Von Solarzellen bis Verkehrswende: Wie das Forschungsteam von Eurac Research die Weichen für eine erneuerbare Zukunft stellt.
A.Troi-R.Psenner-W.Sparber
Credit: Eurac Research | Andrea De GiovanniAm Anfang stand die Technik im Mittelpunkt. Heute ist klar: Neben der technischen Entwicklung braucht es auch einen gesellschaftlichen Wandel. Über 50 Prozent des fossilen Energieverbrauchs in Südtirol stecken im Verkehr – Autos, Tourismus, Warenströme prägen die Region. „Wir brauchen attraktive Alternativen, um die Menschen dazu zu bewegen, ihre Gewohnheiten zu ändern: effiziente öffentliche Verkehrsmittel, Verlagerung auf die Schiene, den Umstieg auf Elektrofahrzeuge“, so Institutsdirektor Wolfram Sparber. Gerade bei Fahrzeugen lässt sich schnell etwas bewegen, weil sie schneller ersetzt werden als etwa Heizsysteme oder Gebäudefassaden. Das Bauwesen bleibt dennoch ein Sektor mit enormem Potenzial: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Forschung des Instituts darauf konzentriert, wie man effizienter sanieren und bauen, Gebäude energiebewusst bewirtschaften und das zirkuläre Bauen stärker in den Fokus rücken kann. „Sanieren macht unabhängiger von Preisschwankungen, verbessert den Wohnkomfort und ist oft finanziell machbarer, als viele glauben“, betont Alexandra Troi, Vizedirektorin des Instituts. Das gilt auch für historische Gebäude: Wie man Denkmalschutz und Energieeffizienz miteinander verbinden kann, belegen zahlreiche Fallstudien, die das Institut in den vergangenen Jahren in ganz Europa begleitet hat. Doch für ein Gelingen der Energiewende werden viele Bausteine benötigt: Große Mengen an grünem Strom, erneuerbarer Wärme, komplexe aufeinander abgestimmte Energiesysteme; die Städte, in denen wir leben, müssen sich weiter entwickeln, um kühler, resilienter, grüner zu werden und für Wirtschaftsentwicklung und Innovation offen sein. So arbeitet das Institut an innovativen Photovoltaik-Lösungen, Fernheizsystemen, welche erneuerbare Quellen und lokale Abwärme intelligent miteinander verbinden, an zentralen und dezentralen Wärmepumpen-Lösungen, komplexen Gesamt-Energie-System Modellierungen. Es arbeitet eng mit Unternehmen zusammen, begleitet Städte und Regionen in ihrer Weiterentwicklung zu mehr Lebensqualität und weniger Abhängigkeit von importierten fossilen Rohstoffen.
Die Forschung zieht nicht nur internationale Expertinnen und Experten nach Südtirol, sondern stärkt auch die lokale Industrie. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat das Institut an über 300 Aufträgen von lokalen und nationalen Unternehmen gearbeitet: durch das Abwickeln von akkreditierten Tests von Wärmepumpen in den hauseigenen Labors, dynamischen Simulationen von aktiven vorgefertigten Bauteilen oder komplexen Fassaden, Entwicklung von Photovoltaikmodulen für neue Anwendungen im Bereich der Gebäude-Integration, Umsetzung von Demonstrationsanlagen und Vermessung von neuen Energiesystemen in Südtirol und Europa.
Seit seinen Anfängen ist das Institut in europäischen Projekten aktiv – in Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, führenden Unternehmen der jeweiligen Branchen und mit Gremien der Europäischen Kommission selbst. In diesen zwanzig Jahren hat das Institut auf der Grundlage einer Basisfinanzierung von rund 29 Millionen Euro, Aufträge und Fördermittel in Höhe von 90 Millionen Euro von Industriepartnern und öffentlichen Programmen erhalten. Heute wie damals gilt es Transformationsprozesse als Chance zu sehen und positive Entwicklungen anzustoßen: „Die Energiewende ist eine tiefgreifende Transformation unserer Gesellschaft. Mit vielen Herausforderungen aber auch vielen Chancen. Letztere gilt es zu nutzen für mehr Lebensqualität und eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung“, so die Institutsleitung.
Bei der Jubiläumsfeier mit Vertreterinnen und Vertretern aus Industrie, Forschung und Institutionen stand daher nicht nur der Rückblick im Fokus, sondern vor allem der Ausblick: Die Gäste wurden eingeladen, aufzuschreiben, wie sie sich eine erneuerbare Zukunft in 20 Jahren vorstellen. Ihre Botschaften wurden in einer Zeitkapsel im Garten von Eurac Research vergraben – als kleiner Schatz für die nächste Generation, die sie in zwei Jahrzehnten öffnen wird.
Zahlen und Fakten zum Institut für Erneuerbare Energie
160 Mitarbeitende aus über 20 verschiedenen Ländern Rund 500 Personen waren in den letzten 20 Jahren Teil des Instituts-Teams 800 Projekte im Auftrag der Industrie oder finanziert durch öffentliche Forschungsprogramme ~90 Mio. € an Fördermitteln hat das Institut bislang für über 800 Projekte erhalten (aus Industrieaufträgen und öffentlichen Programmen) ~200 Mio. € Fördermittel hat das Institut in koordinierten großen EU-Projekten verwaltet. Über 60 regionale Partner konnten in diese Projekte aufgenommen werden und dadurch von EU-Förderungen für eigene Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten profitieren. ~900 wissenschaftliche Publikationen – fast die Hälfte davon in peer-reviewed Fachzeitschriften 5.000 m² Gesamtfläche an Laboren: 7 Indoor- und 4 Outdoor-Labore – alle im NOI Techpark in Bozen 12 akkreditierte Prüfverfahren (akkreditiert durch Accredia Nr. 01546 LT)

