
Kleine Helden – großer Beitrag für die Forschung
Eine medizinische Studie hat untersucht, mit welcher Methode sich die Sauerstoffreserven von Patientinnen und Patienten (auch von kleinen) vor einer Narkose am wirkungsvollsten erhöhen lassen.
Eines der Kinder während der Tests in den Ambulatorien von Eurac Research
Prä-Oxygenierung ist der Schritt unmittelbar vor dem Einleiten einer Narkose: Sie dient dazu, ausreichende Sauerstoffreserven im Körper aufzubauen – für die Zeitspanne zwischen dem Einsetzen der Narkosewirkung und der Intubation mit anschließender künstlicher Beatmung. Es gibt verschiedene Methoden zur Prä-Oxygenierung. Eine Studie hat untersucht, welche je nach Alter und Körperkonstitution am besten funktionieren. Es war die erste Studie von Eurac Research, an der auch Kinder teilnahmen. Einer der zwanzig kleinen Mutigen war mein neunjähriger Sohn. Und so lief das Ganze ab:
Ich: „Martino, möchtest du an einer medizinischen Studie teilnehmen? Eine Kollegin von mir führt sie durch, eine Ärztin. Sie will herauszufinden, wie man Menschen vor einer Operation besser beim Atmen unterstützen kann. Dafür würden wir gemeinsam in ein Ambulatorium gehen, und du müsstest dort dreimal in eine spezielle Maske atmen. So können wir den Ärztinnen und Ärzten helfen, besser zu verstehen, wie man Verletzte oder Kranke vor einer Operation optimal vorbereitet.“ Martino: „Bin ich allein?“ Ich: „Nein, ich begleite dich. Und dein Freund Riccardo ist mit seiner Mama auch dabei. Ihr dürft sogar in einen Krankenwagen einsteigen – vielleicht lässt sich ja die Sirene einschalten.“ Damit war die Entscheidung schnell gefallen. Was den Ausschlag gab? Ob es Riccardo war, die Sirene oder die Vorstellung, jemandem helfen zu können? Schwer zu sagen – vielleicht war es alles zusammen. Fest steht: Martino hatte keine Angst, sich auf dieses neue Erlebnis einzulassen.
Nach ein wenig Papierkram wurde der Ablauf erklärt: T-Shirt ausziehen, Brust freimachen, hinlegen, einige Minuten lang ruhig durch eine Maske atmen – und dann kräftig pusten, als wolle man einen Luftballon im Rekordtempo aufblasen. Und das Ganze drei Mal. Giulia Roveri und Simon Rauch, die die Studie leiteten, erklärten Martino die Prozedur ausführlich und altersgerecht. Für die Tests war es wichtig, dass die Kinder die Anweisungen genau befolgten, und das taten sie mit Bravour. „Die Kinder waren großartig. Keines wollte eine Pause, und sie haben die Aufgabe sehr ernst genommen. Wir hatten mehrere Sechs- oder Siebenjährige, von denen ich nicht dachte, dass sie in der Lage sein würden, drei Minuten lang still zu liegen, ohne zu sprechen oder aufzustehen“, erklärt Giulia Roveri, Ärztin und Forscherin. „Stattdessen gingen sie begeistert und mit einem stolzen Lächeln nach Hause!“
Es war sicher hilfreich zu wissen, was nach den Tests kam: Das Forschungsteam hatte ein Team des Weißen Kreuzes eingeladen. In voller Montur empfingen die Rettungskräfte die jungen Freiwilligen nach den Tests, ließen sie an Bord des Krankenwagens klettern und alles anfassen – sogar die Sirene durften sie auslösen. Eine Krankenpflegerin erklärte Martino auch, was in einer Notsituation zu tun ist, und machte ihm deutlich, dass selbst ein Kind wie er eine entscheidende Rolle spielen kann. „Wenn einer deiner Freunde verletzt wird, geh nicht weg, um Hilfe zu holen. Bleib einfach bei ihm, halte seine Hand und mach ihm Mut, das ist sehr wichtig! Wenn du Kinder in der Nähe siehst, schickst du sie los, um so schnell wie möglich Erwachsene herbeizuholen! Alles klar?“
Nachdem Martino an diesem Nachmittag begriffen hatte, dass das Ziel der medizinischen Forschung darin bestand, Menschen gesund zu machen, und dass auch ein Kind einen Beitrag dazu leisten kann, wurde ihm jetzt noch klar, dass sein Verhalten selbst in einer Rettungssituation entscheidend sein kann. Und gut gerüstet mit diesen Erkenntnissen machten wir uns auf den Heimweg.
Als Mutter muss ich zugeben, dass ich immer wieder kurz ins Zweifeln kam, nachdem ich Martino zu der Studie angemeldet hatte. Wie die meisten Kinder ist er nicht gerade begeistert von Arztbesuchen. Doch die Vorteile schienen mir zu überwiegen – und aus heutiger Sicht kann ich diese Einschätzung nur bestätigen. Zum einen ist es wichtig, dass Kinder früh mit medizinischen Umgebungen vertraut werden – so geraten sie im Ernstfall nicht in Panik. Das betonte auch die Krankenpflegerin vom Weißen Kreuz, die Martino freundlich einlud, sich auf die Trage und den Sitz im Krankenwagen zu setzen. Zum anderen leistete Martino mit seiner Teilnahme an diesem Nachmittag einen Beitrag für Menschen, die er gar nicht kannte – und entdeckte dabei, wie gut es sich anfühlen kann, etwas für andere zu tun.
Die Forschung
Die Studie über Methoden zur Prä-Oxygenierung war die erste von Eurac Research, die auch Kinder einbezog. Das Studienprotokoll umfasste Tests mit drei verschiedenen Geräten an drei Gruppen von Teilnehmenden: normalgewichtige Erwachsene, übergewichtige Erwachsene und Kinder. Ziel war es, herauszufinden, welches Gerät die Sauerstoffreserve vor der Anästhesie bei Notfällen außerhalb des Krankenhauses verbessern kann. „Wir haben uns dafür entschieden, Kinder einzubeziehen, weil es nur wenige Studien für diese Altersgruppe gibt. In der Medizin werden Kinder oft wie kleine Erwachsene behandelt, aber sie haben physiologische Besonderheiten, die wir berücksichtigen müssen“, erklärt Roveri. Tatsächlich ist der Stoffwechsel bei Kindern schneller, und durch die besondere Beschaffenheit ihrer Brustwand werden Sauerstoffreserven rascher aufgebraucht. Das macht sie anfälliger für Hypoxämie – also Sauerstoffmangel. Diese Besonderheiten erschweren die sogenannte Prä-Oxygenierung vor allem in Notfallsituationen. Während sie im Krankenhaus bei geplanten Operationen in der Regel problemlos abläuft, ist das in einem Rettungswagen, bei Kälte, im Freien oder unter schlechten Lichtverhältnissen deutlich schwieriger. Und je schwerer die Verletzung, desto größer die Herausforderung. Gerade deshalb ist es entscheidend, dass die eingesetzten Geräte zuverlässig funktionieren – um Risiken während der Anästhesie zu minimieren. Die Studie hat hierfür wichtige Erkenntnisse geliefert.
In der Medizin werden Kinder oft wie kleine Erwachsene behandelt, aber sie haben physiologische Besonderheiten, die wir berücksichtigen müssen.
Giulia Roveri
Die Ergebnisse der Studie
Die Studie von Eurac Research verglich die Wirksamkeit der aktuell gängigen Sauerstoff-Gesichtsmaske mit einem Beatmungsbeutel, mit und ohne einem sogenannten PEEP-Ventil. Dieses Ventil sorgt dafür, dass die Lungenbläschen beim Ausatmen offen bleiben und ein verbesserter Gasaustausch ermöglicht wird. An 53 Freiwilligen – Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren, sowie normalgewichtigen und übergewichtigen Erwachsenen – wurde die Verwendung der drei Methoden in einer Reihe experimenteller Tests erprobt. Die gesammelten Daten zeigen, dass der Beatmungsbeutel mit PEEP-Ventil eine wesentlich höhere Sauerstoffreserve in der Lunge aufbaut – fast 50 Prozent mehr im Vergleich zur üblich verwendeten Sauerstoffmaske. Das PEEP-Ventil hält die Alveolen am Ende der Ausatmung offen und verbessert so die Wirksamkeit der Prä-Oxygenierung, insbesondere bei Kindern und übergewichtigen Erwachsenen
Link zur publizierten Studie in JAMA Network Open: https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2834258
Die Forschungsergebnisse zeigen deutlich, wie wertvoll die Beteiligung von Kindern für die Studie war. Gleichzeitig war die organisatorische Vorbereitung deutlich aufwendiger als bei Studien mit Erwachsenen: Die Anwesenheit von Kindern bedeutet mehr Aufwand – etwa dreimal so viele Formulare – und verlangt, dass zumindest die Einverständniserklärung so formuliert ist, dass auch ein sechsjähriges Kind sie verstehen kann. Doch das Team von Eurac Research lässt sich dadurch nicht abschrecken. „Wir sind überzeugt, dass die physiologischen Besonderheiten von Kindern mehr Beachtung verdienen – besonders in Notfallsituationen, auf die sich unsere Forschung konzentriert. Es gibt zwar Daten für den rein pädiatrischen Bereich, aber nur wenige für übergreifende Bereiche wie die Notfallmedizin, daher wollen wir diesen Weg konsequent weitergehen.“ Ein deutliches Signal – auch an alle Eltern.

