Klebrige Überlebenskünstler
Feuchtgebiete sind Landschaften, in denen der Boden mehr oder weniger dauerhaft mit Wasser gesättigt ist – etwa Sümpfe, Moore, Bruchwälder und Auen. Diese wichtigen Ökosysteme fördern die Artenvielfalt, regulieren den Wasserkreislauf und sorgen für eine bessere Wasserqualität. In Südtirol sind Auwälder fast vollständig aus den Talböden verschwunden.
„Feuchtgebiete sind für die biologische Vielfalt extrem wichtig“, erklärt Andreas Hilpold, Biologe und Koordinator des Biodiversitätsmonitorings Südtirol. „In fast allen taxonomischen Gruppen gibt es hochspezialisierte Arten, die ausschließlich in diesen Lebensräumen vorkommen. Dazu gehören Insekten wie Heuschrecken und Schmetterlinge, aber auch viele Vogelarten, die Feuchtgebiete zum Jagen, Trinken und Brüten nutzen. Vögel sind zwar mobiler als andere Tiere und nicht auf einen einzigen Lebensraum beschränkt, aber dennoch ist ein großer Teil der regionalen Artenvielfalt auf Feuchtgebiete angewiesen und kann ohne sie nicht überleben.“
Jahrhundertelang war das Gebiet zwischen Meran und Salurn von ausgedehnten Auwäldern geprägt. Die Etsch (und einige ihrer kleineren Nebenflüsse) floss frei in Mäandern und ohne Regulierung, und Feuchtgebiete bestimmten den Talboden. Für die Menschen brachte das auch Probleme mit sich: Krankheiten wie Malaria waren weit verbreitet, besonders im Raum Bozen und im Unterland. Im 18. Jahrhundert wurden unter Kaiserin Maria Theresia die ersten größeren Maßnahmen ergriffen, um die Sümpfe trocken zu legen. Später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wurden die verbliebenen Auwälder nach und nach gerodet und machten dem Obstbau Platz. Mit der Urbanisierung und Industrialisierung verschwanden Feuchtgebiete und Auen fast vollständig.
Eine historische Karte aus dem Jahr 1716 von Bozen und Umgebung. Unten links ist das noch nicht entwässerte Unterland zu sehen.
Credit: Gabriel Bodenehr | All rights reservedDie besondere Dymanik dieser vom Wasser geprägten Lebensräume hat eine ganz eigene Pflanzenwelt hervorgebracht. Fettkräuter (Pinguicula), Wasserschläuche (Utricularia) und Sonnentauarten (Drosera) sind nicht nur botanische Kuriositäten, sondern spielen auch eine wichtige Rolle in den Ökosystemen der Feuchtgebiete: Sie werden oft als fleischfressende Pflanzen bezeichnet, auch wenn „insektenfressend“ korrekter wäre – oder, im Falle der Wasserschläuche (Utricularia) und Wasserfallen (Aldrovanda), „planktonfressend“.
„Viele Menschen sind überrascht, dass es auch in Italien Insektivoren gibt. Sie denken, dass solche exotischen Arten nur in tropischen Regenwäldern vorkommen.“
Roberto Dellavedova
Da sie auf nährstoffarmen Böden gedeihen, haben diese Pflanzen eine besondere Überlebensstrategie entwickelt: Sie ergänzen ihre Ernährung durch Insekten (und Plankton). Die sind außerdem für ihre Fortpflanzung zuständig. Deshalb tragen diese Spezialisten oft besonders auffällige und schöne Blüten. Ihre Strategie besteht darin, die Blüten am Ende langer Stiele wachsen zu lassen. So werden Insekten, die die Pflanze nur für ihre Bestäubung braucht, von den „hungrigen“ Blätterfallen ferngehalten. Eine brillante evolutionäre Lösung: Die Pflanzen regulieren zum einen die Insektenpopulationen und nutzen sie andererseits für ihre Fortpflanzung. Da beide Merkmale dazu beitragen, das empfindliche Gleichgewicht des Lebens in Feuchtgebieten aufrechtzuhalten, gelten insektenfressende Pflanzen als Zeichen für ein gesundes, funktionierendes Ökosystem.
„Viele Menschen sind überrascht, dass es auch in Italien Insektivoren gibt. Sie denken, dass solche exotischen Arten nur in tropischen Regenwäldern vorkommen. Wenn sie diese Pflanzen in freier Natur sehen, sind sie nicht nur erstaunt, dass sie hier wachsen, sondern auch darüber, wie klein sie sind”, erzählt Roberto Dellavedova, der regelmäßig botanische Exkursionen begleitet. „Pflanzen wie der Sonnentau (Drosera) sind hochspezialisiert und überleben nur unter ganz bestimmten Umständen. Sie wachsen auf Torfmoosen (Sphagnum), die ein saures Milieu schaffen, in dem andere Pflanzen kaum Konkurrenz darstellen. Außerdem braucht Sonnentau viel Licht: Wenn sich Moore verändern und höhere Pflanzen weniger Sonnenstrahlen durchlassen, verschwinden diese Arten. In dichten Beständen können Sonnentau-Pflanzen sogar zusammenarbeiten und mit vereinten Kräften vergleichsweise große Insekten wie Libellen fangen.“
Die hierzulande wohl bekannteste insektenfressende Pflanzenart ist der Sonnentau (Drosera). Mit klebrigen Drüsenhaaren auf seinen Blättern fängt er Insekten, die dann durch Enzyme verdaut werden.
Credit: Eurac Research | Roberto DellavedovaPinguicula, auch Fettkräuter genannt, nutzen klebrige Fallen auf der Blattoberfläche, mit denen sie Insekten fangen, die das Pech haben, darauf zu landen, und sie langsam verdauen. Fettkräuter kommen in ganz unterschiedlichen Lebensräumen vor. Anders als viele andere insektenfressende Pflanzen wachsen sie nicht hauptsächlich in Mooren, sondern vor allem in der Nähe von Quellen, entlang von Sickerwasserstellen, an feuchten Felswänden und auf nassen, steinigen Untergründen.
Die fettig glänzenden Blätter des Fettkrauts dienen dazu ahnungslose Mücken zu fangen.
Credit: Eurac Research | Roberto DellavedovaDie klebrigen Blätter wurden auch für medizinische Zwecke verwendet: Pinguicula vulgaris wird eine antiseptische und wundheilende Wirkung zugeschrieben. Hirten behandelten damit etwa kleinere Verletzungen. In einigen norditalienischen Dialekten sind Namen überliefert, die auf diese Nutzung hinweisen. Die Pflanze wird mancherorts beispielsweise Erba dal mal di tài genannt, was so viel bedeutet wie „Kraut gegen Schnittwunden“.
Ein kleiner, aber erbarmungsloser Jäger – das Fettkraut wird oft mit gewöhnlichen Sukkulenten verwechselt.
Credit: Eurac Research | Roberto DellavedovaWasserschläuche oder Utricularia sind besonders raffiniert: Ihre winzigen, unter Wasser liegenden Fangblasen erzeugen ein Vakuum, das Beutetiere innerhalb von Millisekunden einsaugt. Die sehr unterschiedlichen Strategien dieser Pflanzen verfolgen alle dasselbe Ziel: das Überleben in einer anspruchsvollen Umgebung. Dellavedova erklärt: „Utricularia ist eine beeindruckende insektenfressende Pflanzenart, die in sauberen Teichen und seichten Gewässern lebt. Sie treibt an der Wasseroberfläche und hat keine Wurzeln. Durch Pflanzenfragmente, die an den Füßen von Enten oder anderen Wasservögel haften bleiben, kann sie immer wieder neue Teiche besiedeln. Diese Fragmente überleben auch, wenn sie austrocknen. Sobald sie wieder mit Wasser in Kontakt kommen, wachsen sie einfach weiter.“
Wasserschläuche (Utricularia) zählen zu den schnellsten Jägern in der Natur. Ihre winzigen Fallen schnappen in weniger als einer Millisekunde zu – schneller als ein Wimpernschlag. Dabei wird die Beute wie durch mikroskopisch kleine Staubsauger eingesaugt.
Credit: Eurac Research | Roberto DellavedovaDie Blätter des Sonnentaus (Drosera) sind mit kleinen, feinen Stielen bedeckt, an deren Spitzen sich klare, klebrige Tröpfchen befinden. Die Tröpfchen funkeln wie Morgentau und dienen dazu, Insekten zu fangen. Vor langer Zeit beobachteten Menschen, dass die Pflanze auch an trockenen Sonnentagen immer taufeucht aussah, daher ihr deutscher Name. Drosera stammt hingegen vom griechischen δροσερός (=droserós) und bedeutet… Tau.
Dieser hungrige Sonnentau hat eine Ameise erbeutet.
Credit: Eurac Research | Roberto DellavedovaEine der Leidtragenden der verschwindenden Feuchtgebiete ist Aldrovanda vesiculosa, die Wasserfalle. Diese seltene, frei schwimmende Wasserpflanze erbeutet kleine Beutetiere mit schnappenden Fangblättern – ähnlich wie die Venusfliegenfalle. Schon Charles Darwin war von insektenfressenden Pflanzen fasziniert. In seinem 1875 erstmals veröffentlichten Werk schrieb er begeistert: „Diese Pflanze, gemeinhin als Venusfliegenfalle bekannt, ist eine der wunderbarsten der Welt.“
Aldrovanda vesiculosa war hingegen einst in den nährstoffarmen Feuchtgebieten und langsam fließenden Gewässern Italiens heimisch. Heute gilt sie hierzulande als ausgestorben – eine Folge von Wasserverschmutzung, Trockenlegung von Feuchtgebieten und Lebensraumverlust.
„Einige insektenfressende Pflanzenarten sind sehr selten und müssen sorgfältig beobachtet werden, um ihr Überleben zu sichern.“
Andreas Hilpold
Die Lebensräume dieser hochspezialisierten Arten in Südtirol sind sehr klein und stark zersplittert. Infolgedessen sind die Populationen begrenzt und oft weit voneinander entfernt. Aus genetischer Sicht ist das von großer Bedeutung: Jede Population hat eigene, einzigartige Eigenschaften entwickelt, was ihre Erhaltung besonders wertvoll macht.
Im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings Südtirol werden Feuchtgebiete im ganzen Land systematisch untersucht. Dabei unterscheidet das Programm zwei Haupttypen: Seeufer und Torfmoore. Beide sind durch dauerhaft wassergesättigte Böden und eine hoch spezialisierte Vegetation geprägt. Insgesamt werden zehn Seeufer- und zehn Moorstandorte beobachtet – also 20 Feuchtgebiete –, um ihre Vielfalt und ökologischen Dynamiken zu erfassen. Im Zuge des Monitorings wurden acht insektenfressende Pflanzenarten nachgewiesen: drei Sonnentau-Arten in Mooren sowie drei Fettkraut- und zwei Wasserschlauch-Arten.
„Einige insektenfressende Pflanzenarten sind sehr selten und müssen sorgfältig beobachtet werden, um ihr Überleben zu sichern. “ Ein Beispiel ist Drosera intermedia, die in Südtirol nur an wenigen Standorten vorkommt – möglicherweise an weniger als fünf“, erklärt Andreas Hilpold. „Die meisten Bestände von Drosera- und Utricularia-Arten befinden sich in Schutzgebieten, die eine entscheidende Rolle dabei spielen, diese empfindlichen Lebensräume vor Entwässerung, Verschmutzung und Veränderungen der Landnutzung zu bewahren. Auch wenn ein Zuwachs eher unwahrscheinlich ist, zeigt das Monitoring, dass die Populationen in den am besten geschützten Standorten derzeit stabil sind.“
Feuchtgebiete zu schützen bedeutet, diese bemerkenswerten Pflanzen zu bewahren – auch wenn die meisten von uns sie nie aus nächster Nähe sehen werden. Ihr Verschwinden würde nicht nur den Verlust botanischer Besonderheiten bedeuten, sondern auch den Zusammenbruch ganzer Ökosysteme, die still und leise zur biologischen Vielfalt, Wasserqualität und Klimaresilienz beitragen.
Drosera intermedia, die seltenste Sonnentau-Art Südtirols, kommt nur an einigen wenigen Standorten vor.



