Fliegende Juwelen, sensible Spezialisten
Erstmals wurde die Libellenfauna Südtirols flächendeckend und höhenübergreifend untersucht – mit einer wichtigen Erkenntnis für den Artenschutz in Zeiten des Klimawandels.
Im Juli vor zwei Jahren erhob der junge Biologe Felix Puff Libellen am Kalterer See, als er für einen Moment lang seinen Augen nicht traute. Ein violettes Exemplar? Unmöglich, nicht hier. Oder doch? Puff gelang ein Foto aus ein paar Metern Entfernung: Die Libelle auf dem Bild konnte der Violette Sonnenzeiger sein, doch ganz sicher war er sich nicht. Die Art ist ursprünglich in Afrika zuhause, befindet sich aber seit Jahrzehnten auf dem Weg nach Norden – Teil einer großen Ausdehnungswelle im Zuge der Erwärmung, die afrikanische Libellen in Spanien und Italien heimisch werden ließ, und mediterrane in Deutschland. Die Po-Ebene erreichte der Sonnenzeiger 2017; mittlerweile ist er dort schon weit verbreitet. In Südtirol aber war er vor 2023 noch nie gesichtet worden.
Der August brachte Gewissheit: Die Sonnenzeiger schwirrten zu Hunderten um den Kalterer See. Im Jahr darauf waren sie verschwunden – „vielleicht haben die Larven den Winter nicht überdauert“, sagt Puff. „Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis der See warm genug ist, eine Ganzjahrespopulation zu beherbergen. Dann gibt es diese Libelle vom Kongo bis Kaltern.“ Möglicherweise werden die afrikanischen Neuankömmlinge sich zu einer bedrohlichen Konkurrenz für einheimische Arten entwickeln – aber wunderbar anzusehen sind die leuchtenden Schönheiten.

Der Violette Sonnenzeiger, eigentlich eine afrikanische Art, profitiert vom Klimawandel und breitet sich seit Jahrzehnten Richtung Norden aus.

Die Große Pechlibelle ist relativ anspruchslos und deshalb sehr verbreitet. Diese wurde am Teich von Eurac Research fotografiert, eines von 13 untersuchten künstlichen Gewässern.

Die Kleine Binsenjungfer galt in Südtirol als verschollen – dann entdeckte Felix Puff 2023 am Vigil Joch dieses einzelne Weibchen.
Wer auch nur wenig über Libellen (Odonata) weiß, muss sie faszinierend finden. Sie schimmern wie Juwelen im Sonnenlicht, sind meisterhafte Flieger, die es auf Geschwindigkeiten bis zu 50 Kilometern pro Stunde bringen, abrupt stoppen und sogar rückwärts manövrieren können und ihre vier Flügel unabhängig voneinander steuern. Dank der akrobatischen Flugkünste sind sie elegante Jägerinnen – sie fressen nur Fleisch, erbeuten Mücken, Fliegen und Schmetterlinge, aber auch ihre kleineren Verwandten. Ihre Vorfahren surrten schon zur Zeit der Dinosaurier durch die Luft, damals mit Flügelspannweiten von bis zu 70 Zentimetern. „Bevor die Naturbeobachtung wissenschaftlich wurde, verkörperten Libellen für die Menschen Wassergeister“, erzählt Puff. „Die Verbindung zur Mythologie sieht man noch an den Namen der Arten: ‚Jungfern‘, das sind die griechischen Wassernymphen.“
Ihre Vorfahren surrten schon zur Zeit der Dinosaurier durch die Luft.
Einst häufige Arten sind rar geworden – aber es gab auch ein Comeback.

Die einst häufige Blauflügel-Prachtlibelle lebt in Südtirol nur noch in zwei Gewässern. Das Bild zeigt den Akt der Paarung, bei dem Männchen und Weibchen ein „Rad“ bilden.

Die Gebänderte Prachtlibelle war sehr selten geworden – und erlebte ein Comeback: Entlang der Bewässerungsgräben des Etschtals sieht man sie wieder häufig.
Schon bevor Puff sich wissenschaftlich mit Libellen befasste, waren sie sein „Hobby“. Neben der Ästhetik („es gibt keine Libelle, die nicht schön ist“), gefällt ihm ihre starke Bindung an ein Habitat: „Selbst wenn ein See und ein Moor dicht beieinander liegen, beheimaten sie völlig unterschiedliche Libellengesellschaften. Die Tiere können zehn Kilometer weit fliegen, aber sie bleiben dem Habitat treu, das ihre Larven brauchen. Das ist fast wie bei Meeresschildkröten – die durchqueren Ozeane, kehren aber zum Eierlegen immer an denselben Strand zurück.“
Während seines Studiums machte Puff ein Praktikum beim Biodiversitätsmonitoring Südtirol (BMS), und so entstand die Idee einer standardisierten Erhebung von Libellengemeinschaften in der ganzen Provinz, die er in Zusammenarbeit mit dem BMS und unter der Supervision von Christian Schulze, Professor an der Universität Wien, umsetzte. Die Standorte der Untersuchung umfassen Höhen von 215 bis 2450 Meter, 28 sind natürliche, 13 künstliche Gewässer.
Puff erfasste die Arten und die Häufigkeit ihres Vorkommens im Feld, und kombinierte die Ergebnisse mit den Merkmalen der jeweiligen Spezies; so zeichnet die Untersuchung ein detailliertes Bild, wie Habitatbedingungen und funktionelle Eigenschaften zusammenhängen. Bei den Großlibellen beispielweise wird mit zunehmender Meereshöhe die Färbung dunkler und die Körpergröße nimmt zu – beides eine Anpassung an kältere Bedingungen, weil die Insekten dadurch mehr Licht absorbieren und mehr Wärme speichern können. Kleinlibellen dagegen kennen solche Anpassungen nicht, weshalb sie in kälteren, alpinen Habitaten seltener werden. Diese Ergebnisse bestätigen Beobachtungen, die in Untersuchungen auf kontinentaler Ebene gemacht wurden – in kalten Weltgegenden sind Libellen dunkler, um besser Wärme aufzunehmen, in warmen Gebieten heller, um nicht zu überhitzen. Gleichzeitig ist dies die erste Studie, die diese Trends auch auf lokaler Ebene entlang eines alpinen Höhengradienten nachweist.


