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Das große Zukunftsszenario für Europas Wälder

Eine Pionierstudie sagt bis zum Ende des Jahrhunderts zunehmend mehr Brände, Schädlinge und Stürme voraus – und quantifiziert die Störungen erstmals flächendeckend.

Credit: Adobe Stock | am | All rights reserved

Ein internationales Forschungskonsortium, an dem auch Eurac Research beteiligt ist, entwickelte ein bislang einzigartiges forstliches Modellierungssystem. Möglich wurde die Untersuchung durch die große Menge verfügbarer Satellitendaten und einen innovativen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das Modell berechnet die Wahrscheinlichkeit von Waldstörungen auf 185 Millionen Hektar Waldfläche in Europa – mit einer räumlichen Auflösung von 100 Quadratmetern. Für die Projektionen wurde ein sogenanntes Meta-Modell lokalen Ergebnissen trainiert: mehr als eine Million Simulationen aus 13.600 Wäldern – die umfassendste Sammlung forstlicher Simulationen in Europa. Darunter auch jene unseres Forschers Marco Mina, Mitautor der Studie.

Wir haben mit ihm über die Bedeutung dieses Meilensteins in seiner Forschung gesprochen, und darüber, wie Europas Wälder in Zukunft aussehen könnten und welche Folgen das für uns hat.

 

2025 war das schlimmste Waldbrandjahr in Europa seit zwanzig Jahren. Betroffen waren unter anderem Spanien, Portugal, Griechenland und Italien, und die Zukunft der Wälder scheint alles andere als rosig. Was sind die zentralen Ergebnisse eurer Studie?

Marco Mina: Die Studie bestätigt – nun mit belastbaren Zahlen – eine viel zitierte wissenschaftliche Übersicht aus dem Jahr 2017. Damals wurde bereits ein Anstieg natürlicher Störungen infolge des Klimawandels vermutet. Es war jedoch eine reine Literaturübersicht, und es fehlte eine konkrete Quantifizierung der direkten und indirekten Auswirkungen auf das gewaltige europäische Waldareal von 185 Millionen Hektar.

Nun liegt diese Quantifizierung vor: Der Klimawandel wird die Mortalität in Europas Wäldern deutlich erhöhen – weil natürliche Störungen zunehmen und intensiver werden. Die Studie identifiziert zudem sogenannte Hotspots, also Regionen mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit für Brände, Insektenbefall oder – etwas ungenauer – Sturmschäden.

 

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Ein vom Borkenkäfer befallener Wald in Val Calamento, TrentinoCredit: Eurac Research | Marco Mina
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Großbrand im Vinschgau im April 2025Credit: Vigili del Fuoco Bolzano | All rights reserved
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Die Gebiete, die nach der strengsten Klimaprognose am stärksten von zunehmenden natürlichen Störungen betroffen sein werdenCredit: All rights reserved

Insgesamt werden die natürlichen Störungen fast überall zunehmen. Das düsterste Klimaszenario des Intergovernmental Panel on Climate Change sieht vorher, dass sich die von Bränden, Stürmen und Insektenbefall betroffene Fläche gegenüber der jüngeren Vergangenheit mehr als verdoppeln wird (+122 %). Besonders stark zunehmen werden Waldbrände, vor allem im Mittelmeerraum. Doch Hotspots finden sich in ganz Europa: Auch in den Alpen, in Süd-Finnland und in Deutschland wird ein Anstieg von Bränden erwartet. Außerdem können wir jetzt erstmals quantifizieren, wie sich Störungen gegenseitig verstärken: Nach einem Sturm steigt in den Folgejahren die Wahrscheinlichkeit für Insektenbefall. Bei uns in den Alpen war dies nach dem Sturm Vaia deutlich zu beobachten, als eine massive Borkenkäfer-Epidemie folgte.

Heißt das, dass die Wälder Europas kleiner werden oder gar verschwinden?

Mina: Nicht zwangsläufig, aber die Wälder werden anders aussehen als heute und das hat direkte Folgen auch für uns Menschen. Künftig werden die Wälder im Durchschnitt jünger sein, da abgestorbene Bäume durch neue ersetzt werden. Das hat Konsequenzen: Auf Berghängen bieten frisch regenerierte Wälder beispielsweise wenig oder keinen Schutz vor Erdrutschen, Steinschlag oder Lawinen.

Jüngere Wälder benötigen zudem deutlich mehr Zeit, um Kohlenstoff im Waldboden zu speichern als reife Bestände. Wenn man dies mit der Zunahme von Bränden und der damit verbundenen plötzlichen Freisetzung von CO₂ zusammendenkt, gerät die wichtige Klimaschutzfunktion der Wälder ins Wanken.

Hinzu kommt die unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung, wenn Waldbrände in der Nähe von bewohnten Gebieten auftreten.

„Das düsterste Klimaszenario sieht vorher, dass sich die von Bränden, Stürmen und Insektenbefall betroffene Fläche mehr als verdoppeln wird.“

Marco Mina, Forstwissenschaftler

Diese Art von Studie ist nur durch den hochspezialisierten Einsatz von Machine Learning und KI möglich. Wie können wir uns das vorstellen?

Mina: Die Studie basiert auf einem neuartigen, KI-gestützten Meta-Modell, das mit Hunderttausenden Simulationen aus europäischen Wäldern kalibriert wurde. Die Zahlen sind beeindruckend: Insgesamt wurden dem Modell Simulationsergebnisse mit einer Gesamtlaufzeit von 135 Millionen simulierten Jahren eingespeist. Diese stammen aus siebzehn lokal kalibrierten Waldmodellen mit Tausenden Standorten in ganz Europa. Es ist die umfassendste je erstellte forstliche Simulationsgrundlage Europas. Das Meta-Modell hat nicht einfach eine Zusammenfassung bestehender Simulationen erstellt – es hat aus ihnen gelernt und die Modellierung auf ein neues Niveau gehoben, sowohl räumlich als auch zeitlich.

Wie funktioniert forstliche Modellierung?


Man könnte meinen, dass es mit diesen neuen Technologien keine Menschen mehr braucht, die unsere Wälder erforschen …

Mina: Nein, ganz im Gegenteil, die Studie unterstreicht, wie wichtig die Arbeit im Gelände bleibt: Man muss die Ökologie der einzelnen Wälder kennen, und auch die Modellkalibrierung auf lokaler Ebene ist ein zeitintensiver Prozess im Feld.

Ein Modell für ein konkretes Gebiet zu kalibrieren – wie wir es derzeit im Vinschgau machen – dauert rund ein Jahr. Ohne diese präzise, feldbasierte Datengrundlage funktioniert auch das KI-gestützte Modell nicht.

 

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Datenerhebung in einem Südtiroler Wald im Rahmen des Projekts Biodiversity Monitoring SüdtirolCredit: Eurac Research | Andrea De Giovanni
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Datenerhebung in einem Südtiroler Wald im Rahmen des Projekts Biodiversity Monitoring SüdtirolCredit: Eurac Research | Andrea De Giovanni
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Datenerhebung in einem Südtiroler Wald im Rahmen des Projekts Biodiversity Monitoring SüdtirolCredit: Eurac Research | Andrea De Giovanni

Welche Folgen siehst du für den Alpenraum?

Die zentrale Botschaft für ganz Europa lautet: Wenn es nicht gelingt, den Klimawandel einzudämmen, indem wir die Emissionen zurückfahren, werden unsere Wälder zunehmend von Störungen betroffen sein. Es wird immer mehr Waldbrände geben und Schädlinge wie der Borkenkäfer werden sich weiter verbreiten – mit klaren Konsequenzen für die Forstpolitik.

Brände werden auch in der gemäßigten Zone zur neuen Realität und nicht mehr nur im Mittelmeerraum. Diese Entwicklung ist in den Alpen bereits sichtbar. Lange Zeit galt in Südtirol, ebenso wie in den benachbarten Gebieten, ein Waldbrandpräventionsplan als nicht notwendig, da Brände hier immer selten und räumlich begrenzt waren. Doch jüngste Feuer, im Vinschgau teilweise über 100 Hektar groß, sind ein deutliches Warnsignal: Das Störungsregime verändert sich. Inzwischen wird auf lokaler Ebene an entsprechenden Präventionsplänen gearbeitet –etwas, das noch vor wenigen Jahren in einer alpinen Region wie Südtirol kaum vorstellbar gewesen wäre.

 

„Die Maßnahmen, die wir heute treffen, werden den Wäldern in 50 oder 100 Jahren helfen, widerstandsfähiger zu sein.“

Marco Mina

Was bedeutet das für die künftige Waldbewirtschaftung?

Mina: Die Studie gibt keine direkten Handlungsempfehlungen, zeichnet jedoch ein klares Zukunftsbild unserer Wälder. Daraus lassen sich politische und forstliche Konsequenzen ableiten.

Neben Präventionsplänen gegen Brände und Notfallstrategien für andere Störungen wird es notwendig sein, verstärkt in Ausgleichsmaßnahmen zu investieren, wenn Wälder ihre Ökosystemleistungen nicht mehr erbringen können. Beispielsweise müssen dort, wo Wälder ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen, Lawinenverbauungen oder Steinschlagzäune übernehmen.

Forstlich betrachtet braucht es strukturreichere, artenreichere Mischwälder. Reine Fichtenbestände beispielsweise, die in vielen Alpenregionen überwiegen, sind anfälliger für Insektenbefall und Sturmschäden. Mischwälder hingegen sind widerstandsfähiger. Bei Eurac Research haben wir daher ein Projekt gestartet, das in ausgewählten Dolomitengebieten experimentelle Durchforstungen vorsieht, um Fichtenreinbestände langfristig zu diversifizieren.

Solche Veränderungen geschehen nicht von heute auf morgen. Die Umgestaltung eines Waldes hin zu Artenvielfalt und unterschiedlichen Altersklassen dauert Jahrzehnte. Die Maßnahmen, die wir heute treffen, werden den Wäldern in 50 oder 100 Jahren helfen, widerstandsfähiger zu sein. Doch die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Wenn wir nichts verändern – oder weiterhin so wirtschaften wie bisher – werden die Schäden für Wälder und Gesellschaft zunehmen. Eine Entwicklung, die wir durch den Klimawandel selbst mitverursacht haben.

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