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Food Forests: essbare Wälder mit Mehrwert

Anschaulich gemacht: Wie aus brachliegenden Flächen wertvolle Orte für Klima, Biodiversität und Gemeinschaft entstehen

Doch Food Forests sind oft weit mehr als das. Es kann auch ein Stadtwald sein, in dem Menschen spazieren gehen und der Sommerhitze entfliehen. Oder ein Ort, der dazu anregt, über unsere Art der Lebensmittelproduktion und mögliche Alternativen nachzudenken. So schaffen Agroforstsysteme Raum für Erholung und Bildung rund um Themen wie Biodiversität, Ökologie oder Bodengesundheit. In manchen Fällen bieten sie zudem die Chance, eine Region aufzuwerten und das touristische Angebot zu bereichern.

Häufig entsteht mit einem Food Forest zugleich auch eine Gruppe von Menschen, die sich um ihn kümmert und daraus Lebensmittel und viele weitere Vorteile gewinnt. Wenn diese gemeinschaftliche Dimension im Vordergrund steht, spricht man von einem „Community Food Forest“.

Community Food Forests: Agroforstsysteme als Gemeinschaftsprojekte

Ein Community Food Forest wird gemeinschaftlich geplant, entwickelt und gepflegt – von einer klar definierten Gruppe. Solche Projekte entstehen meist auf öffentlichen, kommunalen oder gemeinsam genutzten Flächen, auf denen partizipative Formen der Bewirtschaftung erprobt werden. Freiwillige, lokale Vereine und Bürgerinnen und Bürger wirken dabei aktiv mit.

Ein solcher Food Forest bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Er bietet der lokalen Bevölkerung nicht nur kostenlose oder günstige, nährstoffreiche Lebensmittel, sondern kann auch zu einer Art lebendigem Labor werden – für Schulen, Organisationen und die Gesellschaft. Gleichzeitig stärkt dies die soziale Teilhabe und den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft.

Im Rahmen des von EIT Food finanzierten Projekts FOOD FOREST begleitet Eurac Research die ersten Entwicklungsschritte zweier Community Food Forests, die 2025 an zwei sehr unterschiedlichen Orten entstanden sind. Der eine befindet sich in Artajona, einer kleinen Gemeinde in der spanischen Region Navarra, der andere in einem völlig anderen Umfeld: inmitten der Gebäude von Tallinn, der Hauptstadt Estlands.

„Größe, gepflanzte Arten, klimatische Bedingungen und die Herausforderungen vor Ort könnten kaum unterschiedlicher sein“, erzählen Rocco Pace und Irene Bertolami vom Eurac-Research-Team, das am Projekt arbeitet. „Der Waldgarten in Artajona liegt etwas außerhalb des kleinen Dorfes, in einer bereits intensiv landwirtschaftlich genutzten und sehr produktiven Gegend. Die größte Sorge dort ist die Trockenheit. Deshalb wurde in der Nähe ein Wasserspeicherbecken angelegt. Der Waldgarten in Tallinn hingegen ist voraussichtlich nur von Mai bis September schneefrei. Da er sich in einem Wohngebiet befindet, entschied man sich dort für den Anbau von Brombeeren und anderen Beerenfrüchten.“

Beide Food Forests werden von der lokalen Gemeinschaft getragen und gepflegt. Schon in den ersten Umsetzungsphasen konnten die Beteiligten viel lernen. So zeigte sich etwa überraschenderweise, dass der städtische Boden in Tallinn äußerst fruchtbar ist. Im Agroforst in Spanien wurde eine kleine Bühne errichtet, auf der Veranstaltungen mit Kindern und älteren Menschen organisiert werden. Außerdem ist ein Fußweg zum nahegelegenen Dorf geplant. Der estnische Food Forest wiederum hat die benachbarte Schule in verschiedene Aktivitäten eingebunden.

Das Projekt EIT FOOD FOREST: Agroforstsysteme für jeden Geschmack.


Wie legt man einen Food Forest an?

Am Anfang steht ein Stück Land – eine städtische Wiese, ein brachliegendes Feld oder ein Berghang, an dem ein Sturm die Bäume zerstört hat – und eine Gemeinschaft, ein Verein oder ein Betrieb, die sich darum kümmern.

Nach einer ersten wichtigen Phase der Bodenvorbereitung und des Mulchens werden kleine und große Bäume, Sträucher, Kletterpflanzen, Kräuter und bodendeckende Pflanzen nach den Prinzipien der Permakultur gesetzt. Dabei arbeitet man mit sieben Vegetationsschichten:

1.      Kronenschicht (Obst-, Nuss- oder Nutzholzbäume)

2.      Untere Baumschicht (Zwergobstbäume und stickstoffbindende Arten)

3.      Strauchschicht (Beerensträucher und Heilpflanzen)

4.      Krautschicht (Küchen- und Heilkräuter)

5.      Bodendeckerschicht (boden­schützende und essbare Pflanzen)

6.      Wurzel- bzw. Rhizosphärenschicht (mehrjährige Wurzelkulturen)

7.      Vertikale oder Kletterschicht (essbare Rank- und Kletterpflanzen)

Die Aufteilung in verschiedene Schichten hilft dabei, die Prozesse eines jungen Waldes nachzuahmen. Ein Food Forest ist ein wachsender Wald mit Bäumen unterschiedlichen Alters und verschiedener Größe, mit schattigen und sonnigen Bereichen sowie Kräutern und Sträuchern. So entsteht eine große Vielfalt ökologischer Nischen.

Im Idealfall kommt ein Food Forest – wie jeder natürliche Wald – ohne landwirtschaftliche Eingriffe wie Bewässern, Düngen, Pflügen oder den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden aus. Die natürlichen Prozesse sorgen selbst für die Fruchtbarkeit des Bodens und damit für die Gesundheit der Pflanzen.

„Natürlich stellt sich dieses Gleichgewicht erst mit der Zeit ein“, erklärt Rocco Pace, Forscher mit Schwerpunkt auf städtische Grünflächen und ökologische Modellierung. „Bewässerung, Pflanzenschutzmaßnahmen oder der Einsatz von Maschinen können anfangs noch notwendig sein. Mit den Jahren lassen sich diese Eingriffe jedoch immer weiter reduzieren, bis sie im Idealfall ganz entfallen. Im Gegensatz zu klassischen landwirtschaftlichen Flächen, die solche Maßnahmen Jahr für Jahr benötigen.“

Für jede Schicht werden im Laufe der Jahre unterschiedlichste Pflanzenarten gesetzt. Manche Kulturen wechseln im Rhythmus der Jahreszeiten oder Jahre, andere begleiten den Food Forest über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg.

In der Illustration haben wir beispielhaft einige Arten zusammengestellt – gegliedert nach Vegetationsschichten –, die in einer Agroforstfläche in Bozen gepflanzt werden könnten.

Wie lassen sich die positiven Auswirkungen eines Food Forests messen?

Gerade weil ein Food Forest ein so vielschichtiger Ort ist, kann er auf ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene ganz unterschiedliche positive Wirkungen entfalten. Zu den häufigsten zählen das Binden von CO₂, ein besseres Mikroklima, fruchtbarere Böden und ein stärkeres ökologisches Bewusstsein. Hinzu kommen weniger Belastung durch Stress und Lärm für die Bevölkerung, bessere Luftqualität, mehr Ernährungssicherheit und eine intensivere Beziehung zur Natur.

Doch wie lassen sich so unterschiedliche Auswirkungen überhaupt messen?

Im Rahmen des Projekts EIT FOOD FOREST untersucht das Forschungsteam von Eurac Research die Auswirkungen der Community Food Forests in Artajona und Tallinn mithilfe unterschiedlicher Methoden. Um den Einfluss auf die Umwelt zu bewerten, kommt beispielsweise das Life Cycle Assessment (LCA) zum Einsatz, das den gesamten Lebenszyklus eines Food Forests analysiert. „Im Projekt haben wir uns vor allem auf die Entstehungsphase der Food Forests konzentriert, also auf ihre Anlage und die ersten Bewirtschaftungsschritte. Die Auswirkungen zu messen und zu kennen hilft dabei, zukünftige Entscheidungen zu treffen“, erklärt Rocco Pace. Werden für das Mulchen etwa Holzhäcksel von einem weit entfernten Unternehmen gekauft oder wird dafür Restmaterial der Gemeinde verwendet? Wie viel Arbeit und wie viele Maschinen sind für die Bodenvorbereitung nötig? Und woher stammen die Pflanzen?

„Das Bewerten der Umweltwirkungen beeinflusst direkt die Planung: Man muss verstehen, welche Prozesse und Entscheidungen für den Aufbau eines Food Forests notwendig sind. Anschließend geht es darum, das Ganze zu optimieren und möglichst ressourcenschonende, kreislauforientierte Ansätze zu fördern.“ Die Ergebnisse könnten später auch mit anderen Formen städtischer Begrünung oder landwirtschaftlicher Produktion verglichen werden.

Die sozialen Auswirkungen lassen sich hingegen mithilfe des Social Return on Investment (SROI) messen, einer Methode, bei der den verschiedenen möglichen Nutzen ein wirtschaftlicher Wert zugeordnet wird.

„Diese Methodik entwickelt sich auch durch den Beitrag der Gemeinschaft sowie all jener Menschen, die direkt oder indirekt am Food Forest beteiligt sind“, erklärt Irene Bertolami. „Sobald man eine Liste der möglichen Auswirkungen hat, wird untersucht, wie diese von der Gesellschaft wahrgenommen und bewertet werden. So lässt sich der insgesamt erzeugte soziale Mehrwert einschätzen.“

Schließlich werden auch die mikroklimatischen Vorteile mit der Zeit immer deutlicher – nämlich dann, wenn der Food Forest eine gewisse Phase erreicht hat: Die sieben Vegetationsschichten sind klar ausgebildet und erkennbar, das Blätterdach schließt sich, und es entsteht eine kleine Oase des Wohlbefindens. Die positiven Effekte reichen über den Food Forest selbst hinaus und kommen auch dem umliegenden Viertel, der Biodiversität und den Menschen zugute.

About the Interviewed: Rocco Pace

About the Interviewed: Irene Bertolami

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