Abseits der Extreme
Ein Forschungsteam untersucht im Südtiroler Martelltal, wie sich moderate Höhe auf gesunde Menschen auswirkt

Weltweit leben über 200 Millionen Menschen auf über 2.000 Metern Höhe – und viele weitere halten sich beruflich, zur Erholung oder zum Training in den Bergen auf. Aber obwohl die überwiegende Mehrheit der Hochgebirgsbevölkerung unterhalb von 2.500 Metern lebt, werden die meisten höhenmedizinischen Studien in großen Höhenlagen durchgeführt. Ob die dort dokumentierten physiologischen Veränderungen auch in moderaten Höhen auftreten, ist bislang kaum erforscht.

Die Zufallhütte – Rifugio Nino Corsi auf Italienisch – liegt auf 2.265 Metern im hinteren Martelltal. Hier, mitten im Stilfser Joch Nationalpark, herrschen die idealen Bedingungen für die MAHE-Studie über die Auswirkungen einer moderaten Höhenexposition auf gesunde Menschen, die das Institut für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research gemeinsam mit dem Universitätsspital Zürich durchführt.

Eine Versuchsgruppe von Personen, die normalerweise nahe am Meeresspiegel leben, verbrachte zwischen August und September vier Wochen hier. Während dieser Zeit wurden Ernährung und körperliche Aktivität genau überwacht und Daten zu Herz- und Lungenfunktion, sympathische Aktivität, Schlaf, Stoffwechsel, Appetit, Blutvolumen und Ausdauerleistung gesammelt. Anhand dieser Messungen vor, während und nach des Aufenthalts wollen die Forschenden verstehen, wie sich die moderate Höhe auf Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit auswirkt.

Die Hüttenregeln sind nicht die einzigen Gebote, an die sich die Versuchspersonen in diesen vier Wochen halten müssen: Jede Mahlzeit wird gewogen, jeder Snack notiert, und sportliche Aktivitäten sind nur mit Einschränkungen erlaubt.

In einer Stube der Zufallhütte hat das Forschungsteam ein Labor eingerichtet. Während vor dem Fenster die Glocken der Ziegen bimmeln, finden hier täglich Tests statt, um Daten zu den physiologischen Parametern der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer zu sammeln.
Mit dem Kohlenmonoxid-Rückatmungsgerät auf dem Foto wird die eigene ausgeatmete Luft immer wieder von neuem inhaliert. Das führt dazu, dass sich Kohlendioxid im Körper anreichert, so lassen sich die Hämoglobinmasse und das Gesamtblutvolumen berechnen.

Ein frisch gesetzter Glukosesensor: Für 15 Tage wird er Tag und Nacht den Blutzuckerspiegel dieser Teilnehmerin messen. Die Aufzeichnungen werden in Echtzeit an die Forschenden übermittelt, die somit live beobachten können, wie der Körper auf Essen, Bewegung und Schlaf reagiert.

Einmal pro Woche wird gemessen, wie viele Kalorien die Versuchspersonen bei völliger Ruhe verbrauchen – idealerweise im postabsorptiven Zustand, also wenn auch das Verdauungssystem inaktiv ist. Für den Teilnehmer auf dem Foto bedeutet das, dass er direkt nach dem Aufstehen mit nüchternem Magen für 20 Minuten regungslos daliegt. Dabei wird gemessen, wieviel Sauerstoff er ein- und wieviel CO2 er ausatmet, und so sein Energieverbrauch im Ruhezustand (resting metabolic rate) ermittelt. Und Nino Corsi wacht mit strengem Blick über das Geschehen.

Das Forschungsteam hat ein tragbares kardiovaskuläres Ultraschallgerät in Laptopformat auf die Hütte gebracht. Auf dem Foto führt einer der Wissenschaftler eine Echokardiographie an einem Studienteilnehmer durch. Mit dieser Ultraschalluntersuchung des Herzens lässt sich der Blutdruck in den Lungenarterien ermitteln.

Für die vierwöchige Studie wurden gesunde Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren angeheuert. Manche arbeiten von der Hütte aus, andere bereiten sich auf Prüfungen vor oder schreiben an ihren Masterarbeiten. Und wenn sie nicht gerade mit medizinischen Tests oder physiologischen Messungen beschäftigt sind, vertreiben sie sich die Zeit mit Spaziergängen, Slacklinen oder einer freien Interpretation des Boccia-Spiels: „Roccia“ – man spiele mit selbstgesammelten Steinen!

