Eurac Research, die Steinbeis-Hochschule und BASIS Vinschgau Venosta luden zu einer Konferenz in zwei Akten: "(Un)Gleichheit neu denken" und "Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0"
Nord-Süd-Gefälle und Geschlechtergerechtigkeit
Eine andere Dimension von Ungleichheit, nämlich jene innerhalb der italienischen Regionen sprach der Wirtschaftshistoriker Pier Francesco Asso von der Universität Palermo an. In keinem anderen europäischen Land sei das Nord-Süd-Gefälle ausgeprägter und anhaltender. Betrachte man die zeitgenössische Wirtschaftsgeschichte des Mezzogiorno, so stechen die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts als besonders fatal hervor. Eine mögliche Gegenmaßnahme sei vor allem die Stärkung kooperativer Netzwerke. Diese seien zwar vorhanden, konzentrierten sich im Gegensatz zu Unternehmen im Norden aber auf informelle Kontakte, Familien- und Freundeskreise, wodurch wenig Austausch und Innovation zustande komme. Stefanie Kisgen, geschäftsführende Direktorin der Steinbeis-Hochschule, sprach von der Notwendigkeit eines disruptiven Leaderships, um nachhaltige Veränderungen durchzusetzen. Genderungleichheiten in Führungspositionen thematisierte hingegen die brasilianische Juristin Juliana Oliveira Nascimento. Als eine der Gründerinnen des Frauennetzwerks „Compliance Woman Committee“, setzt sie sich für die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung von Frauen nach den Leitlinien der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung ein.
Die Südtiroler Realität im Fokus der Diskussion
Geschlechtergerechtigkeit war auch eines der Themen in der Diskussionsrunde mit Cristina Masera, Generalsekretärin des Gewerkschaftsbundes AGB/CGIL, Esther Ausserhofer, Vizepräsidentin der Jungunternehmer im Unternehmerverband und dem Politikwissenschaftler Thomas Benedikter, moderiert von Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies. Noch immer werde 80 Prozent der Teilzeitarbeit von Frauen ausgeführt. Es brauche einen Kulturwandel, in dem auch Männer sich vermehrt an der Care-Arbeit beteiligen und Teilzeitmodelle etwa in einem Verhältnis von 80 zu 80 für Männer und Frauen attraktiv werden, betonte Ausserhofer. Vielfalt im Betrieb sei eine Bereicherung, keine Bremse, sie bringe innovativere Lösungen und sei nicht zuletzt ein Hebel für den Fachkräftemangel. Anzusetzen sei außerdem bei einer Vereinfachung im Vertragssystem, hob Cristina Masera hervor. Über 900 Vertragsformen gebe es in Italien. Es sei kein Wunder, dass sich insbesondere die jüngere Generation zu wenig in dem Bereich auskenne. Auch was die prekären Anstellungsbedingungen im Niedriglohnsektor anbelange, sei die Provinz gefragt. Viele Personen hätten zwar Arbeit, verdienen aber derart wenig, dass sie trotzdem auf Sozialhilfen angewiesen seien. Das koste die Provinz im Grunde mehr, als wenn sie prekäre Arbeitsverhältnisse internalisieren und einen gerechten Lohn bezahlen würde. In Südtirol gelinge es, die Armut durch Sozialleistungen zu reduzieren, unterstrich auch Thomas Benedikter. Trotzdem gebe es eine ungleichere Gesellschaft als etwa in Nordtirol, Österreich und Deutschland. Die Ungleichheit sei der Preis für das schnelle Wachstum in den vergangenen 30 Jahren. Die ungleiche Einkommensverteilung sei vor allem einem wenig progressiven Steuersystem mit vielen Schlupflöchern geschuldet sowie der geringen Gegenmacht von Arbeitnehmenden und Gewerkschaften. Auch sei es bislang nicht gelungen, leistungsloses Vermögen zur Verantwortung zu ziehen.
Churburger Wirtschaftsgespräche: (Un)Gleichheitsverhältnisse im ländlichen Raum
Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Heiko Hauser, Hannes Götsch, Projektleiter von BASIS Vinschgau Venosta und Johannes Graf Trapp, dem Initiator der Churburger Wirtschaftsgespräche, standen in Schluderns nicht nur die regionale Ebene und Ungleichheitsverhältnisse in Südtirol, sondern auch die konkrete Mitarbeit der Teilnehmenden im Vordergrund. In der Diskussionsrunde mit Barbara Unmüßig und Davide Brocchi gab es zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum, das teils sehr konkret auf die akuten Probleme in Südtirol einging. Dabei wurde die Mobilitätspolitik ebenso genannt, wie die Defizite in der Sozialpolitik, wo gerade im Bereich Familie noch viel zu tun sei. Die Verantwortung dafür könne nicht auf die Bürgerinnen und Bürger abgeschoben werden.
Gemeinsam mit Philipp Corradini (Forscher am Institut für Regionalentwicklung) und Philipp Rier (Raumplaner), wurden Lösungsvorschläge zur Stadt-/Landflucht erarbeitet. Das Thema leistbares Wohnen wurde in Zusammenarbeit mit Ulrich Santa (Direktor der KlimaHaus-Agentur) und Ulrich Kriese (Stiftung Edith Maryon) diskutiert, während der Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt nach den Impulsvorträgen von Stefan Perini (Direktor des Arbeitsförderungsinstituts) und Matthias Einhoff (Zentrum für Kunst und Urbanistik) beleuchtet wurde. An allen drei Arbeitstischen, die von Elisa Innerhofer, Vittoria Brolis und Daria Habicher moderiert wurden, wurde deutlich, dass finanzielle und soziale Unsicherheiten Bremsen der Innovation darstellen und vor allem jungen Menschen wenig Möglichkeiten geboten werden, tatsächlich aus bestehenden Systemen auszubrechen und Neues zu wagen. Die Diskrepanz zwischen Löhnen und Lebenshaltungskosten sei eklatant. Es brauche mehr Partizipation, doch müsse diese so gestaltet werden, dass auf partizipative Initiativen auch eine tatsächliche Umsetzung folgt. Auch wurde hervorgehoben, dass Südtirol in seiner Förderpolitik zu sehr auf technische Innovationen setze und dabei leider auf soziale Innovationen vergesse.
Dimensionen globaler Gerechtigkeit - Barbara Unmüßig
Disuguaglianze regionali in Italia: Nuove riflessioni sul divario nord-sud - Francesco Asso
(Un)Gleichheitsverhältnisse in Südtirol: Podiumsdiskussion
Gender Inequalities in Leadership Positions - Juliana Oliveira Nascimento
Organisation
Eurac Research
Center for Advanced Studies
Drususallee 1 / Viale Druso 1
39100 Bozen / Bolzano
T +39 0471 055 801
advanced.studies@eurac.edu
School of International Business and Entrepreneurship (SIBE)
Steinbeis-Haus Herrenberg
Kalkofenstraße 53
71083 Herrenberg
T +49 (0) 70 32-9458-0
info@steinbeis-sibe.de
BASIS Vinschgau Venosta
Drusus-Kaserne / Caserma Druso
Kortscher Straße 97 / Via Corzes 97
39028 Schlanders / Silandro
T +39 333 9754800
hello@basis.space




