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Wenn sich Behinderung und Geschlechtsidentität überschneiden: Wo öffentliche Dienste scheitern

Ein Gespräch über konkrete Erfahrungen und strukturelle Probleme

Credit: Elia Zeno Covolan | All rights reserved

Eine Frau mit Behinderung oder eine nicht-binäre Person mit Behinderung wendet sich an eine öffentliche Einrichtung. Mit welchen Schwierigkeiten muss sie rechnen?

Carla M. Reale: Als Erstes denke ich an Leistungsangebote rund um sexuelle und reproduktive Gesundheit. In Italien sind Beratungsstellen und gynäkologische Praxen kaum barrierefrei. Gerade hier zeigt sich besonders deutlich, wie sich Benachteiligungen durch Geschlecht und Behinderung verstärken – sowohl bei den bestehenden Barrieren als auch bei der Qualität der Versorgung.
Elia Z. Covolan: Die Probleme beginnen allerdings schon vor dem Betreten der Einrichtung. Ein wichtiger und auch allseits bekannter Aspekt ist die bauliche Zugänglichkeit: Hindernisse, die den Zugang erschweren oder verhindern – etwa fehlende reservierte Parkplätze, Stufen oder steile Rampen, defekte Aufzüge und so weiter. Zwar gibt es Vorschriften, die diese Punkte regeln, doch das heißt nicht, dass in der Praxis alles reibungslos funktioniert. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Zugang zu Information und Kommunikation: Ist eine Person mit Behinderung, die eine Einrichtung nutzt, in der Lage, sich selbstständig zu orientieren und Auskünfte einzuholen?

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Das Problem sind nicht immer nur die Treppen - ein zu hoher Informationsschalter kann etwa die Kommunikation zwischen einer Person im Rollstuhl und dem Personal erschweren.

Credit: Adobe Stock | narong | All rights reserved

Können Sie Beispiele nennen?
Covolan:
Im visuellen Bereich denke ich etwa an Beschilderungen, die Menschen mit Farbsehschwäche nicht berücksichtigen. Problematisch wird es zum Beispiel, wenn Farbe als einziges Mittel zur Informationsvermittlung eingesetzt wird: Ampeln lassen sich zwar auch über die Position der Lichter erkennen, aber eben nicht über die Farben selbst. Auch geringer Kontrast zwischen Text und Hintergrund kann Schwierigkeiten bereiten, ebenso ungünstige Farbkombinationen – etwa ist roter Text auf schwarzem Hintergrund für viele kaum lesbar. Informationsmaterial sollte zudem bestimmte Gestaltungsregeln einhalten: linksbündiger Satz, ausreichend Zeilenabstand und eine gut lesbare Schriftgröße. Ein Layout, das stark verdichtet und in schmalen, durchgehend ausgerichteten Spalten gesetzt ist – wie man es oft aus Zeitungen kennt –, spart zwar Platz, erschwert aber vielen das Lesen. Solche Gewohnheiten halten sich hartnäckig und machen den Alltag für Menschen mit Behinderung unnötig kompliziert. Für den Webbereich gibt es hingegen klare Richtlinien zur Barrierefreiheit, die sogenannten WCAG, die erfreulicherweise immer mehr verbreitet sind.

„Bei den Leistungsangeboten rund um sexuelle und reproduktive Gesundheit zeigt sich besonders deutlich, wie sich Benachteiligungen durch Geschlecht und Behinderung verstärken.“

Carla Maria Reale, Juristin

Das sind Hindernisse, auf die auch Männer mit Behinderung stoßen würden. Kehren wir zu unserem Ausgangsbeispiel zurück.
Covolan:
Natürlich. Nur ein Beispiel von vielen: Gibt es in gynäkologischen Praxen Untersuchungsliegen, die für Frauen im Rollstuhl geeignet sind?
Reale: Geeignete Untersuchungsliegen gibt es nur sehr selten. Dazu kommt die Frage nach der Ausbildung und dem Verhalten des Personals. Im Kern gibt es zwei Probleme: Zum einen wird Behinderung noch immer zu stark auf Krankheit reduziert. Zum anderen begegnet medizinisches Personal Betroffenen häufig mit einer bevormundenden Haltung. Die Bedürfnisse der Person und ihre Entscheidungsfähigkeit stehen nicht im Mittelpunkt und manchmal führen Vorurteile dazu, dass Menschen mit Behinderung nicht ernst genommen, sondern eher wie Kinder behandelt werden. Gleichzeitig spielt die Geschlechterperspektive in der medizinischen Ausbildung nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Treffen diese Faktoren zusammen, wachsen die Hürden erheblich. Ein Beispiel: Oft wird stillschweigend angenommen, dass Menschen mit Behinderung kein aktives Sexualleben haben. Entsprechend fehlen barrierefreie Angebote zur Prävention sexuell übertragbarer Infektionen oder überhaupt geeignete Informationsmaterialien, etwa in leicht verständlicher Sprache. Gehört eine Person zur LGBTIQ+-Community, passen diese Informationen oft noch weniger zu ihren Lebensrealitäten und Bedürfnissen. Es gibt allerdings auch positive Beispiele, die Hoffnung machen: etwa die Beratungsstelle zu Sexualität und Beziehungen LISEA der Lebenshilfe hier in Südtirol oder spezialisierte gynäkologische Angebote für Frauen mit Behinderung – zum Beispiel das Angebot „Dd – Donne con disabilità“ am Krankenhaus Sant’Anna der „Città della salute e della scienza“ in Turin, das 2008 gegründet wurde. Insgesamt sind solche Angebote jedoch selten: In ganz Italien gibt es derzeit nur vier entsprechende Einrichtungen.

„Es geht nicht unbedingt um bewusste Diskriminierung, aber die Frustration wächst. Irgendwann ist man es leid, dem medizinischen Personal erst die Grundlagen erklären zu müssen, damit es seine Arbeit machen kann.“

Elia Zeno Covolan, Visual Designer und Experte für Barrierefreiheit

Was bedeutet das konkret für Frauen oder nicht-binäre Menschen mit Behinderung?
Covolan:
Zum Beispiel, dass sie gezwungen sind, sich immer wieder zu outen. Ein konkreter Fall: Wenn du ein Transmann bist und im Melderegister als männlich geführt wirst, erhältst du keine Einladungen mehr zu Vorsorgeuntersuchungen wie dem Pap-Test. Du musst selbst die zuständigen Stellen kontaktieren und wirst dabei oft von einer Stelle zur nächsten verwiesen. Jedes Mal ist das medizinische Personal überrascht, und du musst immer wieder erklären, warum diese Untersuchungen auch für dich relevant sind. Hat diese Person zusätzlich eine Behinderung, sinkt die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich versorgt zu werden, drastisch – die Hürden sind einfach zu hoch. Es geht dabei nicht unbedingt um bewusste Diskriminierung, aber die Frustration wächst. Irgendwann ist man es leid, dem medizinischen Personal erst die Grundlagen erklären zu müssen, damit es seine Arbeit machen kann.

„Körper oder Bedürfnisse, die nicht in das passen, was als „normal“ gilt, werden einfach nicht mitgedacht.“

Carla Maria Reale, Juristin

Aber wenn keine Absicht dahintersteht – könnte man nicht im Vorfeld Zeit investieren und technische Lösungen finden, um zumindest einen Teil dieser Engpässe zu beseitigen? Die Fallzahlen sind vielleicht gering, aber einmal gelöst, würde man langfristig Zeit sparen. Oder nicht?
Covolan:
Doch, absolut. Bleiben wir beim Thema Vorsorge: Es würde schon reichen, zusätzliche Auswahlfelder vorzusehen. Ein weiteres einfaches Beispiel ist die Steuernummer, die sich unter anderem aus Name, Geburtsdaten und Geschlecht zusammensetzt. Wenn ich meinen Geschlechtseintrag ändere – oder auch bei einer Namensänderung etwa durch Heirat – ändert sich diese Nummer, mit allen damit verbundenen Problemen. Dabei ließe sich das leicht vermeiden, etwa durch eine eindeutige fortlaufende Nummer, ähnlich wie bei Autokennzeichen.
Reale: Man darf dabei aber nicht vergessen, dass es ein grundlegendes strukturelles Problem gibt, in dem die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung, sowie Sexismus und Heteronormativität zusammenwirken. Körper oder Bedürfnisse, die nicht in das passen, was als „normal“ gilt, werden einfach nicht mitgedacht. Ähnlich verhält es sich mit Identitäten, die von heterosexuellen und cisgeschlechtlichen Normen abweichen – sie wurden lange Zeit sogar als krank eingestuft. Deshalb braucht es tiefgreifende Veränderungen in den grundlegenden Strukturen, die bis heute Ungleichheit hervorbringen. Andernfalls lassen sich nicht einmal die naheliegendsten Probleme lösen.

Was wäre ein Schritt in die richtige Richtung?
Reale
: Die Betroffenen immer einbeziehen, wenn über sie gesprochen wird. Auch bei scheinbar einfachen Dingen – zum Beispiel bei der Frage, welche Begriffe sie für sich verwenden (Anm. d. Red. siehe Kasten unten). Genau das wollen wir auch im neu gestarteten Projekt SEEDS umsetzen. Damit möchten wir erreichen, dass Gesetze und lokale Maßnahmen stärker an internationale Standards angepasst werden.
Covolan: Sehen Sie dieses grüne Schlüsselband mit den kleinen Sonnenblumen? Hier ist es noch kaum verbreitet, entwickelt wurde es in Großbritannien. Es zeigt an, dass die Person, die es trägt, eine nicht sichtbare Behinderung hat. Auch das ist eine Form des Outings – aber eine, die ich selbst bestimme und die hilft, Erklärungen oder Missverständnisse zu vermeiden.

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Lanyard Hidden Disabilities: ein Schlüsselband für Ausweis oder Schlüssel, das dezent darauf hinweist, dass die Person, die es trägt, eine Behinderung hat – auch wenn sie nicht sichtbar ist.

Credit: Adobe Stock | vetre | All rights reserved

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