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Stimmen der Herkunftssprachen

Eine Studie zu Herkunftssprachenunterricht und sozialem Zusammenhalt

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Stimmen der Herkunft


Weltweit haben rund 40 Prozent der Menschen keinen Zugang zu Bildung in einer Sprache, die sie vollständig verstehen. In einigen Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen liegt dieser Anteil sogar bei 90 Prozent – betroffen sind mehr als 250 Millionen Lernende. Das Erhalten von Herkunftssprachen hilft dabei, kulturelle Identitäten und generationenübergreifende Beziehungen zu bewahren, weltweit weniger Sprachen zu verlieren und gerechtere sowie gleichberechtigtere Gesellschaften zu fördern. Im europäischen Kontext zeigt sich in Südtirol eine besondere Situation: Mehrsprachigkeit wird geschützt, gefördert und öffentlich anerkannt – zumindest dann, wenn es um die drei institutionell anerkannten Sprachen Deutsch, Italienisch und Ladinisch geht. Sogenannte Herkunftssprachen hingegen werden weiterhin marginalisiert.

Beginnen wir mit einem Blick in die Geschichte: Warum wurde der Internationale Tag der Muttersprache ins Leben gerufen?

Marta Guarda: Die Ursprünge reichen in die 1950er-Jahre zurück, in die Zeit nach der Gründung Pakistans. Damals gab es Westpakistan – das heutige Pakistan – und Ostpakistan, das heutige Bangladesch. In Ostpakistan formierte sich eine starke Bewegung gegen die Einführung von Urdu als Sprache des öffentlichen Lebens. Urdu sollte Bengali ersetzen, obwohl Bengali die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung war. Studierende und viele andere Menschen protestierten dagegen, dass Urdu als einzige offizielle Sprache in Schule, Verwaltung und Öffentlichkeit vorgeschrieben wurde. Während dieser Proteste töteten Militärkräfte am 21. Februar 1952 mehrere Menschen. Dabei ging es nicht nur um Sprache. Es ging auch um Identität und darum, dass eine Sprache verdrängt und bedroht wurde. Die Ereignisse dieses Tages wirkten lange nach. Schließlich griff die UNESCO eine Initiative Bangladeschs auf und rief den Internationalen Tag der Muttersprache ins Leben – zum Gedenken an jene, die ihr Leben im Einsatz für sprachliche Vielfalt und sprachliche Rechte verloren hatten. Es war ein kultureller und politischer Kampf, den die UNESCO 1999 offiziell anerkannte. Seit dem 21. Februar 2000 wird dieser Tag weltweit begangen.

Die UNESCO macht außerdem darauf aufmerksam, dass viele Menschen auf der Welt ihre sprachlichen und identitätsbezogenen Rechte nicht anerkannt sehen. Viele Kinder sprechen zu Hause eine oder mehrere Sprachen und treffen in der Schule auf eine völlig andere Sprache. Das wirft Fragen nach der Gerechtigkeit im Bildungssystem auf. Der Internationale Tag der Muttersprache soll sichtbar machen, dass viele Menschen ihre Sprache nicht frei nutzen können oder keinen Zugang zu Bildung in ihrer Erstsprache haben – oder in ihrer „Muttersprache“, wie die UNESCO es nennt.

Viele Kinder sprechen zu Hause eine oder mehrere Sprachen und treffen in der Schule auf eine völlig andere Sprache. Das wirft Fragen nach der Gerechtigkeit im Bildungssystem auf.

Marta Guarda

Was können Sie aus anthropologischer Sicht dazu sagen, warum wir sprachliche Vielfalt bewahren sollten?

Johanna Mitterhofer: In meiner Forschung beschäftige ich mich vor allem mit Migration und damit, wie unsere Gesellschaften immer vielfältiger werden. In diesem Zusammenhang spielen Sprache und Kultur eine zentrale Rolle – genauso wie die Möglichkeit, die Sprache, die man in der Familie spricht, auch außerhalb des eigenen Zuhauses leben, lernen und verwenden zu können. Das ist entscheidend für Identität und Zugehörigkeit. Wenn zum Beispiel ein Kind mit pakistanischen Eltern Urdu auch im öffentlichen Raum sprechen kann, ohne Diskriminierung zu erleben, fühlt es sich eher wohl und angenommen. Sprache ist eben mehr als ein Mittel zur Verständigung. Sie hat mit Identität zu tun, mit Zugehörigkeit – und auch mit Einbezug oder Ausgrenzung. Ich untersuche solche Dynamiken in Gesellschaften, die von sich sagen, sie seien mehrsprachig und inklusiv. In der Praxis zeigt sich aber oft, dass nur bestimmte Sprachen wirklich zählen. Meist schützt und fördert man vor allem die offiziellen Staatssprachen. In Südtirol zum Beispiel dominieren Italienisch und Deutsch. Ladinisch ist zwar ebenfalls Amtssprache, wird aber häufig übersehen. Schon daran erkennt man eine Hierarchie. Dazu kommen Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch, die in der Schule unterrichtet werden und als wirtschaftlich nützlich gelten. Und schließlich gibt es die sogenannten Herkunftssprachen – also Sprachen, die mit jüngerer Migration verbunden sind, etwa Albanisch, Urdu, Arabisch oder Chinesisch. Diese Sprachen stehen oft am Rand oder erfahren sogar Diskriminierung. Ein Kind, das zu Hause Englisch spricht, bekommt für seine Mehrsprachigkeit vielleicht Anerkennung und Unterstützung. Ein Kind, das Urdu spricht, hingegen nicht unbedingt.

 

Prägen solche Hierarchien also auch diejenigen, die das Gefühl haben, ihre sprachliche Herkunft zeigen und einbringen zu dürfen?

Marta Guarda: Wenn wir Erstsprachen an den Rand drängen, entstehen Hierarchien, die sich direkt auf Identität, darauf, wie Familien ihre Kultur weitergeben, und auf soziale Beziehungen auswirken. Junge Menschen laufen Gefahr, ihre Sprache zu verlieren – und damit auch den Bezug zu ihrer Gemeinschaft. Besonders problematisch ist, dass man bei Kindern, deren Sprachen im Schulsystem nicht vorkommen, oft von einem Mangel ausgeht. Wer Urdu oder Albanisch spricht, gilt schnell als sprachlich „nicht ausreichend kompetent“ – statt als mehrsprachig und mit vielfältigen Fähigkeiten. Wenn klare Leitlinien fehlen und Lehrkräfte nicht entsprechend ausgebildet sind, übersieht man diese Kompetenzen leicht oder erkennt sie gar nicht erst an. Dieser Blick auf vermeintliche Defizite verhindert, dass Schülerinnen und Schüler zeigen können, was sie sprachlich tatsächlich leisten.

Sprache ist mehr als nur ein Mittel zur Verständigung. Sie hat mit Identität zu tun, mit Zugehörigkeit – und auch mit Einbezug oder Ausgrenzung.

Johanna Mitterhofer

Sprache prägt alle Lebensbereiche – von Schule und Ausbildung bis hin zum Berufsleben und zum sozialen und kulturellen Alltag. Wenn man Kinder vor allem durch die Brille eines Mangels sieht, schränkt das ihre Chancen ein. Noch gravierender wird es, wenn Eltern aus nicht-dominanten Sprachgemeinschaften geraten wird, zu Hause nicht mehr ihre eigene Sprache zu sprechen, weil Mehrsprachigkeit angeblich verwirre. Solche Ratschläge haben langfristige Folgen – für die Identität der Kinder, für ihre sprachlichen Fähigkeiten und für ihr Selbstwertgefühl. Am Ende vermittelt man ihnen damit: Die Sprache deiner Familie – und damit ein Teil von dir – ist nichts wert.

Wie beurteilen Sie diese Auswirkungen – besonders mit Blick auf die Schule?

Johanna Mitterhofer: In einem Projekt haben wir untersucht, wie junge Menschen mit Migrationsgeschichte den Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt erleben. Sprache stand dabei nicht im Mittelpunkt, aber sprachliche Hierarchien wurden sehr deutlich sichtbar. Einige Jugendliche haben Diskriminierung aufgrund ihrer Sprache in der Schule klar wahrgenommen. Später ist es ihnen jedoch gelungen, ihre Familiensprachen als Stärke zu begreifen – zum Beispiel, indem sie berufliche Wege einschlagen wollten, auf denen Arabisch oder Urdu und transnationale Netzwerke gefragt sind. Andere wiederum fühlten sich ausgeschlossen, obwohl sie mehrere Sprachen fließend sprechen – auch die lokale Sprache. Eine junge Frau mit Kopftuch, die sowohl Dialektdeutsch als auch Italienisch perfekt beherrschte, erlebte dennoch Diskriminierung. Das zeigt, wie sehr sich die Maßstäbe für „Integration“ ständig verschieben. Selbst sehr gute Sprachkenntnisse garantieren keine Zugehörigkeit. Im neu gestarteten VOICES-Projekt richten wir den Blick nun ausdrücklich auf den Unterricht in Herkunftssprachen in Südtirol und in der Schweiz. Wir werden Lehrpersonen, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Politikerinnen und Politiker sowie Bildungsexpertinnen und -experten interviewen und mit ihnen zusammenarbeiten. Uns interessiert, welchen Stellenwert Herkunftssprachen auf institutioneller und politischer Ebene haben – und wie Menschen sie erleben, die solche Kurse geben oder besuchen. Unser Ziel ist es, wegzukommen von der Vorstellung, Herkunftssprachen seien ein Problem, und stattdessen ihren Wert sichtbar zu machen. Außerdem wollen wir der Frage nachgehen, ob und wie diese Sprachen zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen können.

Wenn wir Erstsprachen an den Rand drängen, entstehen Hierarchien, die sich direkt auf Identität auswirken, darauf, wie Familien ihre Kultur weitergeben, und auf soziale Beziehungen.

Marta Guarda

Wie entwickelt sich die sprachliche Vielfalt in Südtirol?

Marta Guarda: Südtirol ist ein sehr besonderer Kontext mit einer komplexen Geschichte von sprachlicher Dominanz und gleichzeitigem Minderheitenschutz. Modelle aus anderen Ländern lassen sich hier nicht einfach übernehmen. Jede Region braucht Lösungen, die zur eigenen Situation passen. In Südtirol bedeutet das auch, sich der eigenen soziolinguistischen Realität zu stellen – und dazu gehört, dass Migration bislang noch nicht selbstverständlich als Teil der regionalen Identität verstanden wird. Projekte wie VOICES oder „One School, Many Languages“ wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass die sprachliche Vielfalt wächst – und dass sie längst Teil unserer Gesellschaft ist. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen vom Center for Autonomy Experience und vom Institut für Minderheitenrecht von Eurac Research organisieren wir außerdem 2027 die Internationale Konferenz für Minderheitensprachen. Dort werden ausdrücklich auch minorisierte und indigene Sprachen im Mittelpunkt stehen. Das von der UNESCO ausgerufene Internationale Jahrzehnt der indigenen Sprachen hat dieser Arbeit zusätzlichen Rückenwind gegeben. Es erinnert uns daran, dass viele Sprachen gefährdet sind – autochthone ebenso wie jene von Gemeinschaften, die erst in jüngerer Zeit hierhergezogen sind. Sie alle verdienen Anerkennung und Unterstützung.

Wenn Eltern aus nicht-dominanten Sprachgemeinschaften geraten wird, zu Hause nicht mehr ihre eigene Sprache zu sprechen, weil Mehrsprachigkeit angeblich verwirre, ist dies gravierend. Solche Ratschläge haben langfristige Folgen – für die Identität der Kinder, für ihre sprachlichen Fähigkeiten und für ihr Selbstwertgefühl.

Marta Guarda

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