
Was den Boden stärker atmen lässt
Eine neue Studie liefert ein präzises Bild vom Stoffwechsel der Mikroorganismen in alpinen Wiesenböden.
Bodenmikroben bauen organisches Material ab und setzen dabei große Mengen CO₂ frei. Eine neue Studie von Eurac Research belegt erstmals: Nicht die Menge an Mikroorganismen bestimmt, wie hoch diese Bodenatmung ist, sondern ihre tatsächliche Aktivität. Dank eines neuen Ansatzes mit genetischen Analysen zeigt die Untersuchung, welche Mikroorganismen in alpinen Wiesenböden aktiv sind, unter welchen Bedingungen sie besonders gut arbeiten – und wie sie die Bodenatmung beeinflussen. Das hilft Forschenden, besser zu verstehen, wie der Klimawandel die Böden und damit ganze Ökosysteme beeinflusst.
Das verborgene Leben unter unseren Füßen
Ein einziges Gramm Erde kann eine Milliarde Bakterien enthalten. Zusammen mit Pilzen und anderen Mikroorganismen im Boden zersetzen sie abgestorbene Pflanzenteile, tierische Überreste, Wurzelausscheidungen. Sie verstoffwechseln das tote organische Material – und setzen dabei CO₂ frei. Dieser Prozess, die sogenannte Bodenatmung, ist ein zentraler Bestandteil des globalen Kohlenstoffkreislaufs. Doch wie genau entsteht diese CO₂-Freisetzung? Und was beeinflusst sie? Bisher galt vor allem die Anzahl der Mikroorganismen (kurz: Mikroben) als entscheidend. Mehr Mikroben, mehr Atmung – so die Gleichung. „Man hat immer angenommen, dass sich die Mikroben im Boden unter bestimmten Bedingungen sehr schnell, ja geradezu exponentiell vermehren können“, erzählt die Mikrobiologin Magdalena Nagler. „Damit erklärte man sich eine höhere Bodenatmung, also wenn ein größerer CO₂-Ausstoß aus dem Boden gemessen wurde.“ Doch Nagler zeigt in ihrer Studie: Diese Annahme greift zu kurz. Entscheidend ist, wie aktiv die Mikroben tatsächlich sind.
Zellen zählen reicht nicht
In einem Feldexperiment auf alpinen Wiesen in Südtirol kombinierte Nagler CO₂-Messungen mit genetischen Analysen der Bodenmikroben. Dabei isolierte sie gezielt nur die DNA aus intakten, lebenden Zellen, um sicherzugehen, dass sie nicht versehentlich auch die DNA abgestorbener Organismen mitzählt – ein häufiger Fallstrick in der bisherigen Forschung. „Das Problem ist, dass die DNA auch vorhanden sein kann, wenn der Mikroorganismus gar nicht mehr da ist“, erklärt Nagler. „Wenn ein Mikroorganismus stirbt, löst er sich auf, und seine DNA wird frei. Sie ist dann nicht mehr innerhalb einer Zelle, aber immer noch im Boden, und kann auch lange Zeit überdauern.“ Nagler entfernte diesen extrazellulären Teil der Umwelt-DNA aus den Bodenproben und untersuchte ausschließlich die intrazelluläre DNA von mehr oder weniger aktiven Mikroben. Das Ergebnis: Selbst bei ähnlicher Mikrobenanzahl unterschieden sich die gemessenen CO₂-Werte erheblich – je nachdem, wie aktiv die Mikroben waren. Nagler errechnete aus diesen Daten eine „genspezifische Atmungsrate“ – also wie viel CO₂ pro nachgewiesenem Genabschnitt freigesetzt wird. Und genau dieser Wert erwies sich als entscheidend.
Die Bodenatmung – ein biologischer „Verdauungsprozess“
Der Boden atmet: Mikroorganismen (Bakterien und Pilze) und Wurzeln nehmen Sauerstoff auf und setzen Kohlendioxid frei. Was passiert dabei genau?
Sowohl Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien, aber auch im Boden lebende Tiere zersetzen das organische Material im Boden (Überreste von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Bakterien sowie Wurzelausscheidungen). Es enthält Stoffe wie Zucker, Zellulose oder Proteine, das den Mikroorganismen als Energiequelle und Baumaterial dient. Sie „essen“ das organische Material und bauen es chemisch ab, das heißt sie wandeln es mithilfe von Sauerstoff in Energie um. Das Abfallprodukt, das dabei entsteht und an die Luft entweicht, ist Kohlendioxid.

Zusammengefasst: Die Bodenatmung ist die sichtbare Folge des Abbaus organischer Substanz durch Bodenorganismen. Dabei wird Sauerstoff aufgenommen, die Substanz verstoffwechselt (oxidiert) und CO₂ abgegeben. Es ist also nichts anderes als ein biologischer „Verdauungsprozess“, bei dem Energie gewonnen und Kohlendioxid freigesetzt wird. Man nennt diesen biologischen Prozess „Bodenatmung“, obwohl nicht der Boden selbst atmet, sondern die in ihm lebenden Mikroorganismen, Tiere und Wurzeln.
„Dormanz“ und Erwachen
Was Nagler in ihrer Forschungsarbeit zeigen konnte, war, dass Mikroben im Boden auch kurzfristig – etwa nachts – in einen „Schlafzustand“, genannt Dormanz, fallen. Sie sind zwar vorhanden, aber kaum stoffwechselaktiv, wenn die Bedingungen ungünstig sind. Sobald ausreichend Feuchtigkeit, Wärme und Sonnenlicht vorhanden ist, „erwachen“ sie, werden aktiv – und beginnen zu atmen. Auffällig: Standorte mit starker Hangneigung zeigten aufgrund der stärkeren Sonneneinstrahlung deutlich höhere mikrobielle Aktivität als Standorte auf flachen Wiesen. Auch Faktoren wie der pH-Wert oder das Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnis im Boden beeinflussten die Atmung – nicht durch eine Veränderung der Mikrobenarten, sondern durch veränderte Aktivitätsgrade innerhalb derselben Gemeinschaft.
"Dormanz" und Erwachen

Mikroben im Boden können bei ungünstigen Bedingungen in einen „Schlafzustand“, genannt Dormanz, fallen. Sobald ausreichend Feuchtigkeit, Wärme und Sonnenlicht vorhanden ist, „erwachen“ sie, werden aktiv – und beginnen zu atmen.
Grundlage für verbesserte Klimamodelle
Die Studie bringt nicht nur einen methodischen Fortschritt. Ihre Ergebnisse sind auch wichtig, um die Auswirkungen des Klimawandels auf Boden-Kohlenstoffflüsse in Berggebieten besser zu verstehen. Gerade in diesem Lebensraum herrschen viele unterschiedliche mikroklimatische Bedingungen auf kleinstem Raum. Das macht es für Forschende schwierig, großflächige Klimamodelle zu entwickeln. Doch indem sie mikrobielle Dynamiken mit einbeziehen, können die Vorhersagen der Boden-Kohlenstoffemissionen verbessert und die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf die Böden und Ökosysteme besser abgeschätzt werden. Im Konkreten etwa, wie sich Trockenperioden oder Hitzewellen auf die CO₂-Freisetzung auswirken. Schon kurze Feuchteimpulse, etwa nach einem Regen, führten in Naglers Experiment zu sprunghaftem CO₂-Ausstoß – ein Phänomen, das als „Birch-Effekt“ bekannt ist, nun aber besser verstanden werden kann.
Fazit: Aktivität ist entscheidend
Die Studie von Magdalena Nagler bringt eine neue bislang unterschätzte Perspektive in die Bodenforschung: Für die CO₂-Freisetzung zählt nicht nur die Anzahl der vorhandenen Mikroben, sondern vor allem, wie aktiv sie tatsächlich sind. Wenn wir verstehen, was in den Mikroben den Schalter zwischen Ruhen und Wirken umlegt, verstehen wir auch besser, wie Böden auf den Klimawandel reagieren. Sollten wir also die mikrobielle Aktivität bremsen, um Emissionen zu reduzieren? „Wir müssen ganz bestimmt nicht bei der Bodenatmung ansetzen, um CO2 zu reduzieren. Denn die Bodenatmung ist nützlich, sie zeugt von einem gesunden Boden und ist ausschlaggebend dafür, dass Pflanzen und Bäume – die Grundlage unserer Nahrung – gut wachsen können“, erklärt Nagler.
Das Projekt ALSORES
Eine Untersuchung im Feld und im Labor
Für ihr Forschungsprojekt ALSORES legte Magdalena Nagler sechs Standorte auf alpinen Wiesenflächen fest, verteilt auf drei hoch- und drei tiefergelegene Standorte (auf 1.500 und 2.000 Metern Meereshöhe). Auf jeder Fläche setzte sie acht Paare aus Kunststoffrohren in den Boden ein – je ein Rohr, aus dem sie Vegetation und Wurzeln entfernte und eines mit Wurzeln –, um gezielt zwischen der Atmung der Mikroben im Boden und dem Einfluss der Atmung durch die Wurzeln unterscheiden zu können. Bis zu sechs Mal fuhr sie zu allen Standorten hin und maß über eine Vegetationsperiode hinweg (April bis August) die Bodenatmungsrate, also wie viel CO2 freigesetzt wurde. Gleichzeitig nahm sie insgesamt über 400 Proben aus dem Boden mit ins Labor.
Für die DNA-Analysen wusch sie die Proben in drei Schritten, um die extrazelluläre Umwelt-DNA zu entfernen und nur die DNA von intakten Mikroben zu bestimmen. So erhielt sie einen genauen Überblick sowohl über die Anzahl als auch über die Art der im Boden enthaltenen Mikroben.
In einem Inkubationsexperiment setzte sie die Bodenproben verschiedenen Stresssituationen aus: Sie trocknete sie mithilfe eines Extraktors – einer warmen Lichtquelle –, was nicht nur für Trockenstress sorgte, sondern auch alle Tiere aus dem Boden vertrieb. Gleichzeitig maß sie immer wieder die Bodenatmung – mit und ohne Tiere. So konnte sie sehen, wie viel die Tiere zur Bodenatmung beitragen und inwiefern sie die Mikroorganismen beeinflussen.
In einem nächsten Schritt bewässerte sie die Proben wieder – sie simulierte also eine Dürre mit anschließendem Regen und beobachtete dabei den Birch-Effekt, bei dem in kurzer Zeit sehr viel CO2 frei wird. Während des gesamten Experiments maß sie die Bodenatmung und untersuchte den Zusammenhang mit der Aktivität der Mikroben im Boden.
Am Ende des Experiments simulierte sie eine Hitzewelle – diesmal jedoch ohne Trockenheit – und beobachtete, wie mit zunehmender Temperatur auch die Bodenatmung zunahm.
Durch die Kombination der gemessenen Atmungsraten mit den DNA-Analysen und durch den Vergleich der Proben im Feld und im Labor unter den unterschiedlichen Bedingungen konnte Nagler ein präzises Bild der Aktivitäten von Mikroorganismen im Boden zeichnen.
Link zur wissenschaftlichen Publikation "Gene-copy normalized heterotrophic soil respiration as a field proxy for the soil microbiomes' dormancy and carbon use efficiency – A proof-of-concept": https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0929139326004890
Das Projekt ALSORES wurde unter der Leitung von Magdalena Nagler vom Institut für Alpine Umwelt von Eurac Research gemeinsam mit der Universität Innsbruck durchgeführt. Finanziert wurde das Projekt über das Horizon 2020-Programm der europäischen Union im Rahmen eines Marie Skłodowska-Curie Stipendiums.

