„Wir brauchen Mut und Offenheit“
Zum 20. Geburtstag des Instituts für Erneuerbare Energie: ein Gespräch mit Wolfram Sparber und Alexandra Troi, die das Institut leiten
Zum Anfang ein Gedankenspiel: Angenommen, wir hätten von heute auf morgen keine fossilen Rohstoffe mehr – was hieße das für unseren Südtiroler Alltag?
Wolfram Sparber: Uns würde in relativ kurzer Zeit das Licht ausgehen, in den Gebäuden wäre es kalt, auf den Straßen würde der Transport von Gütern und Menschen großteils zum Erliegen kommen; auch Elektrofahrzeuge würden bald stillstehen, außer sie werden mit eigenem Solarstrom gespeist, denn der italienische Stromverbrauch wird nur zu 40 Prozent aus erneuerbaren Quellen gedeckt. Also unsere Gesellschaft ist nach wie vor sehr von fossilen Rohstoffen abhängig.
Alexandra Troi: Nicht in allen Häusern aber würde es kalt und dunkel – einige sind schon so gut wie unabhängig von fossilen Energiequellen. Durch Dämmung des Dachs, der Bodenplatte und der Wände, durch neue Fenster etc., wurde dort der Energiebedarf sehr stark gesenkt, und der verbleibende Rest kann im Wesentlichen aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Was die Wärme angeht: Meine eigene Wohnung wurde energetisch saniert, und wenn wir im vergangenen Winter nicht hätten heizen können, dann wäre es an manchen Tagen sicher ein bisschen kalt geworden, doch erfroren wären wir nicht.
Und Straßen, die von Fahrradfahrer und Fußgängern dominiert würden – das ist an sich ja keine schlechte Vorstellung, ich sehe da auch das Bild einer menschlicheren Stadt; also in diese Richtung könnten wir durchaus gehen, mit ein bisschen Zeit.
In welchem Sektor wird in Südtirol am meisten Energie verbraucht?
Sparber: Mit Abstand in der Mobilität, über 50 Prozent der fossilen Energie wird dort verbraucht. Da kommt mehreres zusammen: Wir sind ein Transitland, der Gütertransport erfolgt großteils auf der Straße, und wir haben viel Tourismus, wobei die Gäste zu etwa 80 Prozent mit dem eigenen Fahrzeug anreisen.
Troi: Dazu kommt auch noch viel hausgemachter Verkehr – viele Menschen in Südtirol pendeln, Waren werden in die Täler transportiert.
Sparber: Ja, es wurde viel investiert, um die Erreichbarkeit von abgelegenen Orten zu verbessern, weshalb wir zum Glück keine Phänomene wie entvölkerte Dörfer kennen; aber die Kehrseite ist natürlich ein erhöhtes Verkehrsaufkommen.
Wenn Sie konkrete Möglichkeiten zur Dekarbonisierung aufzeigen sollen: Was wären Ihre Prioritäten?
Sparber: Ich würde bei der Förderung der E-Mobilität ansetzen. Natürlich ist es ein wichtiges Ziel, den Individualverkehr zu reduzieren sowie Güter auf die Schiene zu bringen. Aber Infrastrukturprojekte wie der Brennerbasistunnel, oder eine zweispurige Bahnlinie Bozen-Meran, brauchen viel Zeit. Und Fahrzeuge wird es weiterhin geben, auch wenn sie weniger werden. Noch ein Faktor spielt hier eine Rolle: Während eine Gebäudefassade durchaus einmal 40 Jahre lang unverändert bleiben kann, oder ein Heizkessel 20 oder 25 Jahre in Gebrauch, werden Autos manchmal schon nach fünf, spätestens nach 15 Jahren ausgetauscht. Schafft man es, dass sich möglichst viele Menschen beim Wechsel für ein E-Auto entscheiden, kann man relativ schnell eine große Wirkung erzielen. Inzwischen gibt es am Markt auch eine breite Auswahl an Technologien. Und man sieht an verschiedenen Ländern: Der Umstieg auf E-Mobilität kann funktionieren, wenn man die richtigen Rahmenbedingungen schafft.
„Nationen, die in einer Technologie sehr stark waren, fällt es oft schwer, sich davon zu verabschieden.“
Wolfram Sparber
Ganz weit vorn bei der Elektrifizierung des Autoverkehrs sind so unterschiedliche Länder wie Norwegen und China. Bei Norwegen ist das nicht überraschend, Skandinavien ist generell sehr weit voraus in der Defossilisierung. „Die können sich das leisten“, heißt es immer, „die sind reich.“ China aber ist weit weniger wohlhabend, dennoch wird das Land in diesem Jahr wahrscheinlich einen Anteil von knapp 60 Prozent E-Mobilität im neuen Pkw-Verkauf erreichen – und China ist der größte Automarkt der Welt. Ein ganz anderes, extremes Beispiel ist Äthiopien. Dort ist der Kauf von Diesel- oder Benzinautos seit Jahresbeginn verboten. Der Staat, der bisher fossile Treibstoffe stark gefördert hat, um der Bevölkerung überhaupt Mobilität zu ermöglichen, hat nämlich gemerkt, dass dies die öffentlichen Kassen zu sehr belastet. Strom dagegen ist billig, denn den produziert Äthiopien reichlich aus Wasserkraft.
Was all diese unterschiedlichen Länder gemeinsam haben, ist eine klare Vision, die sie mit verschiedenen Maßnahmen konsequent verfolgen.
Vermissen Sie das hierzulande?
Sparber: In Italien, aber auch in Österreich oder Deutschland, hat es schon eine ziemliche Zickzack-Politik gegeben. Wobei bei Italien und Deutschland sicher auch eine Rolle spielt, dass sie diese lange Tradition als Autobauer, als Hersteller von Benzin- und Dieselmotoren haben – sie versuchen, daran so lange wie möglich festzuhalten. Nationen, die in einer Technologie sehr stark waren, fällt es oft schwer, sich davon zu verabschieden und sich aktiv in eine neue zu stürzen. Andere Länder, wie China, sehen in der neuen Technologie eine Chance und investieren in sie.
Alexandra Troi und Wolfram Sparber
Credit: Eurac Research | Sigrid HechensteinerFrau Troi, was läge Ihnen besonders am Herzen?
Troi: Dass Sanieren für alle möglich und interessant ist. Das heißt, wir helfen denen, die es sich sonst nicht leisten könnten, und wir schaffen Anreize für jene, die eigenes Geld investieren können. Das sind langfristige Investitionen – die Einsparungen erfolgen erst über die Zeit, und für viele ist es schwierig, jetzt das Geld aufzubringen. Gesellschaftlich ist es aber sehr sinnvoll, das Geld jetzt einzusetzen. Die Summen sind auch nicht so extrem hoch, wie wir das manchmal denken. Wenn man die 50 Prozent Steuerersparnis berücksichtigt, hat die Sanierung unserer Wohnung nicht mehr als ein neuer Pkw gekostet.
Ich denke, oft geht es auch darum, wie wir den Menschen die Dinge vermitteln, wie wir es schaffen, dass sie die Vorteile sehen, Lust bekommen.
In Kondominien mit vielen Parteien kann es besonders schwierig sein, alle ins Boot zu holen.
Troi: Ich fand den Prozess bei uns im Kondominium ganz interessant. Was da bei der Entscheidung geholfen hat, war die Erfahrung anderer Kondominien. Also nicht abstrakt das Argument: „Der Wert der Wohnungen steigt durch die Sanierung“; sondern der konkrete Fall eines Wohnungsbesitzers, der nach der Sanierung verkauft und einen deutlich besseren Preis erzielt hat. Die Aussage ist die gleiche, aber sie hatte einen anderen Effekt. Erfahrungen, die man teilt, können viel bewirken.
Sparber: Die Frage, wie man etwas erklärt, wie man die Menschen mitnimmt und mit ihren Ängsten umgeht, ist ganz zentral, das wird zunehmend deutlich. In unseren Forschungsarbeit tragen wir dem auch Rechnung. Als wir vor 20 Jahren gestartet sind, waren wir ein rein technisch-naturwissenschaftliches Team, jetzt haben manche von uns einen gesellschaftswissenschaftlichen Hintergrund, außerdem arbeiten wir mit externen Fachleuten in diesem Bereich zusammen. Die Technik hat Fortschritte gemacht und wird sich weiter entwickeln – aber die wirkliche Herausforderung ist die Transformation der Gesellschaft. Ich denke, Ängste vor Veränderung spielen eine große Rolle bei dem, was derzeit in den USA passiert, und haben auch europäische Wahlen beeinflusst.
„Sanierung ist ein Weg, die breite Bevölkerung gegenüber Preisschwankungen im Energiesektor abzusichern.“
Alexandra Troi
In Bezug auf die Energiewende sind verbreitete Ängste, dass sie Unsicherheit bringt oder auch soziale Ungleichheit verschärfen könnte.
Troi: Soziale Abfederung ist wichtig. Den Energieverbrauch durch Gebäudesanierung zu reduzieren, ist aber gerade ein Weg, der breiten Bevölkerung mehr Sicherheit zu geben. Der Ukrainekrieg hat es gezeigt – wer vorher schon saniert hatte, den haben die steigenden Gaspreise natürlich viel weniger getroffen. Je weniger importierte Energie wir verbrauchen, desto unabhängiger sind wir von ihrem Preis, der aus geopolitischen oder anderen Gründen stark schwanken kann. Und wenn wir in der Mobilität parallel zum Umstieg auf E-Fahrzeuge auch den öffentlichen Verkehr ausbauen, dann heißt das, dass Menschen auch ohne eigenes Auto mobil sein können.
Sparber: Ich sehe in der energetischen Transition generell die Möglichkeit, den meisten Menschen mehr Geld in der Brieftasche zu lassen. Versetzen wir uns zehn, zwanzig Jahre in die Zukunft – in eine Gesellschaft, die ihren Energiebedarf weitgehend aus erneuerbaren Quellen deckt und effizienter ist: So eine Gesellschaft erzeugt sehr viel weniger Energiekosten. Das sehen wir auch in den Ländern, wo viel erneuerbarer Strom im Stromsystem ist; die Strompreise sind dort wesentlich niedriger. Und wenn ich dank Sanierung nicht mehr 2000 Euro im Jahr für Heizung ausgeben muss, sondern nur 500, dann habe ich einfach 1500 Euro für etwas anderes zur Verfügung. Kompliziert macht es beim Thema Wohnung die Frage: Wer bezahlt die Sanierung, wer profitiert davon? Investieren muss der Besitzer, aber der ist oft nicht sonderlich motiviert, denn die Heizrechnung bezahlt ja der Mieter.
Bei Technologietransformationen geht es fast nie nur um technische Aspekte. Ein Produzent von Motorkolben, der über Jahrzehnte wertvolles Know How aufgebaut hat, sieht sich mit dem Übergang zum E-Auto, bei dem es keinen Kolben mehr gibt, in der Situation, dass sein Erfahrungsschatz wertlos ist. Technologien kommen und gehen – das war immer schon so, aber im Moment der Transformation kann es schmerzhaft sein. In Deutschland etwa war die lange Tradition im Kohlebergbau sicher ein wesentlicher Grund, dass das Land früher aus der Atomenergie ausgestiegen ist, als aus der Kohle – obwohl die Umweltbilanz der Kohle denke ich fragwürdiger ist.
Die Abhängigkeit von russischem Gas haben wir teuer bezahlt – nun ist Europa bei Photovoltaik-Technologie stark von China abhängig: Droht da neues Unheil?
Sparber: Die Abhängigkeit besteht, aber es gibt schon mal einen wesentlichen Unterschied, weshalb sie kurzfristig weniger dramatisch ist: Wenn ich Gas importiere, und das Gas fließt nicht mehr, dann wird es nach wenigen Wochen oder Monaten dunkel. Wenn ich importierte Solartechnik installiere, dann produziert diese 20 Jahre lang Strom. Trotzdem: Der Energiesektor ist sicher einer der strategisch sensiblen Sektoren und hier sollte besondere Aufmerksamkeit herrschen. Es war ein politischer Fehler, dass wir in Europa die Solarindustrie aufgebaut und sehr erfolgreich exportiert, bei uns aber vernichtet haben. Das sehe ich noch viel kritischer als beim Gas, denn Solarenergie ist ja gerade in der Anfangsphase in Europa massiv öffentlich gefördert worden. Wir hätten hier also entscheiden können: Wir fördern insbesondere europäische Produkte. Dann wäre die Industrie geblieben und hätte expandiert.
„Solarstrom ist heute in den meisten Ländern der billigste Strom, den man produzieren kann.“
Wolfram Sparber
Die Frage ist jetzt: Können wir die Solarindustrie wieder zurückbringen? Leicht ist es nicht, aber es geht. Wenn man Förderungen ausschüttet, kann man auch Forderungen stellen – also ich finde ich es nur fair, zu sagen: Wir fördern Produkte, die zum Großteil in Europa produziert worden sind, wobei das Unternehmen auch chinesisch oder amerikanisch sein kann. China muss man zu Gute halten, dass es eine sehr konsequente Landes- und Industriepolitik betrieben und Solarenergie über Jahre und Jahrzehnte gefördert hat. In China hat man es geschafft, die Produktion so massiv zu skalieren, wie es selbst für uns Forscher vor zehn Jahren unvorstellbar war. Davon profitieren wir auch in Europa: Solarstrom ist heute in den meisten Ländern der Welt der billigste Strom, den man produzieren kann.
Frau Troi, ihr Spezialgebiet ist die energetische Sanierung historischer Gebäude: Sind Photovoltaikanlagen da tabu?
Troi: Nein, in Städten kann das durchaus auch eine Lösung sein. Das Bayerische Denkmalamt etwa arbeitet gemeinsam mit den Gemeinden Pläne aus, in denen für Photovoltaik geeignete Flächen ausgewiesen sind. Man überlegt sich also ein Gesamtkonzept, in dem Faktoren wie Nahwirkung, Fernwirkung und ähnliches berücksichtigt sind. Das hat den Vorteil, dass die Gemeinde nicht auf jede einzelne Anfrage reagieren muss; und auch der Gebäudebesitzer sieht sofort, welche Möglichkeiten er hat.
Für die Heizung ist in der Stadt häufig Fernwärme die Lösung, immer öfter werden es auch Wärmepumpen sein. Auf dem Land bietet sich auch Holz als Energiequelle an. Also wir nutzen da die ganze Palette.
Denkmalschutz und Energieeffizienz unter einen Hut zu bringen – ist das so schwierig, wie man es sich als Laie vorstellt?
Troi: Ein gewisser Zielkonflikt ist sicher da, aber im grundsätzlichen Anliegen trifft man sich: Für den Erhalt des historischen Baubestands ist es wichtig, dass die Gebäude genutzt werden, und das werden sie nur, wenn ein bestimmter Wohnkomfort gegeben ist und die Heizkosten bezahlbar sind. Ich denke, im Allgemeinen sind Denkmalpfleger ja sogar Experten, wenn es um Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft geht: Sie haben sehr viel Erfahrung damit, wie man Dinge lange weiter nutzen kann. Die Geister scheiden sich manchmal an konkreten Maßnahmen. Aber man kann Lösungen finden, die alle zufriedenstellen – das zeigen die guten Beispiele von Sanierungen historischer Gebäude, die wir europaweit gesammelt und detailliert in einem online Atlas dargestellt haben, damit andere praktische Ratschläge oder Inspiration finden können.
Herr Sparber, wenn Sie an Städte denken – wo sehen sie da inspirierende Beispiele im Bereich Energieversorgung und Mobilität?
Es gibt zahlreiche interessante Lösungen aus diversen Städten. Im Moment wird viel über das Beispiel Barcelona gesprochen, wo man im schachbrettartig angelegten Stadtteil Eixample bestimmte Straßen für die Durchfahrt gesperrt und damit „Superblocks“ geschaffen hat – mit Raum für Gärten und Kinderspielplätze, mit Flächen, auf denen bei Starkregen Wasser versickern kann, und wo Bäume Schatten spenden. Dänemark ist ein tolles Beispiel, wenn es um Wärmeversorgung geht, mit viel erneuerbarer Fernwärme aus ganz verschiedenen Quellen. Die Energiewende ist dort politischer Konsens – egal, welche Regierung am Ruder ist, die Richtung bleibt die gleiche.
„Es muss uns gelingen, Lust aufs aktive Verändern zu machen.“
Alexandra Troi
Wie wir über Veränderung und Fortschritt denken, ist auch beeinflusst vom medialen und politischen Diskurs. Wie beurteilen Sie den in Südtirol?
Sparber: Aus meiner Sicht wird generell zu oft mit Angst kommuniziert – etwas überspitzt formuliert: „Wir müssen uns verändern, sonst geht die Welt unter.“ Die Argumentation ist nicht falsch, aber sie ist nicht mitreißend. Und wer gegen die Energiewende ist, schiebt alles auf Brüssel: „Das schreibt Brüssel vor, deshalb müssen wir es machen, aber eigentlich ist es ganz schlecht für unser Land.“ Viel zu wenig ist in meinen Augen von den Chancen die Rede: Wir machen das, weil es einen Mehrwert für uns bedeutet, uns interessante Arbeitsplätze bringt, weil es gut ist für unsere Wirtschaft, für unsere Gesellschaft, weil wir damit besser leben, weniger abhängig von außen sind.
Troi: Das kann ich nur unterstreichen: Es fehlt die positive Vision. Die Vorstellung, wenn wir die Energiewende, die Bauwende schaffen, dann leben wir danach besser.
Es muss uns gelingen, Lust aufs aktive Verändern zu machen. Denn nichts zu tun, heißt ja nicht, dass wir dann keine Veränderung haben; Nichtstun heißt, eine Veränderung erleben, die wir nicht wollen. Dann liefern wir uns aus – und es kostet uns nicht weniger Geld. Wenn wir etwa immer häufiger Flutkatastrophen haben, wo ganze Dörfer von einem Fluss mitgerissen werden, kostet uns der Wiederaufbau unglaublich viel Steuergeld und kann den Verlust trotzdem nicht wettmachen. Wahrscheinlich hätte man das Geld vorher sinnvoller in Schadensbegrenzung investieren können.
Ihre Wünsche für die Energiezukunft?
Sparber: Dass wir gesellschaftlich den richtigen Kompromiss finden, um den Wandel auch zuzulassen. Die Frage ist wirklich: Wie viel Veränderung lassen wir zu? Also wir brauchen Mut und Offenheit: Lasst uns etwas Neues probieren!
Troi: Ich wünsche sie mir sehr demokratisch – eine Zukunft, in der alle Vorteile haben, aber auch alle Verantwortung tragen.

