Das Forschungszentrum Eurac Research, die Akademie deutsch-italienischer Studien Meran und das Chinazentrum der Universität Kiel gaben Einblicke in das Thema „care – Sorge – cura“
Eine gelungene Tagung mit wertvoller Diskussion ist an der Akademie deutsch-italienischer Studien Meran über die Bühne gegangen. Im Bild (von links): Robert Simon und Ivo De Gennaro (Akademie Meran), Emma Dowling, Federica Grandi, Friederike Habermann, Cuno Tarfusser (Akademie Meran), Giulia Isetti, Christine Katz, Angelika Messner, Matteo Valoncini und Harald Pechlaner. Irem Güney-Frahm wurde über Zoom aus Istanbul zur Konferenz zugeschalten.
Credit: Eurac ResearchAktuelle Herausforderungen weltweit
Über die globale Dimension der Care-Krise sprach Irem Güney-Frahm, Stiftung Südtiroler Sparkasse Global Fellow am Center for Advanced Studies. Sie thematisierte die Global Care Chains, die globale Betreuungskette. Viele junge Frauen weltweit verlassen ihre Familien, um im Ausland die Care-Arbeit für Kinder und alte Menschen zu übernehmen. Vielfach leben die Hausangestellten unter demselben Dach wie die Personen, für die sie arbeiten. Der Lohn wird zurück in die Heimat geschickt, wo sich inzwischen wieder andere, etwa die Großmutter, um die eigenen Kinder kümmern. Diese Konstellationen seien insofern problematisch, als dass es besonders häufig zu Menschenrechtsverletzungen, schlechten Arbeitsbedingungen, Ausbeutung durch Vermittlungsagenturen oder Arbeitgeberfamilien komme. Nicht zu vergessen sei auch die Versorgungslücke, die sich in der eigenen Familie auftut. Auch der Zugang zum Rechts- und Gesundheitssystem sowie die Mobilität dieser Arbeiterinnen seien stark eingeschränkt. Die Covid-19-Pandemie habe all diese Probleme nochmals verschärft.
Was Tourismus und Pflege voneinander lernen können, zeigten Harald Pechlaner und Giulia Isetti vom Center for Advanced Studies auf. Beziehungs- und Begegnungsqualität seien in beiden Bereichen zentral. Auch große Tourismuskonzerne hätten dies bereits erkannt, wie etwa die Marriott-Gruppe, die nun auch auf Senioren-Residenzen setzt – für jene, die es sich leisten können. Care dürfe jedoch in keinem Fall zum Luxusgut werden.
Mehr Geld und mehr Zeit für Care
Um Gesellschaft aus einer Care-Perspektive tatsächlich neu zu denken, bedarf es eines radikalen Systemwandels. Nur eine sorgende Gesellschaft könne die Welt retten, wie es Friederike Habermann vom Commons-Institut formulierte. Die Sorge für alles Lebende müsse vor dem Produktivitätszwang rangieren, die Vielfalt unserer Fähigkeiten in der Welt tätig zu werden, gefördert werden – auch, wenn diese Tätigkeiten keinen Geldwert mit sich bringen. In diesem Zusammenhang wurden Grundeinkommen und Arbeitszeitverkürzung als mögliche Maßnahmen auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft hervorgehoben.
Man müsse Lebensläufe wieder atmen lassen, die allgemeine Verletzlichkeit des Menschen und der Natur anerkennen, Platz für Emotionalität und Empathie schaffen und vor allem anerkennen, dass es Grenzen gibt, diese auch akzeptieren und nicht überschreiten, betonte die Ökologin und Politikberaterin Christine Katz. Emma Dowling, Tenure-Track Professorin am Institut für Soziologie der Universität Wien, brachte es auf den Punkt: professionelle Sorgearbeit brauche mehr Geld, nicht professionalisierte Sorgebeziehungen mehr Zeit. Tatsächlich umsetzbar sei dies aber nur in einer postkapitalistischen Gesellschaft. Der Weg dahin scheint noch weit, die Zeit ist dafür aber allemal reif.


