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Natürliche Lebensräume kartiert

Die Erhaltung der Ökosysteme ist ein zentrales Thema für die Zukunft der Gesellschaft. Karten und Daten sollen die öffentliche Verwaltung bei der Land- und Naturplanung unterstützen.

AriadneNaxos
© CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons | AriadneNaxos
by Giovanni Blandino

Ein Forschungsteam des Instituts für Alpine Umwelt hat detaillierte Daten gesammelt und hochauflösende Karten für Südtirol und zahlreiche andere europäische Gebiete erstellt, die insgesamt mehr als 80.000 Quadratkilometer abdecken. Die Karten geben Aufschluss über die ökologische Vernetzung – einen der wichtigsten Parameter für den Schutz der biologischen Vielfalt – und zeigen, welche Naturgebiete die meisten Ökosystemleistungen für den Menschen erbringen.

Die Natur bietet eine ganze Reihe sogenannter Ökosystemleistungen – das sind Leistungen der Natur zugunsten von Gesellschaft und lokaler Wirtschaft: sauberes Wasser und Holz, besserer Schutz vor Naturkatastrophen und Landschaften, die sich für den Tourismus und die Freizeitgestaltung eignen. Gleichzeitig sind Ökosysteme grundlegend für die Erhaltung der Artenvielfalt – unter anderem gewährleisten sie das Überleben und Wohlergehen der Tier- und Pflanzenwelt.

Die Vereinten Nationen haben kürzlich beschlossen, für die Jahre 2021 bis 2030 eine Dekade zur Wiederherstellung der Ökosysteme auszurufen. Regierungen und Institutionen, aber auch Bürgerinnen und Bürger werden dazu aufgefordert, beeinträchtigte oder zerstörte natürliche Lebensräume wiederherzustellen und bestehende zu erhalten. Intakte Ökosysteme sind unabdingbar, um die gegenwärtigen Herausforderungen der Menschheit zu bewältigen: Dazu zählen etwa die Bekämpfung der Klimakrise, der Schutz der Biodiversität oder die Gewährleistung von Ernährungssicherheit und Wasserversorgung.

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„Politik und öffentliche Verwaltung werden nachdrücklicher aufgefordert, den Schutz und die Nutzung von Naturgebieten strategisch zu planen und dabei auch jene Naturgebiete zu erfassen, die aufgewertet werden müssen“, erklärt Valentina Giombini, Biologin und Expertin für naturbasierte Lösungen am Institut für Alpine Umwelt. „Was diese Entscheidungen anbelangt, zielen unsere Analysen der natürlichen und naturnahen Gebiete darauf ab, detaillierte Informationen zu den wichtigsten Bewertungskriterien zu liefern: Parameter wie die Ökosystemleistungen und die ökologische Vernetzung.“ Die Karten zeigen unter anderem sogenannte grüne Infrastrukturen. Es handelt sich dabei um natürliche oder naturnahe Gebiete, die Umgebungen unterschiedlicher Art ökologisch miteinander verbinden und damit wichtige Funktionen erfüllen. „Grüne Infrastrukturen sind für die Erhaltung der Biodiversität von grundlegender Bedeutung, etwa weil sie es Tieren erleichtern, sich in verschiedenen Gebieten fortzubewegen. Diese grünen Verbindungen fördern so nicht nur die genetische Rekombination innerhalb der Arten, sondern ermöglichen es den Tieren auch, den Auswirkungen des Klimawandels entgegenzutreten, indem sie Wege in geeignetere Lebensräume öffnen."

Grüne Infrastrukturen planen

Ein ausgezeichnetes Beispiel für grüne Infrastrukturen sind Grenzhecken oder -wälder, welche landwirtschaftliche Flächen umgeben. „Diese naturnahen Lebensräume geben Tieren – wie etwa Vögeln oder Rehen – die Möglichkeit, sich in einem größeren Gebiet zu bewegen. Andererseits dienen sie der Bodenkonsolidierung und ermöglichen eine Erstfilterung des Wassers für die Landwirtschaft“.

Die für die ökologische Vernetzung kritischen Gebiete finden sich meist in den Talsohlen, die in der Regel dicht besiedelt sind und landwirtschaftlich intensiv genutzt werden. Sie trennen die Lebensräume auf beiden Seiten des Tals und bilden regelrechte Barrieren für die Tiere. „Im Etschtal stellen etwa die Biotope Kalterer See und Castelfeder zusammen mit dem Montiggler Wald einen wichtigen Knotenpunkt dar, der verschiedenen Tierarten die Durchquerung des Tales erleichtern kann”, erklärt Valentina Giombini.

Hier eine der Karten, die des Forschungsteams erstellt hat: In dunkelgrün die Naturschutzgebiete. In rot die Bewegungsbarrieren der Tierarten, diese sind häufig besiedelte oder landwirtschaftlich genutzte Gebiete. In blau die wichtigsten ökologischen Verbindungen; sie erleichtern es Tieren, sich in verschiedenen Gebieten fortzubewegen. © Eurac Research | Thomas Marsoner, Valentina Giombini, Heidi Simion, Lukas Egarter Vigl

Andere bedeutsame Lebensräume sind Streuobstwiesen, nicht-intensive Obstgärten mit hochstämmigen Bäumen. Sie liefern nicht nur Früchte von oft seltenen und autochthonen Sorten, sondern sind auch als Lebensraum für Vögel und Heuschrecken besonders wertvoll. „Aufgrund ihrer Bedeutung für die ökologische Vernetzung und die Ökosystemleistungen, die sie erbringen, ist innerhalb unserer Arbeitsgruppe ein besonderes Interesse für diesen naturnahen Lebensraum entstanden“, erzählt Lukas Egarter Vigl, Landschaftsökologe von Eurac Research. „Eine Forschungsgruppe unseres Instituts wird das Potenzial von Streuobstwiesen weiter untersuchen und hat zusammen mit lokalen Partnern damit begonnen, ihren Erhalt zu fördern.“

Wo gibt es die meisten Ökosystemleistungen?

Zusätzlich zu den Daten über die grünen Infrastrukturen und die ökologische Vernetzung hat das Forschungsteam auch jene Gebiete kartiert, welche die meisten Ökosystemleistungen erbringen: von Wäldern bis zu hochgelegenen Weiden, von Stadtparks bis hin zu landwirtschaftlichen Flächen. Die Karten haben eine Auflösung von hundert Quadratmetern und zeigen eine breite Palette an Leistungen auf, welche die Natur für den Menschen erbringt: Sie bietet Holz, Wasser und Futter, reguliert Ökosysteme und die Bestäubung, nimmt CO2 auf, verhindert Erosionen, bringt hydrogeologische Störungen ins Gleichgewicht und hat außerdem einen ästhetischen und kulturellen Wert, wie etwa die Schönheit der Landschaft.

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Das Forschungsteam hat seine Untersuchungen auf den Wert der Multifunktionalität fokussiert, also auf jene Orte, die mehrere Ökosystemleistungen gleichzeitig erbringen. „Deshalb ist neben dem Biotop Kalterer See auch die Seiser Alm eines der Gebiete, das auf den Karten hervorsticht: Hier gibt es neben den Ökosystemleistungen, wie Futter und Bestäubung, auch Leistungen, die dem Tourismus, der Freizeitgestaltung und dem allgemeinen Wohlbefinden zugutekommen“, erklärt Valentina Giombini und fügt abschließend hinzu: „Die Karten zeigen, wie wichtig der Schutz bestimmter natürlicher und naturnaher Gebiete ist – auch von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen.“

Eine detaillierte Karte zur Landnutzung: die wissenschaftliche Publikation


Eine hochauflösende Karte, die die Landnutzung/Bodenbedeckung abbildet, ist für die Makroregion der Alpen im frei zugänglichen wissenschaftlichen Fachmagazin Scientific Data der Nature-Gruppe publiziert worden. Karten, die die Landnutzung räumlich und thematisch zeigen, sind für die Erforschung und Verwaltung besiedelter Bergregionen besonders wichtig. Diese Regionen sind nämlich durch eine hohe Dichte an sehr unterschiedlichen Landnutzungsformen charakterisiert – sie bilden heterogene Landschaften. Die veröffentlichte Karte hat eine räumliche Auflösung von bis zu 5 Metern und umfasst den Zeitraum 2015 bis 2020. Durch die große Anzahl von Landnutzungsformen und die hohe räumliche Auflösung kann sie an unterschiedliche Anforderungen angepasst werden, so dass sie von einem breiten Publikum für verschiedene Anwendungen genutzt werden kann: von der Forschung bis zum Boden-Management.

Link zur Publikation “A detailed land use/land cover map for the European Alps macro region”

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Das Projekt LUIGI „Linking Urban and Inner-Alpine Green Infrastructure"

Die Forschungstätigkeit ist im Rahmen des europäischen Projekts LUIGI „Linking Urban and Inner-Alpine Green Infrastructure” erfolgt und wurde durch das Programm INTERREG Alpine Space finanziert. Am Projekt sind 14 Partner aus sechs Alpenländern beteiligt.

Daten und Karten für die öffentliche Verwaltung und Forschungseinrichtungen sind hier kostenlos zugänglich.

Hier weitere Informationen zum Projekt.

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Heidi Simion

Thomas Marsoner

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