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Im Italienischen regnet‘s ohne Subjekt

Über die Vorteile der Valenzgrammatik im mehrsprachigen Unterricht

Credit: stock.adobe.com | Pawel Filusz | All rights reserved

Die Valenzgrammatik wurde in den 1930er Jahren vom französischen Linguisten Lucien Tesnière erfunden. In Italien hat sich Francesco Sabatini eingehend damit beschäftigt. Das Konzept ist aber nicht sehr verbreitet. Wie kam es zu eurer Begeisterung?
Silvia Parduzzi:
Es war Liebe auf den ersten Blick, an der Uni. Ich habe die Valenzgrammatik dann im Unterricht ausprobiert und... wow! Grammatik ist meine Leidenschaft, und ich habe sofort gemerkt, dass ich mit dieser Methode meine Begeisterung auch auf die Kinder übertragen kann. Mitzuerleben, wie sie lebhaft über ein Verb diskutieren, ist wunderschön. Denn es ist nicht die Lehrerin, die von oben herab die absolute Wahrheit verkündet, es gibt nie nur eine richtige Antwort... Wir diskutieren und schlagen dann im Sabatini-Coletti nach, welche Optionen es dort gibt. (In diesem Wörterbuch werden hinter den Verben in Klammern die sogenannten „Valenzen” angegeben. Es trägt den Namen des italienischen Sprachwissenschaftlers Francesco Sabatini, Anm. d. Red.)

Was ist Valenzgrammatik?


Aber Grammatik ist doch Grammatik – mit all ihren Regeln, oder nicht?
Parduzzi:
Ein Verb benötigt je nach Kontext unterschiedliche Elemente, und Kinder verstehen das sofort. Es ist ein Ansatz des Entdeckens und Nachdenkens. Ich bereite runde rote Kärtchen vor und schreibe die Verben darauf. Im Unterricht heften wir dann mit Wäscheklammern alle Elemente dran, die dazu passen, und versuchen gemeinsam zu verstehen, welche Rolle sie spielen. 

„Ich habe sofort gemerkt, dass ich mit dieser Methode meine Begeisterung für die Grammatik auch auf die Kinder übertragen kann.“

Silvia Parduzzi, Grundschullehrerin

Marta Guarda: Mit der Bedeutung eines Satzes zu beginnen und auf die Sinnzusammenhänge zu setzen, anstatt die grammatikalischen Einheiten zu erklären, ist eine wirksame Methode, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu wecken. Aber der große Mehrwert der Valenzgrammatik ist meiner Meinung nach ihr demokratischer Charakter. Sobald man den Mechanismus verstanden hat, fallen einem ganz spontan Vergleiche mit anderen Kontexten und anderen Sprachen ein. Es ist eine inklusive Methode.

Funktioniert das in der Praxis wirklich?
Parduzzi:
Auf jeden Fall. Als wir im Unterricht (Italienischunterricht, Anm. d. Red.) das interessante Phänomen der nullwertigen atmosphärischen Verben kennengelernt haben (piove, nevica, tuona, Anm. d. Red.), hat ein Junge die Hand gehoben und gesagt: „Frau Lehrerin, aber in Deutsch braucht man doch ein Subjekt.“  Und so entstand ganz natürlich und spontan ein Vergleich mit den Sprachen, die die Kinder schon kannten. Sie begannen mit Deutsch und Englisch, die sie auch in der Schule lernen, und kamen dann zu den unterschiedlichsten Sprachen, die sie Hause sprechen.

„Der große Mehrwert der Valenzgrammatik, ist meiner Meinung nach ihr demokratischer Charakter.“

Marta Guarda, Sprachwissenschaftlerin

Ihr beide habt zusammen mit anderen Kolleginnen an einem Projekt zur Unterstützung des mehrsprachigen Unterrichts mitgearbeitet.
Guarda:
Wir haben Lerneinheiten erstellt, mit Aktivitäten, die Lehrpersonen im Unterricht anwenden können. Sie stehen kostenlos online zur Verfügung. Eine dieser Einheiten (Sie ist in italienischer Sprache verfügbar, Anm. d. Red.) widmet sich der Valenzgrammatik und umfasst unter anderem ein Brettspiel, eine Modenschau der Verben und ein Origami-Rätsel. Als sehr wertvoll erlebten wir im Hinblick auf die Inklusion die Zusammenarbeit mit den Familien.
Parduzzi: Die Kinder haben alles selbst gemacht: Sie haben zu Hause erklärt, wie die Valenzgrammatik funktioniert, und sich dann dabei helfen lassen, die verschiedenen Sprachen miteinander zu vergleichen. Als wir diese Materialien getestet haben, waren das Portugiesisch, Arabisch, Polnisch und Albanisch. Ich spreche keine dieser Sprachen, aber die Kinder haben erfolgreich und mit Begeisterung mit ihren Familien gearbeitet.

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Nachdem sie zu Hause erklärt hatten, wie die Valenzgrammatik funktioniert, ließen sich die Kinder dabei helfen, die Vergleiche auf die in der Familie gesprochenen Sprachen auszuweiten. Hier ein Beispiel für eine Ähnlichkeit: Im italienischen Satz „Sofia cammina” ist das Verb „camminare” (gehen) einwertig. Genau wie im Arabischen, denn das Verb تَمَشَّى - „tamshi” - benötigt nur eine Ergänzung, in diesem Fall das Subjekt صوفيا - „Sufia”.

Credit: Eurac Research

„Wenn wir die Schule für das Wissen öffnen, das jeder einzelne mitbringt, wird sich jede Person wertgeschätzt fühlen und vielleicht stärker an den verschiedenen Initiativen teilnehmen, weil sie sich als Partner anerkannt fühlt.“

Marta Guarda, Sprachwissenschaftlerin

Also hat sich dieses Experiment über die spezifische Übung hinaus positiv auf die Beziehungen zu den Familien ausgewirkt.
Parduzzi:
Ich erinnere mich an eine Mutter, die mich immer wieder fragte: „Kann ich meinem Sohn Arabisch beibringen? Behindert das nicht das Schreiben in Schreibschrift?“ Gerade diese Aktivität hat gezeigt, dass jede Sprache, die man beherrscht, eine absolute Bereicherung ist: Es wird sogar einfacher die Sprachen zu lernen, die in der Schule unterrichtet werden. Und so fühlten sich gerade jene Eltern ernst genommen, die vielleicht weniger in die Klassengemeinschaft eingebunden waren, weil sie kaum italienisch sprechen. Sie nahmen die Aufgabe wirklich ernst.
Guarda: In Ländern mit kolonialer Vergangenheit spricht man seit einiger Zeit von epistemischer Gerechtigkeit, also Formen der Gerechtigkeit, die dem Wissensschatz der kolonialisierten Bevölkerungen, darunter auch den Sprachen, eine Stimme geben. Wenn wir dieses Konzept auf alle marginalisierten Gruppen ausweiten, kann man auch in unserem Fall von epistemischer Gerechtigkeit sprechen: Wenn wir die Schule für das Wissen öffnen, das jeder einzelne mitbringt, wird sich jede Person wertgeschätzt fühlen und vielleicht stärker an den verschiedenen Initiativen teilnehmen, weil sie sich als Partner anerkannt fühlt.

„Sobald die Kinder den Mechanismus verstanden haben, ist das Auswendiglernen einer Bezeichnung zweitrangig.”

Silvia Parduzzi, Grundschullehrerin

Wenn die Vorteile so offensichtlich sind, warum hat die Valenzgrammatik dann die klassischen Methoden nicht verdrängt?
Guarda
: Lehrpersonen neigen dazu, die Methoden zu wiederholen, mit denen sie selbst sozialisiert wurden. In diesem Fall ist ein großer Perspektivenwechsel erforderlich.
Parduzzi: Außerdem bereitet die Valenzgrammatik vielen Kollegen Schwierigkeiten, weil sie nicht eindeutig und nicht absolut ist. Manche sagen: „Eh, aber ich wüsste hier nicht, was ich sagen soll”. Sie tun sich schwer, mit der Unsicherheit zu leben.
Guarda: Wenn sich jemand allerdings für diesen Weg entscheidet, gibt es in der Regel kein Zurück mehr. Eine deiner Kolleginnen, die Deutsch unterrichtet, hielt es zunächst für eine Komplikation. Aber dann war sie begeistert, weil die Kinder durch diesen Ansatz, der auf dem logischem Denken basiert, die Fälle der deutschen Grammatik viel leichter, fast intuitiv verstanden haben.  

Also gibt es keine Nachteile?
Parduzzi:
Abgesehen davon, dass es keine speziellen Lehrbücher gibt, habe ich gelegentlich Bedenken, was damit zusammenhängt, dass ich mit dieser Methode keine Begrifflichkeiten unterrichte: Subjekt, Prädikat, Objekt und so weiter. Wenn ich diese Kinder in die Mittelschule entlasse, werden sie sich dann all die Bezeichnungen merken können, die ihre Gleichaltrigen, die nach der traditionellen Methode gelernt haben, bereits verinnerlicht haben? Aber dann beruhige ich mich selbst: Sobald sie den Mechanismus verstanden haben, ist das Auswendiglernen einer Bezeichnung zweitrangig.

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