Zwei Sprachen, zwei Genderdebatten
Gendern – und der Streit darüber – auf Deutsch und Italienisch
In Südtirol treffen der deutsche und der italienische Sprachraum aufeinander: Beeinflusst das, wie gegendert oder über das Gendern debattiert wird?
Sara Corain: In der Sprachpraxis zeigen sich hier tatsächlich interessante Entwicklungen. Ein Beispiel ist die Angabe m/w/d (männlich/weiblich/divers), die in Südtiroler Stellenanzeigen in beiden Sprachen auftaucht. Man orientiert sich hier am Gebrauch in Deutschland: Dort kann seit Ende 2018 im Personenstandsregister neben „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ eingetragen werden. In Italien ist eine solche dritte Option gesetzlich hingegen nicht anerkannt. Juristisch ist die Angabe daher bedeutungslos – aber Sprachgebrauch folgt nicht immer gesetzlichen Vorgaben.
Elena Chiochetti: Ein Beispiel für sprachliche Innovation durch Sprachkontakt ist auch die Art und Weise, wie in Südtirol manchmal der Genderstern im Italienischen eingesetzt wird. Normalerweise ersetzt der asterisco di genere die männliche oder weibliche Endung: Statt „ricercatori e ricercatrici“ (Forscher und Forscherinnen) heißt es dann verkürzt „ricercat*“. Im Deutschen steht der Stern hingegen zwischen den Endungen: „Forscher*innen“. In Südtirol wird dieses deutsche Muster manchmal auf das Italienische übertragen – dann steht da „ricercatori*trici“. Diese Form ist beispielsweise auf einer Webseite der Universität Bozen zu finden. Offenbar gilt diese Variante als klarer oder leichter lesbar. Ob sich das durchsetzt, bleibt abzuwarten.
Generell können wir sagen, dass die beiden großen Sprachgruppen beim Thema Gendern von den sprachlichen und kulturellen Debatten ihres jeweiligen Kulturraums beeinflusst sind.
„Die rechtliche Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern hat die Debatte über genderinklusive Sprache in Deutschland sehr geprägt.“
Sara Corain
Gibt es da große Unterschiede?
Corain: In Deutschland hat die rechtliche Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern die Debatte über genderinklusive Sprache stark geprägt. Im Mittelpunkt stehen jetzt vor allem nicht-binäre Formen wie Gendersternchen oder Doppelpunkt (s. Box), die alle Geschlechter einschließen sollen.
In Italien hat der Gebrauch des Schwas (s. Box) als geschlechtsneutrale Endung zwar große mediale Aufmerksamkeit erregt, doch sind solche nicht-binären Formen im Italienischen bislang deutlich weniger akzeptiert als im Deutschen. Die öffentliche Debatte in Italien konzentriert sich deshalb zu großen Teilen noch auf die sprachlichen Strategien, die die Sichtbarkeit von Frauen erhöhen können – etwa bei Berufsbezeichnungen oder politischen Ämtern. Es geht also vor allem um die Frage, ob Doppelnennungen (wie „lavoratori e lavoratrici“, Arbeiter und Arbeiterinnen) oder weibliche Formen (wie „ministra“, Ministerin) in Verwaltungssprache und öffentlicher Kommunikation nötig sind, oder ob man es weiterhin beim generischen Maskulinum belassen kann.
Chiocchetti: Weil Genderzeichen im Italienischen noch relativ ungewohnt sind, verzichten in Südtirol manche Organisationen in ihrer italienischen Außenkommunikation darauf, auch wenn sie solche Zeichen im Deutschen verwenden – sie sind sich bewusst, dass das Zielpublikum mit diesen Schreibweisen weniger vertraut ist. Die Richtlinien der Landesverwaltung, mit denen die Provinz Bozen in Italien Vorreiter war, lassen nicht-binäre Formen für einige wenige Zielgruppen und Textarten seit ein paar Jahren zu, doch ihr Hauptziel ist es, Männer und Frauen in den Texten der Landesverwaltung gleichermaßen sichtbar zu machen und anzusprechen. Und das gilt für alle drei Landessprachen. Dagegen macht der Bund in der Schweiz interessanterweise in seinen Richtlinien Unterschiede. Das generische Maskulinum darf im Deutschen nicht mehr verwendet werden, für das Italienische wird es hingegen empfohlen.
„Die größere Relevanz der Debatte in Deutschland zeigt sich auch am Verb ‚gendern‘, für das es im Italienischen kein Äquivalent gibt.“
Sara Corain
Kann man daraus schließen, dass der deutsche Sprachraum beim Gendern schon weiter ist?
Chiocchetti: Die Debatte ist auch in Italien nicht neu – Persönlichkeiten wie Alma Sabatini haben sich bereits in den 1980er Jahren für eine bewusste sprachliche Gleichbehandlung eingesetzt – , und sie hat in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Aber das Thema ist im deutschen Sprachraum gesellschaftlich stärker präsent, denke ich. Was mir zum Beispiel auffällt: Für genderinklusives Formulieren auf Deutsch gibt es eine ganze Reihe hilfreicher Ratgeber für das allgemeine Publikum. Das fehlt in Italien, Ratgeber richten sich hier eher an Fachleute, etwa in der Verwaltung oder den Medien.
Corain: Die größere Relevanz der Debatte in Deutschland zeigt sich auch am Verb „gendern“, für das es im Italienischen kein Äquivalent gibt.
Einige gendergerechte Strategien haben sich im deutschen Sprachgebrauch bereits etabliert, wie die Paarformen („Bürgerinnen und Bürger“). Die breite Akzeptanz für diese Form zeigt sich etwa am Beispiel der ersten Neujahrsansprache von Olaf Scholz im Januar 2022: Hier werden Formulierungen wie „Ingenieurinnen und Facharbeiter“ genutzt, um Frauen und Männer anzusprechen. Auch weibliche Personenbezeichnungen wie „Bundeskanzlerin“, „Präsidentin“, „Richterin“ stehen im Deutschen nicht mehr zur Debatte. Im Italienischen scheut man bei prestigeträchtigen, traditionell männerdominierten Berufen teilweise noch vor den weiblichen Formen zurück. Dass Regierungschefin Giorgia Meloni, „il presidente del consiglio” (der Präsident des Ministerrates) genannt werden möchte, ist ein Beispiel dafür.
In welcher Sprache ist gendergerechtes Formulieren leichter?
Chiocchetti: Im Deutschen. Im Italienischen beeinflusst das grammatikalische Geschlecht viel mehr Sprachelemente: Im Deutschen heißt es „müde“, egal ob ein Mann, eine Frau oder viele müde sind. Im Italienischen sind es vier Formen: „stanca, stanco, stanche, stanchi“. Auch substantivierte Partizipien wie „die Studierenden“ oder „die Abgeordneten“ sind im Italienischen im Plural nicht geschlechtsneutral wie im Deutschen.
Und es ist im Italienischen manchmal komplizierter, die weiblichen Formen zu bilden. Was ist für „Anwältin“ korrekt: „avvocata“ oder „avvocatessa“? Und wenn sie die Verteidigung vertritt: „avvocata difensora“ oder „avvocata difenditrice”?
Corain: Ich stimme zu. Im Deutschen werden weibliche Personenbezeichnungen in der Regel – aber nicht ausnahmelos – durch das Suffix „-in“ gebildet. Im Italienischen besteht bei bestimmten Wörtern eine größere Unsicherheit über die richtige Endung: Die Accademia della Crusca, die höchste sprachliche Autorität Italiens, hat sich mehrmals dazu geäußert, um einige sprachliche Zweifelsfälle zu beseitigen. Das heißt aber nicht, dass im Italienischen gendergerechte Formulierungen immer schwierig sein müssen. Auch hier sind zahlreiche genderneutrale Formulierungen (etwa „il personale sanitario“ für Beschäftigte im Gesundheitswesen) bereits fest im Sprachgebrauch verankert.
„In dem Moment, wo Frauen in immer größerer Zahl prestigeträchtige Positionen einnahmen, wurde es plötzlich zum Problem, sie sprachlich sichtbar zu machen.“
Elena Chiocchetti
In beiden Sprachräumen stößt das Gendern auf Gegenwind. Sind die vorgebrachten Argumente die gleichen?
Chiocchetti: Im Wesentlichen ja. Genderinklusivem Sprachgebrauch wird vorgeworfen, er sei nicht schön, beeinträchtige die Lesbarkeit, mache Texte unnötig lang, sei grammatikalisch nicht richtig und werde von oben aufgezwungen. Diese Kritik richtet sich vor allem gegen Genderzeichen oder Doppelnennungen, Bezeichnungen wie „Lehrkräfte“ oder „Personal“ werden gar nicht mehr als genderinklusiv wahrgenommen. Ein Argument, das in Italien vielleicht noch etwas häufiger vorkommt als im deutschen Sprachraum: In der Frage der Gleichstellung müsste doch zuerst viel Wichtigeres („ben altro“) angegangen werden. Etwa die unterschiedlichen Löhne für gleiche Arbeit. Dieser „benaltrismo“ tut so, als könne man unmöglich beide Ziele gleichzeitig anstreben.
Corain: Sowohl in Deutschland als auch in Italien ist dies eine stark emotionalisierte und polarisierte Debatte. Häufig sind die Positionen voreingenommen – linke Parteien und der Aktivismus positionieren sich auf einer Seite, konservative oder rechte Kräfte auf der anderen. Das alles findet oft fern von wissenschaftlichen Erkenntnissen statt. Es wird zum Beispiel häufig behauptet, es sei zu zeitaufwendig und komplex, Texte inklusiv zu formulieren. Die Daten zeichnen aber, zumindest für das Deutsche, ein anderes Bild. Auch das Argument der Lesbarkeit wird für das Deutsche wissenschaftlich widerlegt: Es gibt kaum bis keine Evidenz dafür, dass genderinklusiver Sprachgebrauch die Verständlichkeit beeinträchtigt.
Für das Italienische hat 2024 eine Umfrage gezeigt, dass italienische Studierende das Schwa als ein nachvollziehbares und verständliches Mittel sprachlicher Inklusion wahrnehmen. Wir brauchen aber noch viel mehr Forschung zu diesem Thema, auch in Bezug auf die Frage der Nutzung und der Akzeptanz genderinklusiver Sprache seitens verschiedenen Zielgruppen.
Im Deutschen gab es historisch weibliche Formen, die im Laufe der Zeit aus dem Gebrauch gekommen sind – beispielsweise „Gästin“. Kann man so etwas auch für Italien feststellen?
Chiocchetti: Ja, es gibt sogar sehr viele Beispiele. Michele A. Cortelazzo hat für eine ganze Reihe heute diskutierter weiblicher Bezeichnungen – „direttrice d’orchestra” (Dirigentin), „avvocata” (Anwältin), „deputata“ (Abgeordnete), „architetta“ (Architektin) usw. – gezeigt, dass sie über Jahrhunderte hinweg in Gebrauch waren. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde beispielsweise „deputata“ in den italienischen Zeitungen ganz selbstverständlich verwendet. Einen auffälligen Rückschritt gibt es ab den 1970er Jahren: Da muss „deputata“ plötzlich „deputato“ weichen. Wie auch Cortelazzo unterstreicht: In dem Moment, wo Frauen in immer größerer Zahl prestigeträchtige Positionen einnahmen, wurde es plötzlich zum Problem, sie sprachlich sichtbar zu machen. Und als dann in jüngerer Zeit die Forderung nach weiblichen Bezeichnungen auftauchte, hieß es: Das klingt seltsam. Aber wenn „monaca“ (Nonne) und „infermiera“ (Krankenschwester) nicht seltsam klingen, warum dann „sindaca“ (Bürgermeisterin) oder „ingegnera“ (Ingenieurin)?
„Richtlinien auf Schreibtische zu knallen und zu sagen: ‚Macht das in Zukunft so‘ – das funktioniert nicht.“
Elena Chiocchetti
Also alles nur eine Frage der Gewohnheit?
Corain: „Sindaca“ ist dafür ein gutes Beispiel. Als in meiner Heimatstadt Turin 2016 Chiara Appendino zur Bürgermeisterin gewählt wurde, gab es in der Stadt lebhafte Debatten, ob sie „sindaca“ oder „sindaco“ genannt werden solle. Zehn Jahre später ist „sindaca“ normaler Sprachgebrauch. Die große Bedeutung der Gewohnheit bestätigen auch Studien: Je häufiger genderinklusive Sprache genutzt wird, desto „automatischer“ wird das Gendern.
Chiocchetti: „L’abitudine fa la sindaca e l’avvocata“ – dieser Titel eines Aufsatzes von Fabiana Fusco bringt es schön auf den Punkt: Übung macht die Bürgermeisterin und Anwältin. Wer diese Formen oft genug sieht, verwendet sie irgendwann ganz selbstverständlich. Für wichtig halte ich auch Kurse, die die verschiedenen Möglichkeiten genderinklusiven Formulierens vermitteln. Richtlinien auf Schreibtische zu knallen und zu sagen: „Macht das in Zukunft so“ – das funktioniert nicht.
Corain: Wenn Menschen das Gefühl haben, sie werden zum Gendern verpflichtet, reagieren sie oft mit Ablehnung. Dabei geht es nicht darum, immer und bei jedem Anlass zu gendern. Worum es geht, ist Möglichkeiten zu haben, der Vielfalt unserer Gesellschaft sprachlich gerecht zu werden.


