Expertinnen und Experten der UNESCO und OECD analysieren globale Zukunftstrends
Im Bild von links: Ingrid Kofler, Mirjam Gruber, Hanns-Fred Rathenow, Epaminondas Christophilopoulos, Riel Miller, Nicola Brandt, Roland Benedikter, Yves Leterme, Barbara Ischinger, Sergio Arzeni, Edgar Göll, Andrea Billi, Roland Psenner und Harald Pechlaner
Credit: Eurac Research | vvmZusammenbruch des Eurozentrismus
„Europa zeichnet sich durch seine fantastische Lebensqualität aus, was aber seine geopolitische Macht, das wirtschaftliche Gewicht und die demographische Entwicklung anbelangt, sind wir zwar nicht unwichtig – haben aber deutlich an Einfluss verloren", machte Yves Leterme in seinem Abendvortrag deutlich. Noch vor 50 Jahren lebten 20 Prozent der Weltbevölkerung in Europa – heute sind es nur noch 9 Prozent. „Europa muss sich bewusst werden, dass es nur eine Halbinsel des riesigen eurasischen Kontinents mit ganzen 4 Milliarden Menschen ist. Es wird sich anstrengen müssen, weiterhin Teil derer zu sein, die die Welt der Zukunft gestalten", unterstrich der ehemalige belgische Premierminister und stellvertretende OECD-Generalsekretär. Multilaterale und internationale Institutionen stünden genauso unter Druck, wie die Politik, die in einer nie zuvor dagewesenen Geschwindigkeit auf öffentliche Debatten reagieren muss. Zentrales Themen bliebe auch weiterhin die Wirtschaftspolitik. Vorrangiges Ziel müsse die Beseitigung der Ungleichheit sein. Der Reichtum eines Staates dürfe nicht nur einigen Wenigen zugutekommen. Nicht zuletzt nannte Leterme den Klimawandel als maßgeblichen Punkt auf der Agenda der Zukunft.
China auf der Überholspur
China, Nordafrika, der Nahe Osten: Europa müsse sich in vielerlei Hinsicht stärker mit diesen Ländern auseinandersetzen, wie die Experten Edgar Göll vom Institut für Zukunftsstudien und Barbara Ischinger, ehemalige Direktorin für Bildung und Kompetenzen (PISA) unterstrichen. „Innerhalb des Jahres 2020 werden in China etwa 20 Millionen Studenten ihr Studium abgeschlossen haben. In Europa werden es 3,2 Millionen sein", sagte Ischinger. China sei außerdem auf dem besten Weg, das zweitbeliebteste Land bei internationalen Studenten zu werden und damit Großbritannien zu überholen. „Erst kürzlich wurde an einer chinesischen Universität ein Institut für Künstliche Intelligenz gegründet für das 2000 Experten angeheuert wurden. China legt ein Tempo vor, dem die EU erst nachkommen muss – auch was die Bildung anbelangt." Dazu gehöre laut Hanns-Fred-Rathenow ein Unterricht, der auf die unmittelbare Wirklichkeit reagiert. Fachunterricht spiele noch immer eine entscheidende Rolle, was junge Menschen aber bräuchten, seien Transdisziplinarität und Gestaltungsfähigkeit, betonte der Professor für historisch-politische Bildung. Diese Gestaltungsfähigkeit und die Möglichkeiten, sich einzubringen müssen jedoch für alle Geschlechter gleichermaßen gelten.
Nicola Brandt, die Leiterin des OECD Berlin Centres sprach in diesem Zusammenhang über Gleichberechtigung als Kernthema der Politik. „Studien zeigen, dass Frauen in allen Ländern der Welt mehr Stunden am Tag arbeiten als Männer, ein Großteil dieser Arbeit aber unbezahlt ist“, erklärte Brandt. Vor allem die sogenannte Care-Arbeit müsse von Männern und Frauen gleichermaßen getragen werden. Doch nicht nur die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auch Ungleichheiten zwischen städtischem und ländlichem Raum – etwa, was Bildung, Transport oder Infrastruktur anbelangt, sprach die Volkswirtin an.
Südtirol als Laboratorium für Futures Literacy
Epaminondas Christophilopoulos, UNESCO Chair für Zukunftsforschung unterstrich, dass nicht technische Kompetenzen, sondern sogenannte Meta-Skills und Verhaltenskompetenzen zukünftig im Vordergrund stehen werden. Darauf müssen das Bildungssystem aber auch die Unternehmen reagieren, wie Sergio Arzeni, der Präsident des Internationalen Netzwerkes für kleine und mittlere Unternehmen hervorhob. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, seien größere Investitionen in Humankapital, in Aus- und Weiterbildung unabdingbar.
Roland Benedikter, Co-Leiter des Center for Advanced Studies schlug in diesem Zusammenhang ein eigenes Schulfach für Zukunftsbildung vor. Südtirol könne in Zeiten der Re-Globalisierung als Laboratorium für Zukunftsbildung zu einer Vorbildregion in Europa werden.

