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Geschultes Misstrauen
Ein E-Learning-Kurs will die Abwehrkräfte gegen Fake-News stärken
Im Winter 2016, als Zehntausende Flüchtlinge aus Syrien in Deutschland Schutz suchten, postete eine konservative Politikerin auf Twitter ein hübsches Bild in hässlicher Absicht. Auf dem Foto steht ein kleiner blonder Lockenkopf umringt von dunkelhäutigen Mädchen, die ihn freundlich staunend betrachten. Der Titel des Bildes: „Deutschland 2030“. Darunter, den Mädchen in den Mund gelegt, die Frage: „Woher kommst du denn?“
Die Botschaft war klar: Deutschland droht Überfremdung. Doch zwischen Deutschland und dem Foto bestand nicht der geringste Zusammenhang: Der Junge auf dem Bild kommt aus Australien, die Mädchen traf er in einem indischen Waisenhaus, das er mit seinen Eltern besuchte.
Der Tweet ist ein Lehrbeispiel für die Rolle von Fake News im politischen Meinungskampf: Sie verunsichern und polarisieren, schüren Misstrauen und Ängste.
Das Bild ist auch eines der Beispiele im E-learning-Kurs zu Fake News, den das Institut für angewandte Sprachwissenschaft ausgearbeitet hat, um bei Schülerinnen und Schülern „die Resilienz gegen Desinformation zu stärken“, wie Jennifer Frey erklärt, Forscherin am Institut. Kein theoretisches Beispiel, sondern eines zum Üben: Der Kurs ist zum Ausprobieren und Sich-Selbst-Testen konzipiert, „hands-on“ sagt Freys Kollegin Maria Stopfner.
„Bildersuche rückwärts“ heißt in diesem Fall die Aufgabe: Eine Spurensuche im Netz, die ans Licht bringt, wie ein Familienschnappschuss, der einen schönen Moment einfangen sollte, im Zuge der Flüchtlingskrise missbraucht wurde, um in verschiedenen Ländern mit Titeln wie „Italien 2030“ oder „Russland 2050“ Stimmung gegen Zuwanderung zu machen.
Anderes Übungsmaterial der Kurseinheit betrifft (mögliche) Täuschungen harmloserer Natur. Trug Papst Franziskus tatsächlich einen Daunenmantel von Prada? Flog ein kleiner Marder wirklich auf dem Rücken eines Spechts durch die Luft?
Von professionellen Faktencheckern lernen
„Das Ziel ist, Menschen so medienmündig zu machen, dass sie Dämme werden gegen die Flut an Desinformation.“
Maria Stopfner
Wie sich also wappnen? Der Kurs stellt verschiedene Werkzeuge vor, unter anderem Techniken professioneller Faktenchecker wie das „laterale Lesen“ – eine Strategie kritischen Lesens, bei der man mehrere Web-Tabs geöffnet hat, um die Darstellung eines Sachverhalts auf verschiedenen Webseiten zu vergleichen. „Solche Fähigkeiten müssen heute auch in der Schule gefördert werden“, sagt Frey. „Es muss selbstverständlich werden, Texte zu hinterfragen, nicht einfach als wahr hinzunehmen, die Quellen zu kontrollieren.“
Den Wert von Quellen zu vermitteln sei essenziell, sagt Stopfner: „Sie sollen sich fragen: Von wem kommt das? Was ist die Absicht? Mich zu informieren – oder mich zu beeinflussen?“
Sich solche Fragen zu stellen, die Richtigkeit von Informationen oder die Echtheit von Bildern zu prüfen, erfordert Zeit und Aufmerksamkeit – beides häufig knappe Ressourcen. „Doch wenn man diese Ressourcen gerade nicht hat, oder einem ein Inhalt nicht wichtig genug ist, um sie aufzubringen, dann sollte man wenigstens dubiose Inhalte nicht weiterleiten“, sagt Stopfner. „Das Ziel ist, Menschen so medienmündig zu machen, dass sie Dämme werden gegen die Flut an Desinformation.“ Das gehöre zu neuen Verantwortung, die wir alle in der neuen Medienwelt haben: „In den klassischen Medien übernehmen Journalisten und Journalistinnen die Aufgabe, Meldungen auf ihre Richtigkeit zu prüfen.“
Falschnachrichten gibt es da natürlich auch. Doch fallen sie normalerweise in die Kategorie Misinformation (ohne Täuschungsabsicht), die der Kurs zu unterscheiden lehrt von (bewusster) Desinformation. Der Twitter-Post „Deutschland 2030“ mit dem kleinen Australier war eindeutig Letzteres.


