Auf Einladung von Eurac Research, BASIS Vinschgau Venosta und der Bürger*Genossenschaft Obervinschgau trafen sich internationale und lokale Fachleute und Interessierte in Bozen und im Rahmen der "Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0" in Schluderns.
The speakers and participants of the panel discussion at the conference "Rethinking Encounter" in Bolzano: Maria Elisabeth Rieder, Ingrid Kofler, Giulia Isetti, Helen F. Wilson, Andreas Schatzer, Elisa Piras and Cristina Masera.
Credit: Eurac ResearchBegegnung braucht Freiräume und weniger Erwartungshaltung
Mit Migration und Tourismus beschäftigt sich der Historiker Kurt Gritsch in einem Arge Alp-Projekt im Begegnungsraum Dreiländereck Graubünden, Tirol, Südtirol. „Vor allem in Grenzregionen ist der Wunsch, sich abzugrenzen utopisch. Begegnungen sind unvermeidbar, um aber Wirkung zu entfalten, brauchen sie Freiräume“, unterstrich Gritsch. Bürokratie und eine zu detaillierte Erwartungshaltung engen Begegnung ein und wirken sich negativ auf das Ergebnis aus. Begegnung mache nur Sinn, wenn sie gewünscht wird. Man müsse immer von den Bedürfnissen der Menschen ausgehen, die an einem Ort leben und dürfe auch den Humor nicht zuhause lassen. Gritsch präsentierte verschiedene Stufen der Begegnung und hob vor allem die sogenannte reklamierende Stufe hervor. „Es geht nicht darum, ein Kreuzchen zu machen, damit andere für mich entscheiden. Ziel ist eine Zivilgesellschaft, die initiiert und einfordert.“ Dafür brauche es jedoch eine Demokratisierung von Institutionen und Betrieben. Michael Hofer, Geschäftsführer und Vizevorsitzender der Bürger*Genossenschaft Obervinschgau, unterstrich allerdings, dass die Politik nicht nur auf Lösungsansätze von unten herauf warten dürfe, sondern auch selbst daran arbeiten müsse, starre Strukturen zu durchbrechen.
Dass Begegnung über sprachliche, kulturelle und geographische Grenzen hinweg möglich ist, zeigte insbesondere das praktische Beispiel von Johannes Abart aus Schleis. Vier Jahre lang war der gelernte Fliesenleger auf der Walz und verständigte sich zwischen Polen, Marokko oder Portugal auch mit Händen und Füßen. Maximal drei Monate darf ein Wandergeselle an einem Ort bleiben, bevor er weiterziehen muss. Smartphone oder andere technische Hilfsmittel sind nicht erlaubt. „Die Begegnungen und Beziehungen auf der Wanderschaft verändern den eigenen Horizont und es bleibt viel Zeit, über sich selbst nachzudenken. Das Materielle verliert an Bedeutung und man erlangt auch dadurch eine ganz neue Freiheit“, schilderte Abart. Regelmäßig treffen sich die Gesellinnen und Gesellen der Schächte, um auf sogenannten sozialen Baustellen zu arbeiten und damit auch der Allgemeinheit etwas zurückzugeben.
Ökosysteme als neue Formen der Gemeinschaft
„Um soziale Wirkungen mit einem Unternehmensmodell zu verknüpfen, brauchen wir Kollaborationen“, unterstrich Jana Ganzmann, die Co-Gründerin des Impact Hub Tirol in ihrem Vortrag. „Netzwerke bestehen meist aus Menschen und Unternehmen, die uns ähnlich sind. Wir brauchen neue Formen der Gemeinschaft, nämlich Ökosysteme, die aus unterschiedlichen Playern bestehen. Und wir brauchen Räume, in denen wir uns als Menschen begegnen und die Corporate-Brille auch ablegen können. Die Bildung solcher Gemeinschaften gehört zu den Stärken von Regionen im Gegensatz zu großen Städten.“ Man müsse die Neugierde wieder in den Vordergrund rücken, betonte der Sozialunternehmer Hannes Götsch. Auch kleine Räume, wie der Vinschgau könnten internationale Standorte sein, wenn man kooperatives Wirtschaften fördere.
Ältere Generationen in der Bringschuld
Dass aber selbst in einer kleinen Region wie Südtirol kontinuierlich an einer neuen Begegnungskultur gearbeitet werden müsse, wurde in der Diskussion zwischen Cristina Masera, der Generalsekretärin des AGB/CGIL, der Landtagsabgeordneten Maria Elisabeth Rieder, Gemeindenverbandspräsident Andreas Schatzer und Ingrid Kofler von der Freien Universität Bozen deutlich. Die meisten Probleme entstünden aufgrund mangelnder und falscher Kommunikation – auch auf politischer Ebene, bedauerte Masera und forderte mehr Zeit und Raum dafür ein. Dass es mehr Begegnung zwischen den Generationen brauche und die älteren Generationen in einer besonderen Bringschuld seien, sagte Maria Elisabeth Rieder. „Wir müssen auf die Jugend zugehen und auch etwas aushalten können. Die Jugend darf angreifen, sie darf provozieren.“ Schatzer hob die Partizipation als Schlüsselelement der Gemeindepolitik hervor. Hier habe man im Vergleich zu früher tatsächlich eine 180 Grad-Wende hingelegt, doch noch immer werde bestimmten Gruppen zu wenig Respekt entgegengebracht und Gehör geschenkt. Einen Blick über die Gemeindepolitik hinaus präsentierte Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft. Er sprach über die Regionalpolitik in der EU und die Bemühungen für ein bürgernahes Europa. Bis 2009 hätten Divergenzen zwischen den Regionen abgenommen, nun gebe es aber vor allem in ländlichen Räumen starke demographische Probleme.
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