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„Ungewissheit ist der Motor unserer Intelligenz“

Gerd Gigerenzer, Psychologe und Verhaltensforscher zu Gast bei vigilius sensus – Diskussionsrunde über Risiken und wie wir ihnen begegnen sollten

27.11.2023

Credit: Eurac Research

Diskussionsrunde mit Persönlichkeiten unterschiedlichster Kompetenzbereiche

Besonders geglückt war die Zusammensetzung des Podiumsgesprächs im Anschluss an den Hauptvortrag. Neben Gerd Gigerenzer holte Moderator Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac Research, die Physikerin und Direktorin des Dienstes für medizinische Strahlenphysik des Südtiroler Sanitätsbetriebes Nadia Oberhofer, den Psychologen und Bergführer Pauli Trenkwalder, die Geschäftsführerin des Südtiroler Business Angel Netzwerks Eva Ogriseg sowie Dr. Schär-Präsident und Unternehmer Ulrich Ladurner auf die Bühne. Auch in dieser Runde war die Risikokompetenz im Gesundheitsbereich ein zentrales Thema.

Das gesellschaftliche Risikoempfinden unterscheide sich mitunter stark vom tatsächlichen Risiko, betonte Nadia Oberhofer. Dadurch stünden Politik und Entscheidungstragende oftmals unter starkem Druck, teure Sofortmaßnahmen zu veranlassen und damit Ressourcen für anderen wichtige Bereiche wie z. B. Prävention zu reduzieren. Schockereignisse mit z. T. auch nur wenigen Todesfällen (etwa die Rinderseuche BSE im Jahr 2000) erhielten weit mehr Aufmerksamkeit als langfristige Problematiken. Man denke etwa daran, dass in Italien jährlich über 93.000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen des Rauchens sterben. Die Todesrate durch Lungentumor könne mit einer erfolgreichen Raucherprävention erheblich gesenkt werden. „Was das Risikomanagement betrifft, so wird im öffentlichen Gesundheitssystem viel für die Entwicklung einer internen positiven Fehlerkultur investiert. Nach außen steht am Ende allerdings oft der Rechnungshof. Defensive Entscheidungen werden vermehrt getroffen, wenn Führungskräfte auch persönlich zur Rechenschaft gezogen werden können“, bedauerte die Medizinphysikerin.

Ein etwas verklärtes Risikoempfinden nimmt Pauli Trenkwalder bei seiner Arbeit wahr. „Viele haben heute vergessen, dass man in den Bergen umkommen kann“, stellte der Bergführer fest. „Was alle Menschen, die ich in die Berge begleite, gemeinsam haben, ist der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle. Als Bergführer bediene ich dieses Grundbedürfnis, kann aber keine Sicherheit verkaufen. Was ich geben kann, sind Antworten.“ Auch die Wahrnehmung, dass man in den Bergen besonders frei sei, sieht Trenkwalder kritisch. Die Berge sind kein rechtsfreier Raum. Wer dort unterwegs sei, trage Verantwortung und müsse sich dessen auch bewusst sein. Er ist außerdem überzeugt, dass man eher aus Fehlern anderer als aus eigenen lerne. Auch aus diesem Grund gibt er Kursteilnehmenden in der Bergführerausbildung gern seine eigenen Fehler als Fallbeispiele zur Diskussion. Wer in einem Start-up tätig ist oder in ein solches investiert, kommt ohne positive Fehlerkultur nicht weit. „Die USA sind ein Paradebeispiel für dieses positive Mindset, weshalb die Szene dort auch so groß werden konnte“, stellte Eva Ogriseg fest. Sich nur graduell zu verbessern, sei dort zu wenig. In den USA gehe es darum, die Welt zu verändern. Dieser Optimismus und die Ambitionen münden in eine hohe Risikofreude, die in Europa so noch nicht denkbar sei. Trotzdem müssten sich europäische Unternehmen nicht verstecken, unterstrich Ulrich Ladurner. „Was ich in den USA etwa vermisse, ist der Hausverstand, aber auch die Qualitätsstandards, die sich hierzulande auf einem ganz anderen Niveau bewegen. Harald Pechlaner fasste abschließend treffend zusammen: „Risikokompetenz ist Chancenkompetenz“.

Credit: vigilius sensus | Eva-Maria Zöggeler | All rights reserved

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Über vigilius sensus

vigilius sensus ist eine Veranstaltungsreihe des vigilius mountain resorts mit Ideator Ulrich Ladurner. Wissenschaftlich und inhaltlich unterstützt wird das Format von Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies und Michael de Rachewiltz, Philosoph am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Die Veranstaltung versteht sich als Plattform, um zukunftsrelevante Fragestellungen zu diskutieren und diese in den regionalen und globalen Kontext zu stellen. Die besonderen Atmosphäre des vigilius mountain resorts auf 1500 Höhenmetern macht es möglich, wichtige gesellschaftliche Themen aus einer bestimmten Distanz zu betrachten.

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