Mit einfachen Worten
Über die Einfache Sprache
Im vergangenen Frühling wollte ich ein neues Bankkonto eröffnen. Dabei kam mir ein Formular zum Datenschutz unter, in dem die Kästchen bereits angekreuzt waren. Meine Nachfrage, ob sie alle verpflichtend notwendig wären, öffnete die Büchse der Pandora. Lange Rede, kurzer Sinn: Nach mehreren Treffen und zahlreichen E-Mails konnte mir versichert werden, dass meine Zustimmung tatsächlich in allen Fällen erforderlich war – und dass der Text dermaßen unklar formuliert war, dass er überarbeitet werden müsste. Eine Ressourcenverschwendung von mehreren hundert Euro, mindestens, wegen ein paar schlecht geschriebener Sätze.
Der Preis unklarer Texte
Die italienischen Wirtschaftswebsite Lavoce.it veröffentlichte eine Einschätzung, wonach das BIP um fast 5 Prozent höher wäre, wenn alle Gesetze in Italien so klar formuliert wären wie die Verfassung. Es wurde untersucht, inwieweit die Rechtsunsicherheit die Investitionen von Unternehmen verringert und damit die Produktivität des Landes bremst – dabei stellten die Ökonomen fest, dass diese Rechtsunsicherheit oft durch wirre Formulierungen entsteht.
In die gleiche Kerbe schlägt ein Fazit aus einem ganz anderen Kontext: Die Veterans Benefits Administration, eine US-Behörde des Kriegsveteranenministeriums, startete in den 1990er Jahren die Studie „Writing for Real People”. Sie vereinfachten eine Reihe von Briefen und zählten dann, um wie viel sich die telefonischen Nachfragen reduzierten: Die Zahl sank um mehr als das Fünffache von etwa 1.110 auf 200.
„Einfache Sprache birgt wirtschaftliches Potential. Beim Energieunternehmen Enel gingen die Klarstellungsanfragen um 60 Prozent zurück, nachdem wir seine Verträge in eine klarere Sprache umformuliert hatten.”
Lorenzo Carpanè
Lorenzo Carpanè – er unterrichtet Italienisch an der Fakultät für Ingenieurwesen der Freien Universität Bozen und arbeitet für die Beratungsagentur Palestra della scrittura – bringt es auf den Punkt: „Einfache Sprache birgt wirtschaftliches Potential”. Zu einem der wichtigsten Kunden der Agentur zählt das Energieunternehmen Enel: Nachdem sie seine Verträge in eine klarere Sprache umformuliert hatte, gingen die Klarstellungsanfragen um 60 Prozent zurück. Auch Vodafone hat sie aus dem gleichen Grund engagiert – um Ressourcen zu sparen.
„Aber es geht nicht nur um den wirtschaftlichen Vorteil“, unterstreicht Carpanè. „Plain Language wurde entwickelt, um die Bürgerrechte zu fördern, indem zum Beispiel der Zugang zu Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung, von Banken oder Versicherungen erleichtert wird. Begonnen hat damit die US-amerikanische Verbraucherbewegung in den 70er Jahren. Heute braucht es vor allem politisches und institutionelles Engagement.“
Was ist Einfache Sprache, und wie schreibt man klare Texte?
In den 90er Jahren forderte der damalige US-Präsident Bill Clinton im Memorandum on Plain Language in Government Writing die Bundesbehörden auf, eine klare Sprache zu verwenden. Neuseeland und verschiedene nordeuropäische Länder zogen im Laufe der Zeit nach – Südafrika sogar mit einem Verweis in der Verfassung. In Italien reagierte als erstes die Versicherungsaufsichtsbehörde IVASS auf die europäischen Vorgaben. Während die Einfache Sprache zu einem eigenen sprachwissenschaftlichen Forschungsgebiet wurde.
Am wichtigsten ist es, klar vor Augen zu haben, was man wem mitteilen will, seine Gedanken zu ordnen und sie ohne überflüssige Ergänzungen aufzuschreiben – mit einfachen Worten.
Bis heute gibt es keine allgemein anerkannte Definition für Plain Language oder Einfache Sprache (nicht zu verwechseln mit der Leichten Sprache – siehe Box –, die sich grundsätzlich an Menschen mit Leseschwierigkeiten oder geistigen Behinderungen richtet). Leichter fällt zu sagen, was Einfache Sprache nicht ist – im italienischen Schreibratgeber I Quaderni del MDS finden wir folgende Erklärung: Plain Language ist das Gegenteil der Sprache der Bürokratie und ihren nächsten Verwandten, der Sprache der Unternehmen, der Politik, der Gewerkschaften.
Leitlinien zur Verwendung der Einfachen Sprache gibt es vom Deutschen Institut für Normung, der internationalen Normungsorganisation ISO und auch die Europäischen Kommission hat Empfehlungen veröffentlicht: Sätze mit maximal 15 Wörtern im Deutschen (25-30 im Italienischen), keine unnötigen Nebensätze, eine einfache Grafik... Am wichtigsten ist es, klar vor Augen zu haben, was man wem mitteilen will, seine Gedanken zu ordnen und sie ohne überflüssige Ergänzungen aufzuschreiben – mit einfachen Worten.
Leichte Sprache
„Ich bin Mitglied des Vereins Plain Language International. Er hat untersucht, welche Aspekte von den ISO-Normen betroffen sind, und dabei festgestellt, dass es nur in sieben Prozent der Fälle um den Wortschatz geht. Die meisten Verständnisschwierigkeiten kommen also von anderswo“, erklärt Carpanè. „Beispielsweise brauchen Top-Manager, die zwanzig Auditberichte lesen müssen, bestimmt kein Glossar mit Fachbegriffen. Aber ein verschachtelter, im Blocksatz ausgerichteter Text mit endlosen Sätzen kann sie durchaus in Schwierigkeiten bringen. Mir ist ein Berufungsschreiben in die Hände gefallen und ich denke, wie der arme Richter oder die arme Richterin die Sätze mit jeweils über 120 Wörtern entwirren muss.“
„Es ist alles andere als einfach, die Verständlichkeit eines Textes zu messen“, pflichtet ihm die Linguistin Elena Chiocchetti von Eurac Research bei. „Für die italienische Sprache gibt es quantitative Indikatoren wie GULPEASE von der Universität Sapienza in Rom, oder READ-IT und Profiling-UD vom Nationalen Forschungsrat CNR, die die Lesbarkeit eines Textes numerisch einstufen. Aber lesbar ist nicht gleich verständlich. Um Inhalte wirklich gut zu erklären, müssen wir manchmal umschreiben, verdeutlichen, reduzieren, ergänzen und vieles mehr, um die Leser und Leserinnen an ihrem Wissensstand abzuholen.“
„Für die italienische Sprache gibt es quantitative Indikatoren, die die Lesbarkeit eines Textes numerisch einstufen. Aber lesbar ist nicht gleich verständlich.“
Elena Chiocchetti
Chiocchetti und ihre Kolleginnen haben an der Vereinfachung der Informationsmaterialien zum Arbeitsschutz gearbeitet und danach einige Auszüge anhand der verfügbaren Indikatoren analysiert. Dabei konnten sie, unter anderem, eine Verbesserung des GULPEASE-Index von 42 auf 53 feststellen – die Schmerzgrenze für Menschen mit höherem Bildungsniveau liegt bei 40. Anschließend empfohlen sie aber auch, die Verständlichkeit der Texte für die Zielgruppe überprüfen zu lassen, „denn in erster Linie müssen wir uns nach den Menschen richten, an die wir uns wenden”, betont Chiocchetti.

Ein Beispiel für einen Text nach den Prinzipien der Plain Language (und der gendergerechten Sprache). In diesem Fall handelt es sich um einen Auszug aus den Informationsmaterialien zum Arbeitsschutz, an denen die Linguistinnen von Eurac Research gearbeitet haben. Hier haben wir zusätzlich auch die Formatierung vereinfacht: In der unteren Version ist der Text linksbündig ausgerichtet und die Schriftzeichen sind besser lesbar.
Credit: Eurac Research„In bestimmten beruflichen Kontexten überwiegt die Überzeugung – oder die Sorge –, dass die Vereinfachung auf Kosten der Präzision geht und einen angreifbar macht – auch wenn eigentlich das Gegenteil der Fall ist. “
Lorenzo Carpanè
Komplexität ist verlockend
Obwohl Sprachkompetenz und Textverständnis nachweislich rückläufig sind, werden schwierige Texte, wie Regelwerke, Verträge und Verwaltungsformulare, nicht weniger. Vielmehr vergrößert sich die Kluft zur Alltagssprache weiter.
„In bestimmten beruflichen Kontexten überwiegt die Überzeugung – oder die Sorge –, dass die Vereinfachung auf Kosten der Präzision geht und einen angreifbar macht – auch wenn eigentlich das Gegenteil der Fall ist. Und vor allem herrscht die Vorstellung, dass man seine Autorität und sein Wissen bei Gleichgestellten nur durch einen bestimmten Ton behaupten kann“, argumentiert Carpanè.
Chiocchetti erzählt folgende Anekdote. Am Ende einer Vorlesungsreihe zur Vereinfachung der Rechtssprache an der Universität Trient fragte eine junge Studentin: „Wir haben jahrelang mühsam gelernt, komplizierte Formulierungen wie echte Juristen zu verwenden, und jetzt verlangen Sie von uns, das alles über Bord zu werfen?“
„Sie hatte nicht ganz Unrecht“, kommentiert Chiocchetti. „Es mag paradox klingen, aber das eine schließt das andere nicht aus. Die echte Fähigkeit liegt darin, das eigene Sprachregister je nach Kontext anpassen zu können. Unter Fachleuten ist es absolut wichtig, die Sprache der Eingeweihten zu beherrschen, aber es ist auch ein Zeichen der Kompetenz, eine Vorschrift auf einfache Weise zu erklären zu können, wenn das Gegenüber nicht über die gleichen juristischen Kenntnisse verfügt.“
Im Grunde geht es immer um eine wirksame Kommunikation: Fehlen fundiertes Fachwissen und die klare Vorstellung darüber, was man wem mitteilen möchte, bringt es wenig, über Register, Tonfall und Stil zu sprechen. Der italienische Designer Bruno Munari schrieb: „Verkomplizieren ist einfach, vereinfachen ist schwer... Wenn man etwas in wenigen Worten nicht sagen kann, reichen auch viele Worte nicht.“


