Keine Mode, sondern Haltung
Warum inklusive Sprache in Jobanzeigen mehr bewirkt als viele denken
Gibt es etwas, das bei euch sofort die Alarmglocken läuten lässt, wenn ihr eine Stellenanzeige lest?
Elena Chiocchetti: Ich bleibe immer hängen, wenn ich eine einzige Bezeichnung lese – männlich oder weiblich –, auf die „(m/w/d)” folgt (Anm. d. Red.: die Abkürzung für männlich/weiblich/divers). Das vermittelt mir sofort den Eindruck, dass es sich um eine Feigenblatt-Lösung oder einen Automatismus handelt, der oft nicht auf einer bewussten Überlegung beruht. Das geht so weit, dass manchmal eine Bezeichnung verwendet wird, die bereits alle Geschlechter umfasst, wie beispielsweise „Reinigungskraft”, aber dennoch die Abkürzung folgt.
Arianna Bienati: In italienischen Stellenanzeigen ist die Abkürzung m/f/x weniger verbreitet, aber es gibt Formulierungen, die denselben Effekt haben. Ein klassisches Beispiel für Copy-Paste im Italienischen ist „il presente annuncio è rivolto a candidati ambosessi“ (die Anzeige richtet sich an Bewerber beider Geschlechter). Dies schließt nicht-binäre Personen aus. Passender als „sesso“ (Sexus oder biologisches Geschlecht) wäre übrigens „genere“ (Gender oder Geschlechtsidentität). Gleichzeitig handelt es sich um sperrige Behördensprache, die Lesende abschreckt und sogar die guten Absichten eines Unternehmens falsch darstellen kann.
Chiocchetti: Dann gibt es noch Job-Portale, die alles vereinheitlichen. An sich ist das ein legitimes Anliegen, aber wenn sie Anzeigen umschreiben, die Unternehmen gezielt vorbereitet hatten, und dabei Fehler einbauen...

Originalanzeige: Ingenieur*in wird mit einem Genderstern geschrieben, eine der im Deutschen am häufigsten verwendeten Strategien, um ausdrücklich alle Geschlechter anzusprechen.

Dieselbe Anzeige, wie sie vom Portal veröffentlicht wurde: Die Abkürzung (m/w/d) für männlich/weiblich/divers wurde beibehalten, aber Ingenieur wurde männlich.
Sind inklusive Stellenanzeigen ein Schutz vor rechtlichen Folgen oder eher ein Trend, der an Genderwashing grenzt?
Bienati: Je nach Fall ein bisschen von beidem. Sicherlich gibt es den Wunsch, sich abzusichern, aber es gibt auch Unternehmen, die in manchen Anzeigen nur halbherzig gendern. Zum Beispiel suchen sie “addettə alle vendite” (Verkäufer:innen) im Italienischen mit dem Schwa (ə), aber in anderen Anzeigen suchen sie ausdrücklich nach einem „magazziniere” (Lageristen) oder einem “manutentore” (Wartungstechniker) nur in der männlichen Form. Da kommt der Verdacht auf, dass es keine wirkliche Wertorientierung gibt, sondern dass das ə verwendet wird, um sich in bestimmten Kontexten, typischerweise der Millennials, als junges und offenes Unternehmen zu positionieren. Natürlich reicht aber eine Anzeige nicht aus, um das zu beurteilen.
Drehen wir das Ganze um: Ist die Verwendung von Genderstern und Schwa oder anderen Strategien wirklich wirksam, um ein breiteres Publikum anzusprechen, oder handelt es sich dabei vor allem um eine ethische Stellungnahme?
Bienati: Verschiedene psycholinguistische Studien zeigen, dass das generische Maskulinum, das verwendet wird, um sich auf Personen unbekannten Geschlechts zu beziehen, weder neutral noch inklusiv ist. Tatsächlich wird das Bild, das sich beim Lesen im Kopf bildet, über die Grammatik hinaus auch von anderen sehr starken kulturellen Komponenten geprägt. Studien zeigen, dass im Italienischen auch Namen, die in der männlichen und weiblichen Form gleich sind, nicht als geschlechtsneutral wahrgenommen werden. „Elettricista” (Elektriker), „estetista” (Kosmetikerin) und „badante” (Altenpflegerin) werden mit einem klar definierten Geschlecht wahrgenommen. Wer liest – so zeigt sich – ist fast mehr mit Vorurteilen behaftet als die, die schreiben. Wenn ich in einer Anzeige betone, dass ich „un o una elettricista” (einen Elektriker oder eine Elektrikerin) suche, ist das grammatikalisch redundant, aber ich trage positiv dazu bei, eine automatische Assoziation abzubauen, die wir in unseren Köpfen haben.
Chiocchetti: Auf Durchsetzungsfähigkeit und Selbstbewusstsein oder auf endlose Listen mit erforderlichen Kompetenzen zu setzen birgt die Gefahr, Frauen, nicht-binäre Personen und viele Minderheiten auszuschließen. Diese Gruppen trauen sich meist nicht, sich zu bewerben, wenn sie sich nicht allen Anforderungen gewachsen fühlen. In Wirklichkeit verfügt jedoch niemand über alle genannten Kompetenzen; daher ist es besser, sofort anzugeben, welche Anforderungen wirklich wesentlich und welche nur erwünscht sind, um mehr Bewerbungen zu erhalten.
Gibt es Studien, die die Auswirkungen (nicht) inklusiver Stellenanzeigen auf die Zusammensetzung einer Belegschaft auch in Zahlen deutlich machen?
Bienati: Es gibt solche Studien, aber die Ergebnisse sind nicht eindeutig – und meiner Meinung nach ist es schwierig, einen direkten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung herzustellen. Die Zusammensetzung einer Belegschaft hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel geschlechtsspezifischen Prägungen in der Bildung, sozioökonomischen Komponenten und so weiter. Aber obwohl Vorurteile bestehen bleiben, hat die Realität sich doch verändert. Es gibt mehr Frauen, die sich für technische Berufe entscheiden, und in den jüngeren Generationen ist das Bewusstsein für Geschlechterfragen und nicht-binäre Identitäten eine Selbstverständlichkeit. Die Sprache, einschließlich der Sprache in Stellenanzeigen, muss sich daran anpassen.
Wie sieht es in Südtirol aus, wo auch die Mehrsprachigkeit zu berücksichtigen ist?
Chiocchetti: In deutschsprachigen Stellenanzeigen ist eine größere Vertrautheit mit inklusiver Sprache zu beobachten, die sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz früher als in Italien durchgesetzt hat. In traditionelleren Branchen wie dem Tourismus gibt es noch einige Anzeigen, die Zimmermädchen suchen, aber inklusive Alternativen wie Reinigungskraft verbreiten sich zunehmend. In italienischen Stellenanzeigen wird oft auf Englisch und Französisch ausgewichen: chef, commis, reception manager. Im Deutschen funktioniert das weniger gut, da es für weit verbreitete Lehnwörter eine weibliche Form gibt (z. B. Managerin). In Südtirol gibt es noch einen weiteren besonderen Aspekt: die Verbindung zu Sprache und Tradition. Die Suche nach einer Person mit deutscher Muttersprache oder einheimisch erfolgt oft in guter Absicht. Es wird beispielsweise eine Person gesucht, mit der sich die Großeltern wohlfühlen, oder es besteht der Wunsch, die Authentizität eines Gastgewerbeservices zu gewährleisten. Wir sollten uns jedoch nicht auf die Identität, sondern auf die Kompetenzen konzentrieren: Eine Person kann dank ihres Studiums und nicht aufgrund ihrer Familie ein sehr hohes Sprachniveau erreicht haben, oder sie kann perfekt Gulasch und Knödel kochen, obwohl sie aus einer anderen Region stammt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Bienati: In italienischen Anzeigen haben wir gesehen, dass mehr experimentiert wird als in anderen italienischen Regionen. Da Anzeigen in mehreren Sprachen verfasst werden müssen, werden alle verfügbaren Ressourcen kreativ genutzt. So ist beispielsweise „impiegato*a” eine offensichtliche Anlehnung an das Deutsche, da auf Italienisch „impiegat*“ üblicher wäre.
Chiocchetti: Wichtig ist, nicht wörtlich zu übersetzen und Übersetzungsprogramme oder künstliche Intelligenz nicht unkritisch einzusetzen. Das funktioniert fast nie wirklich gut.
Wie wird es eurer Meinung nach in zwanzig Jahren aussehen?
Bienati: Ich befürchte, dass es auch hier zu einer Polarisierung kommen wird. Das Schwa wird von beiden Seiten als politisches Argument gegen die gegnerische Fraktion verwendet, während eine ernsthafte Debatte über diese neuen Formen außerhalb der Linguistik fehlt. Es fehlt der Wille, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen und Kompromisse zu finden. Ich hoffe, dass sich das bald ändert, aber im Moment sehe ich eine Standardisierung noch in weiter Ferne.
Chiocchetti: In den Niederlanden stellen sich viele die Frage, ob es richtig ist, das Geschlecht in Berufen zu betonen, denn es sollte keinen Unterschied machen, ob wir von einem Chirurgen oder einer Chirurgin behandelt werden. Viele Menschen, darunter auch verschiedene Medien, bevorzugen es, die männlichen Berufsbezeichnungen auf für Frauen zu verwenden. Ich frage mich, ob dies eine mögliche Entwicklung für die deutsche Sprache sein könnte. Auf jeden Fall halte ich dies nur dann für denkbar, wenn eine Gesellschaft ein wirklich sehr hohes Maß an Chancengleichheit und Gleichbehandlung erreicht hat.
Die goldenen Regeln für das Verfassen inklusiver Stellenanzeigen
- Das Minimum: Wenn alle Menschen gemeint sind, sollte die generisch gebrauchte männliche Form vermieden werden. Besser ist es, die Geschlechter durch Doppelnennungen sichtbar zu machen, zum Beispiel „Wir suchen Elektriker und Elektrikerinnen“ oder andere Strategien, etwa Genderzeichen (:, *) im Deutschen oder das Schwa (ə) im Italienischen. Auch bereits inklusive Formulierungen wie „persona addetta alle vendite“ und „Reinigungskraft“ funktionieren gut.
Noch besser ist es, wenn hinzugefügt wird, dass alle Bewerbungen willkommen sind, und wenn Maßnahmen genannt werden, die wirklich Inklusion fördern, etwa flexible Arbeitszeiten oder eine betriebliche Kinderbetreuung. - Die Strategien sollten nicht vermischt werden, denn das ist ein Zeichen von Unsicherheit und mangelndem Verständnis für ihre Bedeutung. Nur Formen, die an sich bereits alle Geschlechter einschließen (zum Beispiel „persona addetta”, „Fachkraft”), können mit anderen Strategien kombiniert werden.

Ein Beispiel für einen Mix aus mehreren Strategien
- Wichtig ist eine klare Vorstellung, wer ich bin und wen ich suche – besonders in einem mehrsprachigen Kontext. Wörtliche Übersetzungen sollten vermieden werden.
Ein Beispiel: „Suche Verkäufer:in.“
Okay, aber wie lautet das auf Italienisch? Wenn ich Kleidung verkaufe, ist eine wörtliche Übersetzung („venditore/venditrice“) unpassend – „commesso o commessa“ passt von der Bezeichnung her schon besser.
Wenn es sich um eine Streetwear-Kette handelt, kann „sales assistant“ oder „commessə“ gut funktionieren, um ein jüngeres Publikum anzusprechen. Wenn meine Zielgruppe dagegen älter ist, suche ich vielleicht Personal mit viel Erfahrung und entscheide mich eher für eine traditionellere Doppelnennung.
Der „Leitfaden für Stellenanzeigen, die alle erreichen“ wurde von der Gleichstellungsrätin des Landes initiiert und in Zusammenarbeit mit der Handelskammer und Eurac Research ausgearbeitet. Sie sind hier verfügbar.


