Orte neu denken in Schluderns und Stilfs
Ambition Lebensraum Südtirol – Die Frage nach einer neuen Tourismuskultur
Das Landestourismusentwicklungskonzept wird landauf landab scharf diskutiert und kritisiert. Am zweiten Abend der Neu-denken-Reihe war es Thema im Haus der Dorfgemeinschaft in Stilfs. Eröffnet wurde der zweite Veranstaltungstag mit Grußworten von Vize-Bürgermeister Armin Angerer.
„Es geht darum, die Lebenswelt der Menschen in den Mittelpunkt zu rücken und durch soziale und gesellschaftliche Innovation ein attraktives Lebensmodell für die Zukunft zu gestalten“, unterstrich Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies und wissenschaftlicher Direktor des Landestourismuskonzeptes 2030+. Er betonte, dass die Tourismuspioniere Südtirol zwar zu Wohlstand gebracht hätten, nun aber Wertschöpfung gefragt sei und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung einbezogen werden müssten. Stilfs stehe in den kommenden Jahren vor einer wichtigen Aufgabe, denn es gehe darum, nicht nur lokale Probleme zu lösen, sondern auch Vorreiter für ganz Südtirol zu sein. Auch der Tourismus könne ein Leitphänomen für eine nachhaltige und resiliente Entwicklung sein. Dazu müsse der Sektor aber auch Bereitschaft zeigen, diese Verantwortung zu übernehmen. Laut Harald Gohm, Standortentwickler und Forscher am Center for Advanced Studies, beruhe der Erfolg der alpinen Tourismusziele auf Mut und Offenheit für neue Technologien. Der Alpenraum könne als Zukunftslabor in Zeiten des globalen Wandels gesehen werden. Was es brauche, sei eine branchen- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit sowie eine positive Grundeinstellung zur Zukunft.
Podiumsdiskussion zum Landestourismusentwicklungskonzept 2030+
Über verschiedene Konzepte von Tourismusentwicklung im lokalen Kontext der Ortlerregion wurde in der Podiumsrunde mit örtlichen Tourismusfachleuten und Stakeholdern weiterdiskutiert. Das Landestourismusentwicklungskonzept, die erforderlichen Maßnahmen und die Vision hätten klarer kommuniziert werden müssen, um die Branche auf dem Weg tatsächlich mitzunehmen, unterstrich Adrian Gamper von der Ferienregion Ortlergebiet. „Der Tourismus hat enorme gesellschaftliche Kraft“, betonte Heinrich Tumler von den Seilbahnen Sulden. Auch in Stilfs seien viele Menschen noch nicht abgewandert, weil sie Arbeit im Tourismus haben. Von Overtourismus und touristischen Hotspots sei der Vinschgau noch weit entfernt. Man müsse sich nur vor Augen halten, dass es in Südtirol Orte gebe, die gleich viele Betten hätten, wie der gesamte Vinschgau. Auch deshalb sei es schwierig, ein Konzept über ein ganzes Land zu stülpen. „Es braucht Leitbilder, es braucht Innovation und es braucht auch Qualitätskriterien“, sagte Philipp Reinstadler vom Hotel „Cristallo“. Der Tourismus trage Verantwortung für den Wohlstand und Fortbestand von Dorfgemeinschaften. Entwicklung und Zuwachs in gewissen Bereichen und einem gewissen Rahmen seien daher auch weiterhin wichtig. Die Bettenstopp-Diskussion habe die vielfältigen Inhalte des Konzeptes komplett überlagert, bedauerte Kurt Sagmeister von IDM-Südtirol. Der Tourismus sei rein branchenbezogen an eine Grenze des Wachstums gestoßen. Wo er aber wachsen könne, sei in der Kooperation, etwa mit der Landwirtschaft. Wenn die Anzahl der Nächtigungen vor einigen Jahren noch der Maßstab für Erfolg gewesen sei, so sei es heute die Einbindung der Bevölkerung und die Kooperation mit anderen Sektoren. Auch das PNRR-Projekt „Stilfs – Resilienz erzählen“ wurde von Beginn an als Chance der Begegnung und Diskussion gesehen, betonte die Sozioökonomin Daria Habicher. Die Schnittstelle zwischen Tourismus und Landwirtschaft nehme auch in den Maßnahmen für die resiliente Ortsentwicklung eine zentrale Stelle ein. Es gehe darum, das Potential von Begegnungen mit Menschen von außen wahrzunehmen und neue Impulse für das Dorf zu gewinnen. Dazu gehören neben vielen anderen Initiativen auch die Etablierung eines Artists in Residence-Programmes, ein Albergo Diffuso, Streumärkte oder die Wiederbelebung alten Handwerks.
Die Veranstaltungsreihe „Orte neu denken“ wurde vom Center for Advanced Studies von Eurac Research in Zusammenarbeit mit BASIS Vinschgau Venosta, der BürgerInnengenossenschaft Obervinschgau und dem PNRR-Projekt „Stilfs - Resilienz erzählen“ organisiert. Die Abende wurden von Kevin Prantl (in Schluderns), Gernot Niederfriniger, Bernadette Kathrein und Christof Amenitsch (in Stilfs) musikalisch umrahmt. Die Sozialgenossenschaft Vinterra sorgte für die regionale Kulinarik. Für die Organisation der Tagung zeichneten Valentin Wallnöfer, Giulia Isetti, Elisa Piras und Michael de Rachewiltz verantwortlich.




