Der Schlaf in großer Höhe ist gar nicht so schlecht
Was sich subjektiv miserabel anfühlen mag, ist objektiv von ausreichender Qualität, zeigen Untersuchungen
Der glorreiche Gipfel war glücklich erklommen – doch nach was für einer Nacht: grauenhaft. „Ich konnte überhaupt nicht schlafen und würde so eine Nacht meinem schlimmsten Feind nicht wünschen“, erklärte 1786 Michel-Gabriel Paccard, gut zurück von der Erstbesteigung des Mont Blanc gemeinsam mit Jaques Balmat, für die die beiden ihr Nachtlager auf 2300 Meter Meereshöhe aufgeschlagen hatten. Was als die Geburtsstunde des modernen Alpinismus gilt, war damit auch der Beginn einer Klage, die seitdem Extrembergsteiger und Freizeitalpinisten vereint: die Klage über miserablen Schlaf.
„Paccards subjektiver Eindruck hat auch die Sichtweise der Wissenschaft lange geprägt“, erklärt Schlaf- und Höhenmediziner Nikolaus Netzer, der sich seit 30 Jahren mit Schlaf in der Höhe beschäftigt. „Man ging einfach immer davon aus, dass man in der Höhe sehr schlecht schläft. Vom Gefühl her tut man das ja auch oft. Das sagt aber wenig über die objektive Schlafqualität.“
Wie gut wir objektiv schlafen, liegt für uns Menschen im Dunkeln.
Dabei ging es um den Schlaf, aber nicht nur um den Schlaf: Eine verbreitete Annahme in der Höhenmedizin war, dass die schlechte Schlafqualität zur Höhenkrankheit beitrage. Doch die Schlafqualität des Expeditionsteams am Aconcagua – drei Männer und eine Frau – war „überraschend gut“ (Netzer). Gut bedeutet: ausreichende Schlafdauer, sowie ausreichende Anteile Tief (Delta)- und Traumschlaf (REM-Schlaf), erklärt er: „Beides ist nötig, damit man sich körperlich und geistig regeneriert. Delta-Schlaf dient der Erholung der Zellen und Organe, der Stärkung des Immunsystems. REM-Schlaf braucht es für die geistige Leistungsfähigkeit.“
Nachfolgende Studien, in realen und simulierten Höhenlagen, zeigten abhängig von Variablen wie Akklimatisierung oder Anstrengung während des Aufstiegs unterschiedliche Ergebnisse, kamen im Großen und Ganzen aber zum gleichen Schluss: „Die Schlafqualität in der Höhe ist längst nicht so schlecht, wie angenommen, ja oft sogar gut.“
Dass sie auf der Berghütte oder im Basislager meist anders empfunden wird, ist jedoch nicht verwunderlich: Kälte, hohe Luftfeuchtigkeit, heulender Wind, die Zeltgenossen, die Sorge, es anderntags nicht auf den Gipfel zu schaffen … viele Faktoren können zu dem Gefühl beitragen, man habe eine lausige Nacht verbracht.
Atemaussetzer von zehn bis zwölf Sekunden
„Wenn der Schlaf so schlecht wäre, wie man meint, dann wäre der Mensch gar nicht imstande, in diese Höhen hinaufzusteigen.“
Nikolaus Netzer
In den 1980er Jahren, als schon moderne Polysomnographen zur Verfügung standen, zeigten dann Experimente in Unterdruckkammern der US Air Force, dass die Atempausen (Apnoen) bei der periodischen Höhenatmung zahllose kleine, unbewusste Aufwachreaktionen (Arousals) provozieren – „und damit schien endgültig bewiesen, dass man in der Höhe gar nicht gut schlafen kann“, sagt Netzer. „Aber offenbar kommt der menschliche Körper mit diesen Arousals zurecht.“ Was angesichts unserer Evolution auch gar nicht so überraschend sei: „Wer auf einem Baum schläft, unter dem Tiger vorbeistreifen, muss immer in einer Art Aufpass-Zustand sein. Und man kann das auch trainieren – wer es oft macht, verkraftet es besser. Man sieht das bei Extremsportlern, die selbst nach sehr kurzem Schlaf leistungsfähig sind. “
Die Leistungen der Alpinistinnen und Alpinisten waren eigentlich immer schon ein Indiz, dass die in der Bergsteigerliteratur durchweg als qualvoll beschriebenen Nächte („Schlafen war ein großes Wort dafür“, schrieb der amerikanische Alpinist Steve House über die Art, wie er Biwaknächte auf 5000 Meter Höhe verbrachte) objektiv erholsamer sind, als sie sich anfühlen, sagt Netzer: „Wenn der Schlaf so schlecht wäre, wie man meint, dann wäre der Mensch gar nicht imstande, in diese Höhen hinaufzusteigen.“
Einmal geklärt, dass die periodische Atmung den Schlaf nicht völlig ruiniert, so blieb doch die interessante Frage: Schliefe man ohne sie besser? Im Rahmen einer gemeinsamen Studie von Eurac Research und der Med-Uni Innsbruck im Klimasimulator terraXcube wurde auch das untersucht. Auf einer simulierten Höhe von 4000 Metern verbrachten 16 Versuchspersonen zwei Nächte: In einer Nacht wurde die periodische Atmung zugelassen, in der anderen die Atmung ohne Wissen der Teilnehmenden stimuliert, sodass sie normal verlief. „Das hatte aber keinen signifikanten Einfluss auf die Schlafstruktur“, sagt Netzer, der an der Studie beteiligt war. „Die Messungen im terraXcube sind jedoch dadurch eingeschränkt, dass der von den Vakuumpumpen erzeugte Luftstrom eine gewisse Lärmbelastung verursacht.“ Der Wind um die Hütte, auch hier.
Wie sehr die subjektive Schlafqualität unter klimatischen Bedingungen und sonstigen Störfaktoren leidet, hänge stark vom Individuum ab und sei schwer zu bestimmen, sagt Netzer. Wovon man ausgehen kann: Die Erwartung, schlecht zu schlafen, trägt nicht zu erholsamer Nachtruhe bei. Zu wissen, dass die Schlafqualität gar nicht so schlecht ist, sollte demnach den umgekehrten Effekt haben, sagt Netzer. Bergsteigerinnen und Bergsteiger, entspannt euch.


