„Zeit verlieren, um neue Perspektiven zu gewinnen“
Wie Kunst und Wissenschaft gemeinsam unsere Gegenwart erzählen können
Frau Isetti, wann hat Sie ein Kunstwerk zuletzt tief berührt?
Giulia Isetti: Vor kurzem habe ich in Bozen Giulio Cesare von Händel gesehen. Es gibt eine Arie, die ich besonders liebe – sie live zu hören, war ein sehr emotionaler Moment für mich. Was mich bei Konzerten immer wieder beeindruckt, ist der Anfang, wenn die Musiker ihre Instrumente stimmen: Es klingt chaotisch, und doch entsteht daraus später Harmonie. Das erinnert mich an die Forschung. Auch da sammeln wir zunächst eine Menge scheinbar ungeordneter Daten – bis sich ein Muster zeigt, das eine Geschichte erzählt.
Frau Wisthaler, wenn Sie Künstlerin wären: Welchen Aspekt Ihrer Forschung würden Sie auf die Bühne bringen?
Verena Wisthaler: Ich glaube, Tanz kann sehr gut persönliche Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund ausdrücken – etwa das Verlassen der Heimat. Aber ich arbeite mit dem Fokus auf Institutionen. Besonders spannend fände ich eine künstlerische Umsetzung der Entwicklung des europäischen Asylsystems. Da gibt es diesen Kontrast zwischen einem humanistischen Sprachstil und immer restriktiveren Maßnahmen. Auch der politische Umgang mit Migration wäre ein starkes Thema für die Bühne.
War das auch Ihr Beweggrund, beim Projekt mitzumachen?
Wisthaler: Es war eher eine Mischung aus persönlicher Neugier und unserer Arbeit am Center for Migration and Societal Change. Wir wollen Migration in möglichst viele gesellschaftliche Debatten einbringen – um zu zeigen, wie vielschichtig das Thema ist, und um Polarisierung entgegenzuwirken.
Was erwarten Sie sich von der Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern?
Isetti: Ich habe schon öfter Kunst-und-Wissenschafts-Projekte gemacht. Zu Beginn solcher Projekte kommen immer mal wieder Zweifel auf. Ist meine Arbeitszeit als Forscherin hier wirklich richtig investiert? Und wie empfinden die Künstlerinnen und Künstler diese Zusammenarbeit? Doch irgendwann lichtet sich das anfängliche Chaos, und ich merke: Genau in diesen Momenten des Zweifelns habe ich etwas gewonnen – eine neue Perspektive. Vielleicht war die Zeit aus Forschungssicht nicht immer so effizient genutzt, aber sie war trotzdem wertvoll. Was wie Zeitverlust wirkt, ist in Wirklichkeit ein Gewinn.
Wisthaler: Als Forscherin bin ich es gewohnt, alles zu planen und zu begründen. Bei Künstlerinnen und Künstlern funktioniert das anders – sie folgen oft ihrer Intuition. Das habe ich auch bei der Zusammenarbeit mit Maria Walcher im Projekt exCHANGE gemerkt. Wenn ich sie fragte, warum sie etwas so oder so mache, antwortete sie oft: „Lass es uns einfach ausprobieren“. Als sie mich dasselbe fragte, konnte ich nicht genauso antworten – das hat mich zum Nachdenken gebracht.
Was finden Sie spannender: Dass Kunst über Emotionen Wissen vermittelt – oder den Prozess der Zusammenarbeit selbst?
Isetti: Beides. Natürlich besteht die Gefahr, dass Kunst nur dafür eingesetzt wird, komplexe Forschungsthemen anschaulicher zu machen. Aber bei diesem Projekt interessiert mich vor allem der gemeinsame Prozess. Wie man zu einem Ergebnis kommt, ist oft interessanter als das Ergebnis selbst. Ich finde es auch schön, dass das Projekt BorderLab heißt – denn es geht um geografische, politische und soziale Grenzen, aber auch um Grenzen zwischen den Disziplinen. Wissenschaft strebt oft nach Objektivität und Nüchternheit – ein Erbe der Aufklärung. Aber wenn wir an Leonardo da Vinci denken, der Künstler und Wissenschaftler zugleich war, wird klar: Das eine schließt das andere nicht aus.
In einem Projekt von exCHANGE haben Sie auch Passanten einbezogen. War der Zugang zu Kunst und Wissenschaft unterschiedlich?
Wisthaler: Maria Walcher hat damals eine Installation auf dem Busbahnhof Bozen aufgebaut – ein leuchtend blauer hoher Stuhl zum Schuheputzen – wie man ihn aus alten Filmen kennt. Wir wollten die Wahrnehmung von ausländischen Arbeitskräfte in Südtirol hinterfragen. Viele Menschen waren neugierig, kamen vorbei, stellten Fragen – es entstand ein spannender Dialog. Ich habe mir gedacht: Wenn ich da allein mit einem Notizbuch gestanden hätte, wäre es viel schwieriger gewesen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.


