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Wo es sich gut lebt, macht man auch gerne Urlaub

Die Meinung der Bevölkerung von Wolkenstein über das eigene Dorf

Credit: Wolfgang Moroder | All rights reserved

Federica Maino, Sie haben die Verwaltung von Wolkenstein bei der Ausarbeitung des Gemeindeentwicklungsprogramms unterstützt. Wie hat Ihre Arbeit ausgesehen?

Die Provinz Bozen möchte die nachhaltige und koordinierte Entwicklung des Landes fördern und hat deshalb alle Gemeinden aufgefordert, einen langfristigen Entwicklungsplan zu erstellen, der etwa zehn bis zwanzig Jahre umfasst. Dieses neue urbanistische Instrument soll nicht allein von der Gemeindeverwaltung ausgearbeitet werden, sondern die breitere Öffentlichkeit miteinbeziehen. Verbände, verschiedene Einrichtungen und die Bevölkerung selbst sind aufgefordert mitzumachen. In Wolkenstein bestand meine Aufgabe als Forscherin darin, das Design des partizipativen Prozesses zu definieren, also die verschiedenen Phasen zu organisieren und die Verwaltung im Prozess zu unterstützen, um die Zukunft der Gemeinde zu beschreiben.

Die erste Phase dieses Prozesses war die Befragung der Bevölkerung mittels Fragebogen, der an alle Ansässigen über 16 Jahren gerichtet war. Wir untersuchten vier verschiedene Themen: sozioökonomisches System und Wohnungswesen, Tourismus, Verkehr und Mobilität, Umwelt und Landschaft.

Für die, die Urlaub machen, ist Wolkenstein in Gröden ein idyllischer Ort. Wie ist es für die Menschen, die dort leben?

Die empfinden das auch so. Es herrscht ein hohes Maß an Zufriedenheit. Die Bevölkerung schätzt vor allem die Schönheit der Landschaft. Wir haben die Menschen gefragt, was ihnen einfällt, wenn sie an die Landschaft von Wolkenstein denken, und die häufigsten Antworten waren schön, sauber, einzigartig, Berge, Natur, grün, Wälder und Wiesen.

In diesem positiven Bild tauchen jedoch auch Begriffe wie Verkehr und Lärm auf, die die Nachteile zeigen, die es mit sich bringt, in einem stark vom Tourismus geprägten Gebiet zu leben.

 

 Wie ist die Einstellung der Ansässigen zum Tourismus?

87 Prozent der Befragten erkennen an, dass sich der Tourismus positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfes auswirkt und dass er sowohl Wohlstand und Reichtum bringt, als auch  verhindert, dass Menschen wegziehen, womit viele andere kleine Bergdörfer zu kämpfen haben.

Dieser sehr hohen Zufriedenheit stehen auch weniger positive Bewertungen gegenüber. Sie beziehen sich auf die steigenden Lebenshaltungskosten, den knappen Wohnraum, die Verkehrs- und Lärmbelästigung und die Tatsache, dass man in einer überfüllten Tourismusregion lebt, in der es immer seltener ruhige Zeiten gibt, weil sowohl die Sommer- als auch die Wintersaison länger werden.

Weitere kritische Aspekte für die Bevölkerung sind die Auswirkungen auf die Umwelt und die Landschaft: Zu viel Tourismus wirkt sich auf die empfindlichen Ökosysteme in den Bergen aus. Er bringt auch sozioökonomische Ungleichheiten mit sich, denn einige profitieren sehr stark davon, andere weniger.

Außerdem hat die touristische Ausrichtung des Dorfes seine Entwicklung in den vergangenen Jahren gelenkt und wenig Raum für andere Betriebe, wie das Handwerk, gelassen: eine traditionelle Tätigkeit, die allmählich in den Hintergrund getreten ist. Das Gleiche ist mit der Landwirtschaft und der Viehzucht passiert.

"Ich glaube, es gab das Bedürfnis, die eigene Meinung zu bestimmten Themen zu äußern."

Federica Maino

Im Fragebogen haben Sie auch nach Vorschlägen für die Zukunft gefragt. Sind neue Themen aufgetaucht, die die Bevölkerung vertiefen möchte?

Ja, es haben sich besonders herausfordernde Themen herauskristallisiert, die lokal, aber auch global relevant sind. Die Menschen sind besorgt über den Zustand der Ökosysteme und den Verlust der Artenvielfalt.

In anderen Antworten wurde die Bedeutung des ökologischen Verbunds hervorgehoben; auch das ist ein wichtiges Thema, und es ist nicht selbstverständlich, dass ein kleines Bergdorf es auf den Tisch bringt.

Außerdem wurde der nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen wie Luft, Wasser und Boden betont; einige Personen erwähnten besonders neue Technologien wie die Agri-Photovoltaik.

Viele dieser Themen kamen in den Antworten auf die offenen Fragen auf. Ich war beeindruckt, dass sich so viele Menschen die Zeit genommen haben, auch diesen Teil des Fragebogens auszufüllen, obwohl er schon recht zeitaufwändig war. Ich glaube, es gab das Bedürfnis, die eigene Meinung zu bestimmten Themen zu äußern. Eine Kollegin und ich standen denjenigen zur Verfügung, die den Fragebogen lieber telefonisch als online ausfüllen wollten, und wir erhielten viele Anrufe, besonders von älteren Menschen.

"Wenn es sich an einem Ort gut lebt, wird man dort auch gern Urlaub machen."

Federica Maino

Sie haben mehrere Lokalentwicklungsprojekte geleitet. In Seren del Grappa in Venetien und in Tre Ville im Trentino war der Tourismus einer der Sektoren, auf den man setzen sollte. Müsste man ihn in Wolkenstein in Gröden hingegen eindämmen? 

Ich würde sagen, man muss umdenken. Jedes Gebiet ist anders und muss immer in seiner Gesamtheit gesehen werden, um Zukunftsentscheidungen zu treffen. Unser Ansatz ist es, immer von den Charakteristiken des Gebietes auszugehen, davon, was die Menschen wollen, die dort leben, und nachhaltig zu denken. Es gibt kein Rezept, aber der gemeinsame Nenner der Projekte ist es, das Gebiet als Ökosystem zu betrachten und all seine Ressourcen zu berücksichtigen. Wenn die Entwicklung nur in eine Richtung geht, zum Beispiel in Richtung Tourismus, wird das Gebiet anfälliger und ist weniger in der Lage, kritische Situationen zu meistern. Wir haben es während der Pandemie gesehen. Um ein Gebiet widerstandsfähiger zu machen, ist es also wichtig, sich auf eine ausgewogene, ganzheitliche Entwicklung zu konzentrieren, die keine Sektoren ausschließt, sondern versucht, sie nebeneinander bestehen zu lassen. Es ist normal, ja sogar wünschenswert, dass es eine vorherrschende Richtung gibt, aber wenn man auch anderen Sektoren Raum gibt, ist das eine Bereicherung, die niemandem etwas wegnimmt. Je vielfältiger ein Gebiet ist, desto mehr können die verschiedenen Sektoren voneinander profitieren. Denken Sie an das Handwerk, die Landwirtschaft und die Viehzucht: handgefertigte Produkte, gepflegte Landschaften und lokale Lebensmittel stärken den Tourismus und kurbeln ihn an. Und umgekehrt.

Dies gilt für Wolkenstein in Gröden, aber auch für Bergorte, in denen es keinen Tourismus gibt. In Seren del Grappa zum Beispiel sind wir von der landwirtschaftlichen Ausrichtung des Ortes ausgegangen. In Tre Ville war es der Wunsch der Gemeinde, eine kleine Tourismusdestination zu schaffen, die im Einklang mit der lokalen Bevölkerung und dem Territorium steht. Wir haben daran gearbeitet, eine Form des Tourismus zu fördern, der neue Zielgruppen anziehen kann, die an ursprünglichen und authentischen Erfahrungen interessiert sind. Es macht keinen Sinn, der lokalen Bevölkerung etwas wegzunehmen, um es den Gästen zu geben, es können viele Win-Win-Situationen entstehen. Wenn es sich an einem Ort gut lebt, wird man dort auch gern Urlaub machen.

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