Wasser als Frage der Gemeinschaft
Stefano Terzi, welche Spannungen entstehen heute im Zusammenhang mit dem Wassermanagement?
Wenn Wasserknappheit herrscht, treten bereits bestehende Spannungen deutlicher zutage und verschärfen sich. Jeder will sich seinen Anteil sichern. Ganz anders sieht die Situation dagegen bei Überschwemmungen aus, wo große Solidarität zu beobachten ist. Aus jüngster Zeit fallen mir etwa die Menschen in der Romagna ein, die nach den Überflutungen den Schlamm von den Straßen schaufelten; oder ich denke an die Entscheidung im Trentino, trotz der Folgen für die Ökosysteme des Gardasees den Etsch-Gardasee-Tunnel zu öffnen, um Überschwemmungen in der Region Verona zu vermeiden. Ist hingegen zu wenig Wasser vorhanden, droht die Großzügigkeit zu verschwinden. Das klassische Beispiel für Spannungen rund um das Wasser ist die Beziehung zwischen Berg und Ebene. Die Menschen flussaufwärts werfen jenen flussabwärts vor, das Wasser nicht effizient zu nutzen. Wer in der Ebene lebt dagegen klagt, dass die Nutzer am Oberlauf die gemeinsame Ressource nicht teilen wollen.
Außerdem ist Wasser für viele verschiedene Bereiche wichtig: Landwirtschaft, Stromerzeugung, Schutz der Ökosysteme, Trinkwasserversorgung. Ein Aspekt, der insbesondere in Südtirol noch nicht vollständig untersucht wurde, ist der enorme Druck, den der Tourismus auf die Wasserressourcen ausübt, insbesondere der Luxustourismus mit Thermen, Schwimmbädern und Spas.
Dazu kommt jetzt der Klimawandel. Er wird die Ungleichheit zwischen denen, die weiterhin Zugang zu großen Mengen Wasser haben, und denen, die – vielleicht weiter flussabwärts – stärker von Wassermangel betroffen sein werden, noch weiter verschärfen.
"Wenn Wasserknappheit herrscht, will sich jeder seinen Anteil sichern. Bei Überschwemmungen dagegen sieht man große Solidarität.”"
Stefano Terzi
Heute verfügen wir über hochentwickelte Technologien und Überwachungsinstrumente. Kann dies zu einem effizienteren Wasserverbrauch beitragen?
Es ist sinnvoll, den steigenden Verbrauch mit technologischen Lösungen auszugleichen, aber tatsächlich versucht unsere Gesellschaft den Wasserverbrauch vor allem zu optimieren, um den Gewinn zu steigern. Studien zu Griechenland, Südafrika und Kalifornien zeigen, wie wir uns bemühen, das Wasserangebot zu erhöhen – etwa durch neue Stauseen, neue Dämme, künstliche Seen –, aber der Steuerung der Nachfrage viel weniger Aufmerksamkeit widmen. Paradoxerweise wiegt sich unsere Gesellschaft also dank neuer Stauseen und künstlicher Seen in Sicherheit und verbraucht noch mehr Wasser, wodurch sich die Differenz zwischen Wasserangebot und -nachfrage noch weiter verringert, wir also im Falle künftiger Dürren noch größeren Risiken ausgesetzt sind.
Ein Aspekt, der aus meiner Sicht nicht ausreichend beachtet wird, ist die Frage, welche Richtung wir als Gemeinschaft einschlagen wollen. Es wird viel über den Klimawandel geredet, doch die sozioökonomischen Faktoren, die zu einer möglichen Krisensituation beitragen, erhalten zu wenig Aufmerksamkeit: Unser Streben, das Wasserangebot zu erhöhen, der hohe Verbrauch durch den stetig wachsenden Tourismus oder auch durch die Landwirtschaft, die ebenfalls eine Rolle spielt – vor vierzig Jahren waren die Apfelplantagen weder so ausgedehnt noch so intensiv bewirtschaftet wie heute.
"Dank neuer Stauseen und künstlicher Seen wiegt unsere Gesellschaft sich in Sicherheit und verbraucht noch mehr Wasser."
Stefano Terzi
Kann Knappheit auch ein Anreiz für mehr Zusammenarbeit werden, anstatt für Konflikte zu sorgen?
Sicherlich bringen uns schwierige Umstände dazu, nach Lösungen zu suchen, doch darf die Notlage nicht als Vorwand dienen, um kurzfristige Lösungen durchzusetzen, die nur wenigen zugutekommen. Ein Beispiel für wirksame Kooperation sind die Flussverträge, die auf freiwilliger Basis öffentliche und private Akteure in die Bewirtschaftung von Gewässern und Flussgebieten einbeziehen. Mit einem partizipativen Ansatz sorgt man gemeinsam für ein Gemeingut, auch durch konkrete Maßnahmen wie Ufersanierungen, die Entfernung invasiver Arten, die Befestigung von erodierten Stellen …
Das Einzugsgebiet der Etsch ist jedoch zu groß, um eine solche Lösung in Betracht zu ziehen. Ein Schritt in Richtung einer stärkeren Zusammenarbeit war die Adige Water Fair, die wir im Mai 2025 organisierten, und die zum ersten Mal alle Akteure zusammenbrachte, die sich von der Quelle bis zur Mündung in unterschiedlicher Weise mit dem Fluss befassen.
Ziel war, ein Gefühl von Gemeinschaft zu schaffen, bevor die Situation kritisch wird, solange man sich noch in Ruhe und ohne übermäßigen Druck austauschen kann. Wer haben versucht, alle miteinander bekannt zu machen: Fachleute aus der Landwirtschaft mit jenen aus dem Wasserkraftsektor, Menschen, die flussaufwärts leben mit denen vom Unterlauf…. Einige kannten sich bereits, aber wir haben den Kreis erweitert.
Wie war die Resonanz?
Die Resonanz war gut, wir hatten mehr als 130 Teilnehmende. Indem wir eine echte Messe und nicht eine wissenschaftliche Konferenz organisiert haben, hatte die Veranstaltung einen „Business-to-Business”-Charakter und wir konnten die Bedürfnisse und Anforderungen aller Beteiligten aufnehmen. So hat uns beispielsweise die Südtiroler Agentur für Bevölkerungsschutz gebeten, sie mit weiteren Analysen und wissenschaftlichen Erkenntnissen beim Risikomanagement in der Provinz zu unterstützen. Es wäre schön, wenn die Adige Water Fair zu einer wiederkehrenden Veranstaltung würde, die alle zwei oder drei Jahre an verschiedenen Orten im Einzugsgebiet der Etsch stattfindet.
Im Anschluss an die Veranstaltung haben wir ein Dokument mit Leitlinien erarbeitet, das alle Anregungen zusammenfasst und eine zukünftige Entwicklungsrichtung aufzeigt.
Können Sie uns schon etwas darüber verraten? Gibt es bereits konkrete Vorschläge?
Wir haben festgegellt, dass die Daten sehr fragmentiert sind. Vor diesem Hintergrund schlagen wir vor, ein zentrales Portal für sämtliche Daten und Modelle einzurichten, sodass sie leicht heruntergeladen und für wissenschaftliche Analysen genutzt werden können. Derzeit sind die Daten zwischen der für das Einzugsgebiet verantwortlichen Behörde und den einzelnen Verwaltungen verstreut. So werden beispielsweise die Daten zur Wasserkraft zwar erhoben, sind jedoch nur eingeschränkt zugänglich, während die Daten zur landwirtschaftlichen Wassernutzung stark fragmentiert und in einigen Fällen gar nicht vorhanden sind.
Auch die wissenschaftliche Forschung entwickelt sich häufig fragmentiert. Allein bei Eurac Research sind wir an rund zehn europäischen Projekten mit Bezug zur Etsch beteiligt; hier wäre eine stärkere Koordination – auch mit anderen Forschungseinrichtungen – nötig. Die Möglichkeit, Daten und Ergebnisse auf einer gemeinsamen Plattform zu teilen, würde es erlauben, Zeit und Ressourcen optimal zu nutzen, um den gemeinsamen Herausforderungen effizienter zu begegnen.


