Eurach Research
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Landschaften vernetzen

Ein Ökologe und ein Raumplaner zeigen, warum die Zukunft vieler Tierarten davon abhängt, dass ihre Lebensräume miteinander verbunden bleiben.

Credit: Eurac Research | Oscar Diodoro

Kennengelernt haben sich Peter Laner und Luca Börger beim Italienischen Kongress für Säugetierkunde an Eurac Research. Dort kamen sie über Verbindungen ins Gespräch – allerdings nicht zwischen Menschen oder Disziplinen, sondern zwischen Lebensräumen. Im Interview erzählen sie, wie ökologische Vernetzung dazu beitragen kann, Wildtiere zu schützen und Landschaften durchlässig zu gestalten.

 

Womit beschäftigen Sie sich?

Peter Laner: Ich arbeite am Institut für Regionalentwicklung von Eurac Research im Bereich Raumplanung. Dort beschäftige ich mich vor allem mit Landschaftszerschneidung und ökologischer Vernetzung. Mich interessiert, wie gut Wildtiere im Alpenraum noch von einem Lebensraum zum nächsten gelangen können. Für Südtirol habe ich den Rothirsch als Modellart gewählt.

Luca Börger: Ich lehre Ökologie und Biodiversität an der Swansea University in Wales. In meiner Forschung untersuche ich, wie sich Umweltveränderungen auf die biologische Vielfalt auswirken. Mich interessiert zum Beispiel, welche Folgen veränderte Landnutzung hat, wie sich Wälder wieder in einen gesunden Zustand bringen lassen und welchen Einfluss Straßen, Siedlungen oder andere Infrastrukturen auf die Wanderbewegungen von Tieren haben. 

 

Abgesehen von den offensichtlichen Vorteilen für Tiere und Pflanzen: Warum ist es wichtig, die ökologische Vernetzung zu erforschen?

Luca Börger: Zum Beispiel, um Konflikte zwischen menschlichen Aktivitäten und Wildtieren zu vermeiden. Solche Konflikte entstehen, wenn unterschiedliche Nutzungsansprüche an denselben Raum aufeinandertreffen. Eine Raumplanung, die auf realistischen Modellen basiert, kann dazu beitragen, solche Konflikte von vornherein zu verhindern.

 

Peter Laner, erzählen Sie uns etwas über Ihre Studie zu Korridoren für Rothirsche in Südtirol.“

Peter Laner: Gemeinsam mit der Biologin Alessia Pilati haben wir ein mathematisches Modell entwickelt. Es zeigt, welche Routen Rothirsche mit hoher Wahrscheinlichkeit nutzen, um zwischen ihren Lebensräumen zu wechseln – und wo sie dabei Täler queren. Dafür haben wir zunächst kartiert, welche Gebiete für die Art besonders geeignet sind. Anschließend haben wir berechnet, über welche Korridore die Tiere diese Gebiete am leichtesten erreichen können. 

 

Wie haben Sie diese Karte erstellt und die bevorzugten Wanderrouten der Hirsche berechnet?

Peter Laner: Wir haben jedem Punkt im Untersuchungsgebiet zwei Werte zugeordnet: einen für die ökologische Eignung und einen dafür, wie leicht oder schwer das Gelände für Hirsche zu durchqueren ist. Dabei haben wir verschiedene Faktoren berücksichtigt, etwa die Vegetation, die Hangneigung, den Abstand zu Straßen und Siedlungen sowie andere Barrieren in der Landschaft.

 

Warum haben Sie ausgerechnet den Rothirsch gewählt?

Peter Laner: Rothirsche legen große Distanzen zurück und sind auf unterschiedliche Lebensräume wie Wälder und Weiden angewiesen. Gleichzeitig reagieren sie empfindlich auf Barrieren wie Straßen, Bahnlinien oder Siedlungen. Damit eignen sie sich hervorragend als Modellart für Tiere, die auf eine gut vernetzte Landschaft angewiesen sind. Hinzu kommt, dass wir für den Rothirsch auf eine sehr gute Datengrundlage zurückgreifen können: Wir wissen, wo die Tiere vorkommen und wo es besonders häufig zu Wildunfällen kommt.

 

Peter Laner

Credit: Eurac Research | Andrea De Giovanni

Was zeigt Ihr Modell?

Peter Laner: Unser Modell macht die wichtigsten ökologischen Korridore für den Rothirsch sichtbar und zeigt, wo die ökologische Vernetzung unterbrochen wird. Ein gutes Beispiel sind die Korridore zwischen den Naturparks Fanes-Sennes-Prags und Rieserferner-Ahrn im Raum Rasen-Antholz. Dort überqueren Rothirsche häufig die Staatsstraße, was immer wieder zu Wildunfällen führt. Gleichzeitig breiten sich Siedlungen und andere Infrastrukturen entlang der Talsohle weiter aus. Ein weiterer wichtiger Korridor verläuft zwischen Gossensaß und Sterzing. Dass die Tiere ihn tatsächlich nutzen, haben unsere Erhebungen im Gelände bestätigt. Die größten Hindernisse für die ökologische Vernetzung sind Autobahnen, Staatsstraßen, Bahnlinien, Siedlungen und intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen.

 

Die ökologische Vernetzung des Rothirschs im Pustertal. Das ökologische Netzwerk besteht aus Kernlebensräumen (türkis), Insel-Lebensräumen (olivgrün), Trittsteine (hellgrün) und ökologischen Korridoren (Violetttöne). Gemeinsam ermöglichen sie es den Tieren, zwischen geeigneten Lebensräumen zu wechseln und die Auswirkungen der Landschaftszerschneidung zu verringern.Credit: Eurac Research

 

Professor Börger, Peter Laner hat einen Ansatz vorgestellt, der von den Eigenschaften der Landschaft ausgeht. Wie untersuchen Sie die ökologische Vernetzung?

Luca Börger: Ich arbeite mit Daten, die wir direkt an den Tieren im Gelände erheben, zum Beispiel mithilfe von GPS-Halsbändern. So können wir einzelne Tiere orten und ihre Wanderungen verfolgen. Außerdem setzen wir Sensoren ein, um zu messen, wie viel Energie verschiedene Tierarten benötigen, um sich in unterschiedlich steilem Gelände fortzubewegen.

 

Ergänzen sich diese beiden Ansätze oder stehen sie eher nebeneinander?

Luca Börger: Ich würde sagen, sie ergänzen sich. Wir können die Daten, die wir direkt an den Tieren erheben, in Modelle wie das von Peter einfließen lassen. So können wir überprüfen, wie gut die Modelle die Realität abbilden, und sie weiter verbessern.

Peter Laner: Da stimme ich zu. Deshalb sind wir mit unserem Modell auch ins Gelände gegangen. Wir wollten wissen, ob die ökologischen Korridore, die das Modell vorhergesagt hat, tatsächlich von den Tieren genutzt werden. Dafür haben wir unter anderem Schneespuren ausgewertet. In vielen Fällen hat das Modell die Wanderwege erstaunlich genau vorhergesagt. Manchmal sind wir aber auch auf Hindernisse gestoßen, etwa auf Zäune, die in unseren Karten nicht erfasst waren. Genau deshalb sind die Daten, die Ökologinnen und Ökologen im Gelände sammeln, so wertvoll.

Luca Börger: Peters Beispiel zeigt sehr schön, warum wir Modelle immer mit der Realität abgleichen müssen. Für ein europäisches Forschungsprojekt sind wir Tausende Kilometer entlang von Flüssen unterwegs gewesen, um Barrieren zu erfassen. Dabei haben wir festgestellt, dass viele Bauwerke in den offiziellen Datenbanken gar nicht verzeichnet waren. In manchen Ländern fehlten sogar bis zu 80 Prozent der Anlagen. Dazu gehörten Wasserkraftwehre, wasserbauliche Anlagen und zum Teil längst stillgelegte Infrastrukturen.

 

Credit: Eurac Research | Andrea De Giovanni

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Luca Börger: Ich hoffe, dass wir Modelle entwickeln können, die immer realistischer werden. Sie sollen nicht nur zeigen, wie sich Tiere heute bewegen, sondern auch vorhersagen, wie sie auf künftige Veränderungen der Landschaft reagieren. Deshalb versuche ich, Forschende aus aller Welt zusammenzubringen. Jeder und jede bringt eigene Daten und Erfahrungen mit – und genau dadurch werden unsere Modelle besser.

Am Ende sollen diese Erkenntnisse denjenigen zur Verfügung stehen, die über neue Straßen, Siedlungen oder andere Eingriffe in die Landschaft entscheiden. So können sie schon im Vorfeld abschätzen, welche Folgen solche Projekte haben werden. Außerdem wünsche ich mir, dass wir Daten aus möglichst vielen Tierarten zusammenführen. Schließlich besteht ein Ökosystem nicht aus einer einzigen Art. Je besser unsere Modelle diese Vielfalt abbilden, desto fundierter werden die Entscheidungen, die wir auf ihrer Grundlage treffen.

Peter Laner: Südtirol gehört zu den letzten drei Regionen Italiens, die noch keinen landesweiten Plan für ein ökologisches Netzwerk haben – und im gesamten Alpenraum ist Südtirol inzwischen sogar die letzte. Das derzeitige Landschaftsleitbild für Südtirol stammt aus dem Jahr 2003. Damals spielte die ökologische Vernetzung noch keine große Rolle. Ich hoffe deshalb, dass das Leitbild endlich aktualisiert wird und unsere Ergebnisse dabei berücksichtigt werden.

Genauso wichtig ist es, sowohl auf lokaler als auch auf überregionaler Ebene zu arbeiten. Nur so lassen sich die wichtigsten ökologischen Korridore erkennen, aufwerten und langfristig sichern. Deshalb haben wir zunächst ein Modell für den gesamten Alpenraum entwickelt und anschließend ein spezielles Modell für den Rothirsch in Südtirol. Unser Ziel ist es, die ökologischen Netzwerke über Regionen- und Landesgrenzen hinweg besser aufeinander abzustimmen. Und schließlich wünsche ich mir, dass Wissenschaft und Verwaltung noch enger zusammenarbeiten. Denn unsere Forschung entfaltet ihren Wert erst dann, wenn sie auch in der Praxis etwas bewirkt.

 

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