ABI - Soziale Teilhabe und Gleichstellung in Bezug auf Behinderung und Gender in Südtirol
Hintergrund
Die Überschneidung von Geschlecht und Behinderung führt zu spezifischen Formen sozialer Ausgrenzung. Diese gehen auf strukturelle Ungleichheiten und kulturelle Normen zurück, welche die Körper und Stimmen von Frauen und LGBTQIA+-Personen mit Behinderungen marginalisieren. Diese Ausgrenzung verstärkt sich zusätzlich, wenn weitere Formen der Marginalisierung hinzukommen, etwa die Zugehörigkeit zu sprachlichen Minderheiten oder anderen Minderheitengruppen.
Menschen, die mehreren dieser Gruppen angehören, erleben häufig soziale Unsichtbarkeit, eingeschränkte Autonomie sowie Hürden beim Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe—Faktoren, die das Risiko geschlechtsbezogener Gewalt erhöhen und die Wahrnehmung sexueller und reproduktiver Rechte einschränken.
Diskriminierung und Gewalt entgegenzuwirken bedeutet weit mehr als gesetzliche Anpassungen vorzunehmen: Es erfordert ein grundlegendes Umdenken darüber, wie Gesellschaft die Begriffe Behinderung und Geschlecht versteht und sozial konstruiert—auch im Zusammenspiel mit anderen Minderheitenidentitäten. Ableistische Stereotype und patriarchale Strukturen in Frage zu stellen ist entscheidend, um die Handlungsfähigkeit, die Selbstbestimmung und die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu stärken. Selbstbestimmung spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie Menschen befähigt, bewusste Entscheidungen über ihr Leben und ihren Körper zu treffen und institutionelle wie soziale Barrieren zu überwinden.
Trotz wachsender Aufmerksamkeit bleibt die Forschung zu diesen Themen fragmentiert. Was bislang fehlt, ist ein integrierter, politikorientierter Ansatz, der auf gelebten Erfahrungen basiert—insbesondere auf lokaler Ebene. Das Projekt Social Empowerment and Equity in Disability and Gender in South Tyrol (SEEDS) setzt hier an und zielt darauf ab, diese Lücke zu schließen, indem es Reformen und Instrumente entwickelt, die die Stimmen, Rechte und die Selbstbestimmung von Frauen und LGBTQIA+-Personen mit Behinderungen in den Mittelpunkt stellen.
Das Projekt
SEEDS geht von einer Leitfrage aus: Wie kann Südtirol Behindertenpolitiken entwickeln, die intersektional und geschlechtersensibel sind und gleichzeitig Gleichberechtigung und Selbstbestimmung fördern? Denn trotz des Engagements der Autonomen Provinz Bozen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen – insbesondere durch das Landesgesetz Nr. 7/2015 – wird die Geschlechterperspektive bisher nur begrenzt berücksichtigt.
Das Projekt stützt sich auf eine interdisziplinäre, sozialrechtliche und qualitative Methodik, die theoretisch im intersektionalen Feminismus und in kritischen Disability Studies verankert ist. Untersucht werden sowohl institutionelle Politiken als auch gelebte Erfahrungen, um zu verstehen, wie Geschlecht und Behinderung den Zugang zu Rechten und Dienstleistungen prägen.
Das Projekt wird am Institut für Minderheitenrechte von Eurac Research durchgeführt und verfolgt das Ziel, lokale Politiken und Rechtsrahmen stärker an internationale und europäische Standards wie die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und die EU-Strategie für die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2021–2030 anzunähern.
SEEDS setzt auf einen partizipativen und community-basierten Ansatz: Gemeinsam mit lokalen Stakeholdern werden Wissen und politische Vorschläge entwickelt—ausgehend von den verkörperten Erfahrungen besonders marginalisierter Gruppen. Aufbauend auf der autonomen Gesetzgebungskompetenz Südtirols und seiner langen Tradition im Minderheitenschutz möchte das Projekt innovative und übertragbare Modelle intersektionaler und geschlechtersensibler Behindertenpolitik entwickeln. Eine besondere Stärke des Projekts ist die enge Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen, etwa mit dem Monitoringausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Ziele
1. Analyse rechtlicher und politischer Rahmenbedingungen
Bewertung des Landesgesetzes Nr. 7/2015 sowie weiterer einschlägiger Bestimmungen im Hinblick auf die Integration intersektionaler und geschlechtersensibler Prinzipien.
2. Stärkung der Stimmen Betroffener und Dokumentation gelebter Erfahrungen
Untersuchung der Lebensrealitäten von Frauen und LGBTQIA+-Personen mit Behinderungen in Südtirol—mit besonderem Fokus auf geschlechtsbezogene Gewalt sowie sexuelle und reproduktive Rechte.
3. Gemeinsame Entwicklung von Reformempfehlungen für lokale Politiken
Ausarbeitung praxisnaher, erfahrungsbasierter und evidenzgestützter Empfehlungen in enger Zusammenarbeit mit lokalen Stakeholdern, um Rechte, Wohlbefinden und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen nachhaltig zu stärken.

- Project duration: -
- Project status:
- Funding: Provincial P.-L.P. 14. Mobility (Province BZ funding /Project)
- Institute: Institut für Minderheitenrecht
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