
„Man denkt seit jeher an die Bergsteiger – aber nicht an die, die sie retten“
Ein Gespräch über den Wandel des Höhenbergsteigens, neue Risiken für die Bergrettung und internationale Richtlinien für Einsätze in extremer Höhe.
Das Höhenbergsteigen hat sich stark verändert – und mit ihm die Rettung in extremer Höhe: Heute fliegen Helikopter bis auf 7.000 Meter, Rettungsteams arbeiten unter Bedingungen, die einst undenkbar waren. Doch wo Technik neue Möglichkeiten schafft, wächst die Illusion von Sicherheit – und das Risiko für jene, die im Notfall helfen. Hermann Brugger, Notfallmediziner und Forscher, spricht über gefährliche Entwicklungen im Alpinismus, überfällige internationale Richtlinien für die Höhenbergrettung – und über jene, die in der dünnen Luft oft übersehen werden: die Sherpas.
Herr Brugger, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Fachkollegen Giacomo Strapazzon und einem internationalen Team neue Empfehlungen für Rettungseinsätze in extremer Höhe ausgearbeitet. Warum genau jetzt?
Hermann Brugger: Die Idee entstand in der Internationalen Kommission für Alpine Notfallmedizin, in der „ICAR Medcom“. Ich bin dort seit 1992 Mitglied. Wir haben festgestellt, dass es zwar viele Empfehlungen für Höhenbergsteigerinnen und -bergsteiger gibt – aber keine für die Bergrettung selbst. Dabei hat sich das Einsatzgebiet enorm verändert. Moderne Helikopter erreichen heute Höhen von 7.000 Metern, etwa im Himalaya oder im Karakorum. Damit entstehen neue Möglichkeiten, aber auch neue Risiken für die Rettung.
Gab es ein bestimmtes Ereignis, das den Anstoß gegeben hat?
Brugger: Nein, kein einzelnes Unglück. Es war eher die Erkenntnis, dass ein großes Defizit besteht. Denn es ist schon erstaunlich, dass es seit den 1970er-Jahren Richtlinien für Bergsteigerinnen und Bergsteiger gibt, die aus aller Welt in diese Gebirge kommen, um die höchsten Gipfel zu besteigen. Aber niemand hat an die Rettungsteams gedacht. Auch nicht an die Sherpas in Nepal, die für die Expeditionen seit jeher arbeiten.
Die Sherpas sind oft die ersten Retter am Unfallort, sie tragen Verletzte mitunter buchstäblich auf ihren Schultern nach unten und sind dabei selbst stark gefährdet.
Hermann Brugger, langjähriger Not- und Bergrettungsarzt
Welche Rolle spielen die Sherpas?
Brugger: Sie sind die wahren tragenden Säulen des Höhenbergsteigens. Ohne sie gäbe es keine Expeditionen in dieser Form. Ausgewiesene Aufstiegsrouten sind fast durchgehend durch Seile gesichert; das ist eine enorme körperliche Leistung, die auf die Sherpas zurückgeht. Sie transportieren Material, führen Gäste und führen oft auch Rettungen durch, tragen Verletzte buchstäblich auf ihren Schultern nach unten. Sie sind aber keine ausgebildeten Bergretter und selbst stark gefährdet – durch Höhenkrankheit, Erschöpfung, Lawinen. Für sie gab es nie Empfehlungen, wie sie sich schützen können, und viele von ihnen sind in den vergangenen Jahrzehnten gestorben. Auch für sie waren die neuen Richtlinien längst überfällig.
Gibt es Nachwuchsprobleme?
Brugger: Ja. Viele Sherpa-Familien sind für ihre Verhältnisse wohlhabend geworden, aber die jüngere Generation sieht, wie gefährlich dieser Beruf ist und sucht jetzt andere Wege – oft auch im Ausland. Das wird langfristig Auswirkungen auf den gesamten Expeditionsbetrieb haben.
Welche Empfehlung halten Sie für die wichtigste, wenn es um die Sicherheit der Rettungsteams geht?
Brugger: Das Vorbeugen gegen die Höhenkrankheit durch Medikamente und die Richtlinien zum Sauerstoff. Denn der Sauerstoffmangel in diesen Höhen ist – anders als bei uns in den Alpen – ein zentrales Problem. In 5.000 oder 6.000 Metern Höhe sinkt der Sauerstoffgehalt in der Luft auf die Hälfte. Das wirkt sich massiv auf Konzentration und Reaktionsfähigkeit aus – bei Pilotinnen, Piloten, Ärztinnen, Ärzten und Rettungsleuten gleichermaßen. Wir haben bei einer Studie im terraXcube (Anm. d. Redaktion: Zentrum für Extremklimasimulation von Eurac Research in Bozen) simuliert, wie sich diese Bedingungen auswirken. Dabei zeigte sich deutlich: Schon ab 4.500 Metern verlängert sich die Reaktionszeit spürbar. Mit zusätzlicher Sauerstoffzufuhr lässt sich das Defizit aber fast vollständig ausgleichen. Das war ein wichtiger Nachweis für die Praxis.
In 5.000 oder 6.000 Metern Höhe sinkt der Sauerstoffgehalt in der Luft auf die Hälfte. Das wirkt sich massiv auf Konzentration und Reaktionsfähigkeit aus.
Hermann Brugger
Könnte man also sagen, dass Sauerstoff das wichtigste „Medikament“ in der Höhe ist?
Brugger: Für die Flugrettung gilt das auf jeden Fall. Denn Sauerstoff wirkt sofort. Eine Zugabe gleicht das Sauerstoffdefizit fast hundertprozentig aus und senkt die empfundene Höhe um 2.000 bis 3.000 Meter – und das macht natürlich einen Riesenunterschied. Deshalb empfehlen wir ab einer Einsatzhöhe von 4.000 Metern Sauerstoff mitzunehmen. Für kurze Einsätze, bei denen der Helikopter nur kurz in der Höhe bleibt, reicht das aus. Bei längeren oder zu Fuß durchgeführten Einsätzen braucht es die medikamentösen Maßnahmen.
Welche Medikamente wirken gegen die Höhenkrankheit?
Brugger: Zwei sind entscheidend: Acetazolamid, besser bekannt als Diamox, und Dexamethason. Diamox hilft, die Akklimatisation zu verbessern und ist bei erfahrenen Trekkern schon sehr beliebt, weil es sich auch positiv auf die Schlafqualität in der Höhe auswirkt. Es sollte vor allem bei planbaren und länger dauernden Einsätzen genommen werden, weil die Wirkung erst nach einigen Stunden bis nach einem Tag eintritt. Dexamethason hingegen ist ein Cortisonpräparat, das sehr schnell wirkt – ideal bei spontanen Einsätzen über 5.500 Metern, wo keine Zeit zur Vorbereitung bleibt. Beide Medikamente sind weltweit verfügbar. Es geht also nicht um Ressourcen, sondern um das Bewusstsein und das Verbreiten der richtigen Empfehlungen.
Gibt es auch technische Grenzen der Flugrettung?
Brugger: Ja. Die offizielle Höchstgrenze für Helikopter liegt bei rund 7.000 Metern. Darüber hinaus sind Flüge nur mit leeren Maschinen und minimaler Besatzung möglich. In Ausnahmefällen wurden schon 8.000 Meter erreicht – einmal berührte ein Helikopter mit einer Kufe sogar den Everest-Gipfel. Doch solche Flüge sind nicht homologisiert, also nicht offiziell zugelassen.
In den Richtlinien geht es nicht nur um Technik und Medikamente, sondern auch um Teamstrukturen und Kommunikation. Warum ist das wichtig?
Brugger: Weil in extremer Höhe jedes Detail zählt. Die Belastung ist enorm, das Risiko hoch, und Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Gute Kommunikation im Team, klare Abläufe, regelmäßiges Training und gegenseitige psychologische Unterstützung sind entscheidend. All das erhöht die Sicherheit. Diese Faktoren sind eigentlich Standard in der Flugrettung, aber in großer Höhe haben sie noch einmal ein anderes Gewicht.
Früher war klar: Wer über 5.500 Meter geht, ist auf sich allein gestellt. Heute entsteht durch moderne Technik die Illusion, man könne überall gerettet werden.
Hermann Brugger
Immer mehr Menschen zieht es in große Höhen. Was bedeutet das für die Rettung?
Brugger: Es verändert die Erwartungen. Früher war klar: Wer über 5.500 Meter geht, ist auf sich allein gestellt. Heute entsteht durch moderne Technik die Illusion, man könne überall gerettet werden. Expeditionen bieten Rundum-Pakete an – mit Hypoxie-Training bequem von zuhause aus, mit Komfortzelten im Basecamp, mit Satellitenverbindungen. Viele glauben, sie seien sicher. Aber oberhalb von 5.500 Metern gibt es keine Garantie mehr.
Sie klingen sehr kritisch…
Brugger: Ja, weil die Kommerzialisierung des Höhenbergsteigens eine falsche Sicherheit vermittelt. Wer viel Geld zahlt, erwartet, heil nach Hause zu kommen. Früher war den Alpinisten klar: ‚Wenn etwas passiert, bleibe ich oben.‘ Heute rechnen viele mit einer Rettung. Das erzeugt Druck – auch auf die Retterinnen und Retter, die sich dadurch selbst in Lebensgefahr bringen.
Wie wurden die neuen Richtlinien entwickelt?
Brugger: In einem mehrjährigen Prozess, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Nord- und Südamerika, Europa und Nepal. Wir haben bestehende Literatur ausgewertet, Studien analysiert und eigene Forschungsergebnisse eingebracht. Eine wichtige Grundlage bildeten dabei die drei Studien, die wir im terraXcube von Eurac Research durchgeführt haben – also in simulierter Höhe. Bei den Punkten, die noch offen waren, wo es also noch keine Studien und damit keine Evidenz gab, haben wir Fragen – sogenannte PICO-Questions – formuliert. Diese wurden in der Kommission durch die Expertise der Teilnehmenden beantwortet und gelten als „Expert Opinions“. Die Ergebnisse wurden schließlich von der Generalversammlung der ICAR verabschiedet. Damit liegen nun offizielle internationale Empfehlungen vor, die weltweit umgesetzt werden sollen.
Die drei Studien von Eurac Research in simulierter Höhe
In der Studie „Simulated Acute Hypobaric Hypoxia Effects on Cognition in Helicopter Emergency Medical Service Personnel“ wurden Piloten einer simulierten Höhe von 4.500 Metern ausgesetzt. Dabei zeigte sich, dass ihre Reaktionszeit deutlich länger wurde – ein kritischer Faktor bei Rettungseinsätzen. Link zur wissenschaftlichen Publikation
In einer zweiten Studie erhielten die Piloten zusätzlich Sauerstoff. Die Studie wies nach, dass die kognitiven Einschränkungen damit vollständig kompensiert werden konnten. Link zur wissenschaftlichen Publikation
Die Studie „Effect of Acute Exposure to Altitude on the Quality of Chest Compression‐Only Cardiopulmonary Resuscitation in Helicopter Emergency Medical Services Personnel” befasste sich mit der Reanimation in extremer Höhe. Dabei zeigte sich, dass die Qualität der Herzdruckmassage mit zunehmender Höhe deutlich abnimmt. Link zur wissenschaftlichen Publikation
Welche Entwicklungen werden die Hochgebirgsrettung in den nächsten Jahren am stärksten verändern?
Brugger: Die technische Entwicklung wird zweifellos weitergehen. Die Helikopter werden noch leistungsfähiger, die gesetzlichen Rahmenbedingungen werden sich anpassen – und eines Tages werden wohl auch Rettungen bis in die Gipfelregion des Everest möglich sein. Doch mit dieser Entwicklung verändert sich auch der Geist des Höhenbergsteigens. Das klassische Alpinismus-Ideal wird zunehmend missbraucht – für Prestige, Ego oder Karrieredenken. Vor allem in den USA ist es geradezu eine Reputationsfrage: Wer auf dem Everest stand, gilt automatisch als jemand, der auch in beruflicher Hinsicht die besten Fähigkeiten hat – das wird fast als Beweis persönlicher Exzellenz gesehen. Mit Alpinismus im ursprünglichen Sinn hat das wenig zu tun.
Links zu den publizierten Rettungsrichtlinien:
Hermann Brugger
Hermann Brugger war langjähriger Not- und Bergrettungsarzt, Gründer und ehemaliger Leiter des Instituts für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research. Seit 1992 ist er Mitglied der Internationalen Kommission für Alpine Notfallmedizin (ICAR Medcom). Gemeinsam mit Giacomo Strapazzon sowie Fachexpertinnen und -experten aus Europa, Nord- und Südamerika sowie Nepal hat er die internationalen Empfehlungen für Rettungseinsätze in extremer Höhe ausgearbeitet.

