magazine_ Interview
Was steckt in einem Nachhaltigkeitsbericht?
Interview mit dem Sustainability Manager von Eurac Research
In wenigen Jahren ist der Energieverbrauch pro Kopf bei Eurac Research um 42 Prozent gesunken. Welche konkreten Maßnahmen und welche Faktoren von außen erklären dieses Ergebnis?
Aureliano Piva: Wir haben damit begonnen, unseren Energieverbrauch genau zu erfassen. Das hat uns geholfen, Verschwendungen auf den Grund zu gehen und effizienter zu werden. Zudem hat der Anschluss an das Fernwärmenetz zwischen 2022 und 2023 dazu geführt, dass wir den Wärmeverbrauch in unserem Hauptsitz um fast 50 Prozent senken konnten. Und ein bisschen Glück war auch dabei [lacht]: Der Kühlturm ist ausgefallen, sodass wir die alte Kühlanlage durch ein leistungsstärkeres System ersetzen mussten.
Hat die Pandemie eine Rolle gespielt?
Piva: Insgesamt nur wenig, was den Energieverbrauch betrifft: Das Gebäude wurde weiterhin beheizt, und die Server liefen durchgehend. Die einzelnen Laptops fallen dabei kaum ins Gewicht. Deutlich sichtbar war der Effekt hingegen bei der Mobilität: Zwischen 2020 und 2022 sind die Emissionen stark zurückgegangen, 2023 lagen sie dann allerdings sogar über dem Niveau vor der Pandemie.
Pro-Kopf-Verbrauch + Verbrauch je nach Standort + Heizung am Hauptsitz
Nachhaltigkeitsstrategie und -bericht: ein Prozess von rund vier Jahren. Was hat Sie besonders stolz gemacht?
Piva: Die Beteiligung. Über Workshops, Fragebögen und verschiedene Arbeitsgruppen haben wir rund 150 Personen eingebunden – etwa 20 Prozent der Belegschaft. Für solche Prozesse ist das ein sehr gutes Ergebnis. Ich bin überzeugt davon, dass das der einzige Weg ist: Maßnahmen greifen nur, wenn sie zum jeweiligen Kontext passen und von den Beteiligten mitgetragen werden. In den Laboren etwa muss man die Abläufe genau kennen, um wirksam eingreifen zu können. Wenn diejenigen, die täglich dort arbeiten, nicht mitziehen, geht es nicht.
Und gibt es einen Punkt, bei dem Sie dachten: Hier müssen wir dringend besser werden?
Piva: Die Flüge, vor allem Kurzstrecken. Sie allein machen 35 Prozent unserer mobilitätsbedingten Emissionen aus – ein ähnlich großer Anteil entfällt auf Langstreckenflüge. Zum Teil sind diese Emissionen unvermeidbar: Forschung lebt vom Austausch und von persönlichen Treffen. Aber hätte man in manchen Fällen den Zug wählen können? Und wann wäre eine Dienstreise verzichtbar gewesen? Klare Antworten gibt es darauf natürlich nicht. In dieser Grauzone müssen wir ein Gleichgewicht zwischen Überzeugungsarbeit und klaren Grenzen finden.
Emissionen aus Dienstreisen
Obwohl ein Viertel der zurückgelegten Kilometer auf Bahnreisen entfällt, verursachen sie nur etwas mehr als 7 Prozent der Emissionen. Flüge dagegen machen etwa die Hälfte der insgesamt zurückgelegten Kilometer aus, sind aber für fast drei Viertel der Emissionen verantwortlich.
Ein Nachhaltigkeitsbericht stützt sich vor allem auf Kennzahlen. Was lässt sich damit nicht abbilden?
Piva: Der menschliche Faktor. Inwiefern Menschen bereit sind, ihre Gewohnheiten zu ändern, lässt sich weder messen noch vorhersagen. Selbst scheinbar einfache Entscheidungen – etwa weniger zu drucken oder funktionsfähige Geräte weiterzuverwenden, statt sie wegzuwerfen – stoßen mitunter auf mehr Widerstand als erwartet. Und man muss auch bedenken: Wir haben uns an den Standardindikatoren der Global Reporting Initiative (GRI) orientiert, doch einige davon eignen sich nur bedingt, um unsere Arbeit abzubilden.
Zum Beispiel?
Piva: Die Indikatoren zur Beschaffung und Produktion von Gütern. Wir sind kein produzierendes Unternehmen – bei uns entsteht der größte Einfluss eher durch das Verhalten als durch konkrete Outputs.
Eurac Research beschäftigt sich mit Klimawandel, Biodiversität und sozialer Inklusion. Haben Sie dabei jemals eine Spannung zwischen dem wissenschaftlichen Auftrag und dem ökologischen Fußabdruck wahrgenommen?
Piva: Ja, diese Spannung gibt es, und sie ist unvermeidlich: Forschung bringt Energieverbrauch, Mobilität und Anschaffungen mit sich. Gleichzeitig leistet unsere wissenschaftliche Arbeit einen positiven Beitrag, etwa zur Dekarbonisierung, zum Schutz von Ökosystemen und zur sozialen Inklusion. Wir dürfen das aber nicht als Ausrede nutzen. Entscheidend ist, konsequent zu bleiben und die Anstrengungen – kleine wie große – fortzusetzen. Bei Eurac Research ist das Umweltbewusstsein auf individueller Ebene bereits hoch, und viele alltägliche Praktiken tragen schon dazu bei, die Belastungen zu verringern. Jetzt wollen wir diese Haltung stärker in strukturelle Entscheidungen überführen und Umweltkriterien noch konsequenter in unsere Entscheidungsprozesse integrieren.
Jahresabschlüsse stehen stark im Fokus der Öffentlichkeit. Wie sieht es bei Nachhaltigkeitsberichten aus?
Piva: Ein Finanzbericht kann ein klares, unmittelbares Signal geben: Ein Plus oder Minus zeigt sofort, ob es gut läuft. Ein Nachhaltigkeitsbericht ist deutlich komplexer – er lässt sich schwerer messen und vergleichen und umfasst sehr unterschiedliche Indikatoren, vor allem wenn man über Emissionen hinaus auch die sozialen Auswirkungen betrachtet. Ich denke etwa an Aktivitäten vor Ort, an Mitarbeitende, die zum wirtschaftlichen und kulturellen Leben beitragen, oder an Arbeitsbedingungen, die das gesellschaftliche Wohlbefinden beeinflussen, sich aber nur schwer erfassen lassen. Gerade wegen dieser Komplexität und weil die Standards unterschiedlich weit entwickelt sind, finden Nachhaltigkeitsberichte oft weniger Beachtung. In vielen Branchen ist die mediale Aufmerksamkeit geringer, und manche Unternehmen sehen sie entweder als bürokratische Pflicht oder als Form von Greenwashing.
Ein Beispiel für einen Indikator, der nichts mit Emissionen zu tun hat?
Piva: Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Bei Eurac Research liegt sie im Durchschnitt unter fünf Prozent. In den höheren Positionen, in denen Frauen derzeit unterrepräsentiert sind, steigt sie jedoch auf bis zu 20 Prozent (Anm. d. Red.: Hier die ISTAT-Daten zu den italienischen Durchschnittswerten). In der Kategorie „Specialist“, zu der etwa administrative Profile und Nachwuchsforschende zählen, verdienen Frauen hingegen im Schnitt sechs Prozent mehr als Männer – ein Wert, der auch von der Rollenverteilung und dem Dienstalter beeinflusst wird.
Gender pay gap
Welches konkrete Ziel würden Sie gerne in zehn Jahren erreicht haben?
Piva: Dass wir nicht mehr über Nachhaltigkeitsstrategien sprechen müssen, weil Nachhaltigkeit längst selbstverständlicher Teil des Arbeitsalltags in unserem gesamten Forschungszentrum ist.


