Schmetterlinge in Bewegung
Ihre Verbreitung ändert sich stärker als bislang angenommen – was vor allem mit dem Klimawandel zusammenhängt
Mehr als 6.100 dokumentierte Veränderungen der Verbreitungsgebiete von 1.758 Arten analysierten die Forschenden unter Leitung der Monash University in Melbourne (Australien). Um die Entwicklungen weltweit möglichst vollständig zu erfassen, werteten sie auch Veröffentlichungen aus, die nicht auf Englisch erschienen sind. Außerdem steuerten 68 Expertinnen und Experten ihre Beobachtungen bei, unter ihnen der Biologe Elia Guariento vom Institut für Alpine Umwelt.
Die Studie zeigt, dass 80 Prozent der Arten ihr Verbreitungsgebiet ausdehnten und neue Gebiete besiedelten. Gleichzeitig schrumpfte das Verbreitungsgebiet von 27 Prozent der Arten, und 22 Prozent der Arten wanderten in andere Höhenlagen, um geeignete Lebensbedingungen zu finden.
„Dass Arten höhere Lagen besiedeln und sich neue Arten ausbreiten, beobachten wir in Südtirol und generell im sich rasch erwärmenden Alpenraum deutlich“, erklärt der Biologe Elia Guariento, der seit fast zehn Jahren in Österreich und Südtirol Schmetterlinge erhebt – in Südtirol seit 2019 systematisch im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings. „Wir haben in den vergangenen Jahren mehrere Arten in Höhen vorgefunden, in denen wir sie nicht erwarteten, zum Beispiel den Apollofalter. Diese Untersuchung bestätigt, dass dies auch global ein deutliches Muster ist.“
Die Daten dokumentieren vor allem die Ausdehnung von Verbreitungsgebieten weil dieser Aspekt der Veränderung am einfachsten nachzuweisen ist, erklärt Guariento: „Taucht in einem Gebiet eine Art auf, die dort vorher nie beobachtet wurde, wird dies meist schnell registriert. Wenn Arten zurückgehen, weil sie nicht mehr die richtigen Bedingungen vorfinden, oder sogar verschwinden, bleibt das oft lange unbemerkt. Um solche Entwicklungen genau zu verfolgen, braucht es langfristige Monitoringprogramme, von denen es noch viel zu wenige gibt.“
„Wenn sich die Verbreitungsgebiete von Schmetterlingen so stark verändern, können wir davon ausgehen, dass dies auch für andere Insektengruppen gilt. Nur wissen wir es dort mangels Daten nicht.“
Elia Guariento
Gerade viele Weltregionen mit besonders hoher Artenvielfalt, wie die Tropen, sind in der Forschung noch fast blinde Flecken, über die man sehr wenig weiß. Wo die Datenlage besser ist, ergibt sich ein Bild tiefgreifenden Wandels: In 32 Ländern wurden Verbreitungsveränderungen bei einem Viertel ihrer bekannten Schmetterlingsarten dokumentiert, in zehn Ländern sogar bei mehr als der Hälfte.
Die Untersuchung – die bisher größte ihrer Art – analysierte auch die Ursachen der Veränderungen. Die Ausdehnung von Verbreitungsgebieten und die Wanderung in höhere Lagen hängen vor allem mit der Klimaerwärmung und extremen Wetterereignissen zusammen. Wenn Verbreitungsgebiete schrumpfen spielen dagegen häufig Landnutzungsänderungen wie die Intensivierung der Landwirtschaft oder der Verlust von Feuchtgebieten eine wichtige Rolle.
Schmetterlinge gehören zu den am besten erforschten Insektengruppen. Weil man ihre Ansprüche an den Lebensraum gut kennt, eignen sie sich hervorragend als Bioindikatoren für ökologische Veränderungen. „Sie sind ein Frühwarnsystem“, sagt Guariento. „Die Ergebnisse der Studie sind deshalb wirklich alarmierend. Wenn sich die Verbreitungsgebiete von Schmetterlingen so stark verändern, können wir davon ausgehen, dass dies auch für andere Insektengruppen gilt. Nur wissen wir es dort mangels Daten nicht.“



