltag, im eigenen Umfeld. Genau darin liegt für mich die entscheidende Lehre. Der deutsche Philosoph Rainer Forst spricht von einem „Recht auf Rechtfertigung“. Damit meint er, dass jeder Mensch einen Anspruch darauf hat, dass ihm die Regeln, an die er sich halten soll, mit guten Gründen gerechtfertigt werden. Das bedeutet nicht, dass es am Ende einen Konsens geben muss. Es bedeutet nur, die Gründe offen auf den Tisch zu legen und sie gemeinsam zu prüfen – gerade auch mit den Kritikerinnen und Kritikern. Eine Maßnahme einfach anzuordnen, weil man die Macht dazu hat, reicht eben nicht. In Frankreich wurde es besser gemacht: Da wurden eigene Bürgerräte zur Impffrage einberufen und die Einwände öffentlich ausdiskutiert. Genau das ist der Weg, den man in der nächsten Krise gehen sollte. Denn Vertrauen erhält man nicht, indem man Widerspruch wegdrückt, sondern indem man ihm einen Ort gibt.


